Wie kann Verdi kämpferischer werden?
Interview: Max Grigutsch
Das am Wochenende in Kassel anstehende bundesweite Treffen des »Netzwerks für eine kämpferische und demokratische Verdi« steht unter anderem im Zeichen der Militarisierung. Wie positioniert sich die Gewerkschaft Verdi derzeit zu Krieg und Aufrüstung?
Auf dem letzten Bundeskongress wurde im Grunde über eine Aufweichung der bisherigen Antikriegspositionen von Verdi und der Gewerkschaften insgesamt debattiert. Das ganze hat angefangen mit Diskussionen über den Ukraine-Krieg und über Waffenlieferungen. Auch zum israelischen Staat hat Verdi eine unkritische Position bezogen. Das Thema wird außen vor gelassen. Es wäre absolut notwendig, dass die Gewerkschaften sich klar gegen diese Kriegspolitik und gegen die Militarisierung in Stellung bringen.
Wie sieht es an der Basis aus?
Es herrscht eine riesige Verunsicherung. Auf Streiks sagen mir viele Kolleginnen und Kollegen, früher seien sie pazifistisch gewesen, aber jetzt nicht mehr, es führe kein Weg mehr an Aufrüstung vorbei. Das ist das Resultat dieser Dauerpropaganda von Politik und Medien. Aber sehr viele sind dagegen. Sie haben zum Beispiel ein Problem damit, dass ein Staat wie Israel, der offensichtlich Massenmord begeht, unterstützt wird. Es wäre die Aufgabe der Gewerkschaften, eine unabhängige Klassenposition einzunehmen und deutlich zu machen: Diese Kriege sind nicht im Interesse von Demokratie, von Freiheit oder von Friedenssicherung. Diese Kriege sind nicht im Interesse der Arbeiterklasse. Es sind Interessen der Konzerne und Banken, die da verfolgt werden.
Ab Frühjahr stehen bei Verdi die sogenannten Organisationswahlen an. Was wird da gewählt?
Gewählt werden zunächst Vertrauensleute und Betriebsgruppenvorstände, dann die Bezirkskonferenzen, Landeskonferenzen und so weiter.
Ihr Netzwerk steht für eine kämpferische Ausrichtung der Gewerkschaft und für transparente und demokratische Gewerkschaftsstrukturen. Wo hapert es denn bei diesen Themen?
Der Verdi-Apparat ist inzwischen ein ziemlich bürokratischer Koloss. Der ist sehr schwierig zu durchschauen, und es ist genauso schwierig, auf die konkrete Gewerkschaftspolitik Einfluss zu nehmen. Bei diesen Orgawahlen sollen die Gremien noch verkleinert werden. Das wird dazu führen, dass die Kollegen aus den Betrieben noch weniger Einfluss haben. Bei den Tarifrunden zeigen wir auch immer auf, dass es nicht gut läuft. Die streikenden Kollegen müssten das Zepter in der Hand haben, um zu entscheiden, wie die Arbeitskämpfe laufen. Sie müssten entscheiden können, ob ein Angebot angenommen oder weiter gestreikt werden soll, etwa durch gewählte Streikdelegierte. Außerdem wissen die meisten gar nicht genau, wie sie ihre Meinung überhaupt kundtun können. Das Problem fängt schon damit an, dass es eine gewisse Entleerung der Betriebsgruppenstrukturen gegeben hat. Dabei wäre es da besonders notwendig, Leute mit einer kämpferischen Politik zu begeistern und für die Gewerkschaft zu aktivieren.
Die Verdi-Führung würde sagen, dass die Strukturen bereits demokratisch sind.
Viele Entscheidungen liegen in der Praxis bei hauptamtlichen Strukturen. Auch diese müssten gewählt werden und jederzeit abwählbar sein. Wir sind zudem für eine Begrenzung der Funktionärsgehälter. Es ist nicht gerechtfertigt, dass Funktionäre in den oberen Gremien wesentlich mehr verdienen als das durchschnittliche Verdi-Mitglied. Das bedeutet schließlich, dass diese Leute sich immer mehr abheben und das normale Leben der Kollegen nicht mehr nachvollziehen können.
Wie will sich Ihr Netzwerk bei den Wahlen einbringen?
Will man eine kämpferische Alternative in die Gewerkschaften hineintragen, muss man sich dem auch stellen und sich in Positionen bringen. Bei unserem Treffen in Kassel werden Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Orten und Bereichen da sein. Jeder, der bei Verdi aktiv ist, kann sich unter netzwerk-verdi.de anmelden und dazukommen. Wir werden sehen, wie stark wir aufgestellt sind. Deswegen wollen wir uns vernetzen: um zu sehen, wo man im Gesamtkomplex Verdi Beispiele setzen kann. Es ist wichtig, das mit wirklich aktiven Kollegen in organisierten Betriebsgruppen zu unterfüttern. Letztendlich muss der Druck aus den Betrieben selbst kommen.
Angelika Teweleit ist Sprecherin des »Netzwerks für eine kämpferische und demokratische Verdi«
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