»Sexismus, Rassismus und Homophobie sind weit verbreitet«
Von Gabriel Kuhn
Im August 2023 spielten Sie beim HC Elbflorenz Dresden in der zweiten Bundesliga, in der Sächsischen Zeitung trug ein Artikel über Sie den Titel »So tickt Dresdens extravagantester Handballer«. Wie kommt man denn zu dieser Ehre?
Na ja, das ist das, was der Journalist daraus gemacht hat. In dem Artikel standen so Sachen wie, dass ich lange Haare habe und meine Fingernägel lackiere. Es braucht in diesem Milieu nicht viel, um aufzufallen.
Wie kamen Sie zum Handball?
Ich wuchs in Oberdorla in Thüringen auf, das ist ein Handballdorf. Einen Fußballverein gibt es dort nicht. Mit 14 Jahren wechselte ich zum Nachwuchs des ThSV Eisenach.
Dort spielten Sie später mit der ersten Mannschaft in der Bundesliga, bevor es weiter nach Dresden ging. Schließlich spielten Sie noch drei Monate lang in Italien, bevor Sie Ende 2024 Ihre Karriere beendeten. Da waren Sie erst 25 Jahre alt – was war geschehen?
Es hatte sich viel Frust angestaut, und ich wollte nicht mehr jeden Tag auf dieselben Probleme stoßen. Ich hatte gehofft, dass die Dinge in Italien etwas anders laufen, aber so war es nicht. Es war letztlich genau so wie in Deutschland.
Was meinen Sie?
Im Handball werden zahlreiche diskriminierende Strukturen reproduziert. Sexismus, Rassismus und Homophobie sind weit verbreitet. Wenn man bedenkt, wie in der Kabine über Schwulsein gesprochen wird, fragt man sich, welcher schwule Spieler sich da je outen soll. Vor allem auf Jugendliche kann sich diese Kultur sehr negativ auswirken.
Haben Sie die Probleme benannt?
Ja, als ich in der internen Hierarchie weit genug aufgestiegen war. Die Hierarchien sind im Mannschaftssport sehr ausgeprägt. Als jüngerer Spieler war ich sehr zurückhaltend. Darüber konnten sich Mitspieler auch lustig machen: »Mensch, Marius, jetzt quatsch nicht immer so viel!«
Als Sie die Probleme dann benannt hatten, konnten Sie Einfluss nehmen?
Grundlegend habe ich die Kultur sicher nicht verändern können. Aber ich merkte schon, dass Leute um mich herum etwas vorsichtiger wurden. Sie sagten Sachen wie: »Marius, hab ich jetzt wieder etwas Falsches gesagt?«
Ich machte mich mit meinem Vorgehen natürlich zur Angriffsfläche und musste mich oft rechtfertigen. Aber nichts zu sagen, war keine Option. Und wenn es Leute störte, zeigte das letztlich nur, dass ich bei ihnen etwas bewirkte. Vielleicht dachten sie dann wenigstens ein bisschen über das, was sie gesagt hatten, nach.
Wurden Sie zur unerwünschten moralischen Instanz der Gruppe?
Das weiß ich nicht. Aber ich habe es als meine Aufgabe betrachtet, in der Kabine für gewisse Themen zu sensibilisieren und auch mal was Unbequemes zu sagen, wenn ich mir dachte: »Hey Leute, das können wir jetzt so nicht bringen!«
Ich kann mich an niemanden erinnern, der extremistisch war. Die Leute in der Kabine waren keine Menschenfeinde. Aber es gab einfach null Sensibilität, was gewisse Themen betrifft. Es ging nur darum, den krankesten Spruch rauszuhauen, um die meiste Aufmerksamkeit zu kriegen und als der coolste Macker dazustehen.
Sie dachten nicht daran, es noch einmal bei einem anderen Verein in Deutschland zu versuchen?
Nein. Nachdem der Versuch in Italien gescheitert war, sah ich keine echten Optionen mehr. Die Handballwelt ist klein, und ich habe auch außerhalb der eigenen Vereinsgrenzen viel mitbekommen. Die Probleme, die ich angesprochen habe, sind nicht auf einen Verein beschränkt. Und nicht nur auf Ostdeutschland!
Und jetzt? Nie wieder Handball?
Ich spiele total gerne Handball. Roter Stern Leipzig hat eine Handballabteilung, dort würde ich mitmachen wollen. Aber ich wohne nicht in Leipzig. Ich könnte mir auch vorstellen, bei einem Hobbyverein anzuheuern. Kann sein, dass die Kultur dort die gleiche ist, aber ich würde es probieren.
Sehen Sie sich noch Spiele in der Arena an?
Ja, alle paar Monate schaue ich in der Halle in Dresden vorbei.
Wie ist das?
Ich denke immer, dass ich gern auf dem Spielfeld stehen würde. Ich kriege natürlich auch das Drumherum mit, und dann bin ich doch froh, raus zu sein. Allerdings werde ich immer gut aufgenommen. Das gilt für ehemalige Mitspieler und Betreuer wie für Vereinsmitarbeiter und Fans. Die Fans sind ja meistens am längsten im Verein.
Ich denke, es gibt da schon eine gewisse Wertschätzung für mich. Ich wurde auch zum »Legendenspiel« eingeladen, mit dem der Verein am 14. Februar sein 20jähriges Bestehen feiern wird.
Und da werden Sie dann dabei sein?
Klar, ich freue mich über die Einladung! Ich habe mich ja nie mit jemandem zerstritten, dafür bin ich auch nicht der Typ. Eher habe ich meine inneren Konflikte ausgetragen.
Wie hat sich der Handballsport während Ihrer aktiven Zeit entwickelt?
Das Spiel ist schneller geworden, das Geschäft schnellebiger. Heute kannst du als Torwart Treffer erzielen, wenn das gegnerische Tor verwaist ist, das war früher nicht möglich. Was das Geschäft angeht, wechseln Spieler viel häufiger, Verträge werden aufgelöst und so weiter. Es geht Richtung Fußball.
An diesem Donnerstag beginnt die Handball-EM der Männer. Werden Sie das Turnier verfolgen?
Ich habe mir selten Handball im Fernsehen angeschaut, aber bei Welt- und Europameisterschaften gucke ich das eine oder andere Spiel.
Wie steht es um die Chancen des deutschen Teams? Vor zwei Jahren wurde man bei der EM im eigenen Land Vierter – eine kleine Enttäuschung.
Seit dem EM-Titel 2016 lief es nicht mehr richtig rund. Aber ich denke, die Mannschaft ist auf einem guten Weg. Das Halbfinale ist drin. Gegen die ganz Großen wie Spanien, Frankreich oder Dänemark wird es aber richtig schwer.
Wird der zukünftige EM-Sieger einer der drei sein?
Da lege ich mich auf Dänemark fest. Die sind momentan unglaublich stark, da kann keiner mithalten.
Wie geht es bei Ihnen weiter? Das Philosophiestudium haben Sie abgeschlossen.
Ich wende mich jetzt dem Holzhandwerk zu. Nach dem Ende meiner Handballkarriere habe ich gemerkt, wie befriedigend es ist, mit den Händen zu arbeiten.
Marius Noack wuchs in Oberdorla in Thüringen auf. Er war auf der Position des Torwarts als Handballprofi für den ThSV Eisenach, den HC Elbflorenz Dresden und Polisportiva Cingoli in Italien aktiv. Mit 25 Jahren beendete er seine Karriere und widmete sich dem Abschluss eines Philosophiestudiums.
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