Immerhin ein Lichtblick
Von Marc Hairapetian
Manchmal kann auch die wiedererlangte Freiheit ein Gefängnis sein. Die 27jährige Millie Calloway (Sydney Sweeney) war in Haft, weil sie einen Mann daran gehindert hatte, ihre Freundin anzugreifen. Nachdem sie ihren Job und ihre Wohnung verloren hat, lebt sie im Auto, ist verzweifelt auf Jobsuche und findet schließlich eine Anstellung auf Long Island als Hausmädchen bei der wohlhabenden Familie Winchester. Ihr werden auch Unterkunft und Verpflegung geboten. Also beste Voraussetzungen für einen Neustart? Mitnichten.
Nina Winchester (Amanda Seyfried) verhält sich mehr als kapriziös und macht Millie absurde Unterstellungen. Cecilia (Indiana Elle), die altkluge Tochter des Hauses, behandelt sie respektlos, lediglich Ninas Ehemann Andrew (Brandon Sklenar) scheint ihr wohlgesonnen zu sein. Entspannen kann sich Millie folglich nicht bei ihrem Job: Das Ehepaar verbirgt zudem ein dunkles Geheimnis und verwickelt das Hausmädchen in ein undurchsichtiges Intrigenspiel.
Paul Feigs Verfilmung des Bestsellers »The Housemaid – Wenn sie wüsste« hätte ein komplexer Psychothriller mit hohem Unterhaltungswert werden können, ist aber nicht mehr als prätentiöse Dutzendware. Das bewusst schundromanhafte der Vorlage der Vielschreiberin Freida McFadden, deren Bücher so hirnrissige Titel wie »Der Freund – Ist er dein Traumpartner oder dein Killer?« tragen, wird weitgehend ausgeklammert. Statt spannungsgeladenem Trash wird routiniertes Hochglanz-Hollywoodkino geboten.
Sydney Sweeney (»Everything Sucks!«, 2018; »Reality«, 2023; »Immaculate«, 2024) bleibt als hintergangenes Hausmädchen blass. Dabei ist man durchaus ein strahlendes Auftreten von ihr gewohnt. Im Sommer 2025 geriet sie freilich in die Schlagzeilen, als sie dank einer Werbekampagne des US-amerikanischen Modelabels American Eagle mit dem Slogan »Sydney Sweeney Has Great Jeans« polarisierte. Die angepriesenen »tollen Jeans« spielen auf die homophonen »great genes«, die »guten Gene«, an. Die Doppeldeutigkeit des Slogans veranlasste Kritiker, vor allem in den sozialen Netzwerken, von »Eugenik« und »White Supremacy« zu sprechen und zum Boykott der Marke aufzurufen.
Doch es gibt in dem Film immerhin einen Lichtblick in Gestalt von Amanda Seyfried (»Mamma Mia!«, 2008; »Enzo und die wunderbare Welt der Menschen«, 2019; »Long Bright River«, 2025). Die gibt auch diesmal – entsprechend den immer absurderen Wendungen – dem Affen tüchtig Zucker. In den USA klingelten die Kinokassen vielleicht auch deshalb, und so droht jetzt schon eine Fortsetzung unter dem Titel »Housemaid’s Secret – Sie kann dich hören«.
»The Housemaid – Wenn sie wüsste«, Regie: Paul Feig, USA 2025, 132 Min., bereits angelaufen
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Martin M. aus Paris (18. Januar 2026 um 22:02 Uhr)Habe den Film nach ca. 40 Minuten verlassen. Lohnt sich nicht. Unabhängig davon, fiel die Kritik in Frankreich z. T. viel schlechter aus, als im obigen Artikel. Dass der Film in den USA ein »Kassenschlager« war, zeugt erneut von deren simpler Massenkultur. Klar ist das »stereotypisch«, vereinnahmend und vereinfachend. Trifft leider zu; genauso wie in anderen westlichen »hochkulturellen« Ländern.
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