In einer besseren Welt
Von Gabriel Kuhn
Die Frage, ob Boykotte in der Welt des Sports sinnvoll sind, ist nicht leicht zu beantworten. Die Frage soll allerdings nicht Gegenstand dieses Textes sein. Es handelt sich um ein Gedankenspiel.
Was, wenn die Welt eine andere wäre? Eine Welt, in der die internationale Gemeinschaft die Handlungen aller staatlicher Regierungen mit gleichen Maßstäben misst? Was, wenn sich die internationale Gemeinschaft darauf einigen würde, den von den USA mit der Entführung des venezolanischen Staatschefs Nicolás Maduro begangenen Völkerrechtsbruch zu sanktionieren? Was würde das für den Sport bedeuten?
Zunächst wären alle geplanten Großveranstaltungen in den USA zu boykottieren. Zwei stechen heraus: die Fußball-WM der Männer 2026 und die Olympischen Sommerspiele in Los Angeles 2028.
Die Fußball-WM veranstalten die USA nicht allein, auch Kanada und Mexiko sind dabei. Würden sich Orte in Kanada und Mexiko finden lassen, um die in den USA geplanten Spiele zu ersetzen? Möglicherweise. Man könnte auch auf andere Länder der Region ausweichen. Venezuela zum Beispiel. Endspiel im Estadio Monumental de Maturín als Zeichen internationaler Solidarität. Halbfinalspiele in Kolumbien und auf Kuba, um zu markieren: Yankees, haltet euch fern, wir stehen auf der Seite derjenigen, die von imperialistischer Aggression bedroht sind! Ein US-Team würde natürlich nicht auflaufen, es dürfe nicht mehr mitspielen.
Die Olympischen Sommerspiele 2028 wären zu verlegen. Dafür bliebe Zeit. Naheliegend wäre es, eine der Städte zu wählen, die Los Angeles bei der Wahl zur Vergabe der Spiele unterlegen waren. Das Problem: Solche Städte gibt es nicht, denn es gab keine Wahlen. Das Internationale Olympische Komitee hatte sich auf Los Angeles quasi mit sich selbst geeinigt. Kann man auch machen. Also vielleicht eine Stadt, die erst vor kurzem Olympische Sommerspiele veranstaltet hat? Dort sollte die Infrastruktur doch noch halbwegs in Schuss sein. Paris? Tokio? Rio! So könnte die internationale Gemeinschaft Lateinamerika zusätzlich den Rücken stärken.
Dürften US-Athleten dann an den Start gehen? Nicht in einem Mannschaftssport, das ist klar, und als Einzelsportler keinesfalls unter US-amerikanischer Flagge. Wagt es ein Fan, den anstößigen Stoff auszupacken, fliegt er raus. Aber wie steht es mit dem Antreten unter neutraler Flagge? Könnte gehen, müsste aber ausführlich geprüft werden. Die neutralen Anzüge dürften etwa keine rot-weiß-blauen Farbkombinationen aufweisen, die Welt lässt sich schließlich nicht für blöd verkaufen. Gründlichst zu untersuchen wären die Social-Media-Konten. Ein Like für einen MAGA-Post? Durchgefallen. Kein Like für einen MAGA-Post, aber auch keine deutliche Stellungnahme dagegen? Grenzwertig. Sportler, die auf Aufnahmen zu sehen sind, wo sie andächtig und mit Hand aufs Herz der US-Hymne lauschen? Möglicherweise okay, wenn der Präsident Obama oder Biden hieß. Unter Trump? No-go.
Dieselben Kriterien müssten bereits für die Olympischen Winterspiele gelten, die am 6. Februar in Mailand eröffnet werden. Unter den US-Wintersportlern gibt es durchaus Kandidaten für den Status als neutraler Athlet. Alpinsuperstar Mikaela Shiffrin hat sich, zwar vorsichtig, aber doch, besorgt zur politischen Lage in ihrem Land geäußert. Langlaufolympiasiegerin Jessica Diggins erobert weltweit Herzen mit strahlendem Lächeln und sozialem Engagement. Und Gus Schumacher, immerhin Sieger von zwei Weltcuprennen im Langlauf, musste sich vor dem US-Kongress für seine Kritik am Rassismus und der Polizeigewalt in den USA verantworten (eigentlich sollte es bei der Befragung um den Klimawandel gehen, aber die republikanischen Abgeordneten nahmen es nicht so genau). Doch was geschah am Tag der Verhaftung Maduros? Diggins gewann die Tour de Ski, Schumacher wurde Siebter, und Shiffrin schrammte beim Weltcupslalom in Kranjska Gora knapp an Platz eins vorbei, während alle so taten, als wäre nichts geschehen. Will man großzügig sein: Olympiateilnahme vielleicht, aber dafür müssten sie vorher noch Abbitte leisten.
Gut, seien wir ehrlich: Keines dieser Szenarien wird eintreten. FIFA-Präsident Gianni Infantino wird statt dessen die Fußball-WM in den USA als die beste aller Zeiten preisen und Donald Trump vielleicht gleich einen weiteren Friedenspreis verleihen, Los Angeles wird 2028 die beste Show bieten, die die Welt je gesehen hat, und in Mailand und Cortina d’Ampezzo werden uns »USA, USA«-Rufe peinigen und US-Athleten zum »Star Spangled Banner« eine Träne auf dem Podium verdrücken. Die Welt ist eben nicht gerecht, aber das ist nichts Neues.
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