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Aus: Ausgabe vom 12.01.2026, Seite 15 / Politisches Buch
Klassendiskussion

Klasse und Konkurrenz

Wege zur Solidarisierung: Nicole Mayer-Ahujas Buch über die Arbeiterklasse in der deutschen Klassengesellschaft
Von Peter Kremer
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Hauptsache schnelles Internet: Ein Arbeiter verlegt Glasfaserkabel unter einem Hamburger Gehweg

In ihrem aktuellen Buch »Klassengesellschaft akut« geht die Göttinger Soziologin Nicole Mayer-Ahuja der Frage nach, »warum Lohnarbeit spaltet und wie es anders gehen kann«. Die arbeitende Klasse, stellt sie fest, umfasse in Deutschland mehr als 90 Prozent der Erwerbstätigen. Für sie ist »Lohnabhängigkeit das zentrale Kriterium für die Zugehörigkeit zur arbeitenden Klasse«. Die Tatsache der Klassenzugehörigkeit führe jedoch nicht unbedingt zur Klassenformierung. Die Autorin beruft sich hier auch auf den britischen Historiker Edward P. Thompson und dessen Forschungen zur Entstehung der britischen Arbeiterklasse. Demnach handelt es sich um eine Klasse, »wenn Menschen aufgrund gemeinsamer Erfahrungen – seien sie von den Vorfahren weitergegeben oder zusammen erworben – die Identität ihrer Interessen empfinden und artikulieren, sowohl untereinander als auch gegenüber anderen, deren Interessen von ihren eigenen verschieden (und diesen gewöhnlich entgegengesetzt) sind«.

Während gesellschaftliche Lage und Notwendigkeiten der Kooperation im Arbeitsprozess die arbeitende Klasse verbinde, wirke »Konkurrenz um Arbeitsplätze und Lebenschancen« trennend: Mann/Frau, alt/jung, Stadt/Land, Produktion/Dienstleistung oder Stamm-/Randbelegschaft sowie Qualifikations- bzw. Tätigkeitsprofil, Migrationsstatus, ethnischer Hintergrund, Glaube oder Lebensstil. Diese und weitere Unterschiedlichkeiten brächten Spaltungslinien in der arbeitenden Klasse hervor und hinderten sie daran, ihre gemeinsamen Interessen zu erkennen und für sie einzutreten.

Beim Aufspüren der »Potentiale für Konkurrenz und Spaltung« sowie der »Potentiale für Kooperation und Solidarisierung« im empirischen Teil des Buches stelle sich nicht selten heraus, dass es dieselben Faktoren sein können, die beides enthalten: Ein verheißener beruflicher und sozialer Aufstieg kann trennend wirken. Unter dem Gesichtspunkt der Legitimation des Kapitalismus kann die Enttäuschung solcher Verheißungen wiederum solidaritätsstiftend wirken.

Bezogen auf die Geschlechter wird von der Autorin das Spannungsverhältnis zwischen Lohnarbeit und den Anforderungen der Reproduktion der Arbeitskraft im Rahmen der verschiedenen Varianten geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung beleuchtet. Im Bereich der migrantischen Beschäftigung wird die Bandbreite »zwischen multipler Prekarität und betrieblichem Universalismus« dargestellt. Am Beispiel der industriellen Großunternehmen wird gezeigt, wie betriebliche Rationalisierungsprozesse quer zur »Kragenlinie« verlaufen. Die Spaltung in Stamm- und Randbelegschaften sowie die Ausbreitung von Leiharbeit und die Auslagerung verschiedener Tätigkeiten werden in ihren Folgen für die sozialen Beziehungen im Betrieb analysiert. Am Beispiel der Arbeit in Reinigungs- und Sicherheitsdiensten wird gezeigt, wie »Prekarität als Geschäftsmodell« funktioniert. In Pflege und Einzelhandel werde besonders deutlich, wie der Dienst am Menschen es erschwert, für die eigenen Interessen einzutreten.

Der liberale Konsens der Nachkriegszeit sei durch die »Politik der Prekarisierung, Aktivierung und Privatisierung« ab Mitte der 1980er Jahre und die als »Reformpolitik« getarnte Fortsetzung der Erosion des Normalarbeitsverhältnisses und des Sozialabbaus der »rot-grünen« Bundesregierung aufgekündigt worden, stellt Mayer-Ahuja fest.

Alternativen zur staatlichen Politik und ihre Finanzierung sowie Anforderungen an die Demokratisierung von Unternehmen und Wirtschaft werden in dem Buch vielfach aufgegriffen und beschrieben. Mayer-Ahuja bewegt sich mit ihren Forderungen nach existenzsichernden Einkommen, sozialer Sicherung sowie dem Ausbau von öffentlichen Diensten und öffentlicher Daseinsvorsorge weitgehend im Rahmen der einschlägigen Forderungen etwa der Gewerkschaften.

Den Betriebs- und Personalräten soll aus ihrer Sicht die Verteidigung grundlegender Standards obliegen. Die Gewerkschaften sollten sich auf die »kollektive Absicherung des individuellen Anspruchs auf flexible Arbeitszeit« und eine »kurze Vollzeit für alle« konzentrieren. Schließlich müsse es darum gehen, die »kollektive Organisierung von Beschäftigten für gemeinsame Interessen« und eine »offensive politische Gewerkschaftsarbeit« zu leisten. Beim »Kampf um die Köpfe« müsse es nicht nur darum gehen, Statusängste, Misstrauen und Ohnmachtsgefühle zu überwinden, sondern es müsse über das Bestehende hinausgedacht werden. Erfahrungen im Arbeitsprozess, professionelles Ethos, widerständiges Erbe der Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung sowie die Vorstellungen von einer »gerechten Wirtschaft« – so Mayer-Ahuja – könnten Energie freisetzen.

Auffallend und bedauerlich ist, dass Mayer-Ahuja auf eine Auseinandersetzung etwa mit der Leninschen Klassendefinition oder den Überlegungen von Karl Marx zur Formierung der Arbeiter zur Klasse »für sich selbst« verzichtet. Ferner wird der Bedeutung der Erwerbslosigkeit für den Prozess der Klassenformierung zu wenig Raum gegeben. Auch die bündnispolitische Dimension der Klassenformierung fehlt. Gleichwohl ist Mayer-Ahuja ein wichtiges Buch gelungen. Es hat klare theoretische Grundlagen, ist empirisch fundiert und regt zum Nachdenken über alternative Perspektiven an. Es kann insbesondere der politischen Bildungsarbeit der Gewerkschaften nützliche Impulse geben.

Nicole Mayer-Ahuja: Klassengesellschaft akut. Warum Lohnarbeit spaltet – und wie es anders gehen kann. C. H. Beck, München 2025, 279 Seiten, 26 Euro

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (12. Januar 2026 um 13:04 Uhr)
    Vielleicht wäre es ganz nützlich gewesen, wenn der Rezensent sich intensiver mit der Frage beschäftigt hätte, warum das Buch bewusst einer Auseinandersetzung mit der Leninschen Klassentheorie aus dem Wege geht. Dass Klassen etwas mit der objektiven Stellung zu den Produktionsmitteln zu tun haben, muss man ja ausblenden, wenn man Lohnabhängigkeit und gemeinsame Erfahrungen zu ihrem Kern erklärt. So werden dann auch die lohnabhängigen Manager und Direktoren zu Teilen der Arbeiterklasse. Das wird der politischen Bildungsarbeit der Gewerkschaften gewiss neue Impulse verleihen. Dort ist man ja ohnehin davon überzeugt, dass wir alle in einem Boot sitzen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred G. aus Hamburg, Manni Guerth (12. Januar 2026 um 00:35 Uhr)
    Existenz und Existenzgerechtigkeit stehen an erster Stelle. Das heißt, Grundbedürfnisse wie Essen, Kleidung, Dach über dem Kopf etc. und Entlohnung sind notwendig – das Leben ist immer Abbildung meiner Existenz. Im Kapitalismus ist es nicht möglich, dass die Politik die Ökonomie bestimmt. Hier bestimmt die Ökonomie die Politik. Oder wie Marx sagt, ist das Leben des Arbeiters – zeitlich und finanziell – eine vom Kapital bestimmte Größe. Was bedeutet Existenzgerechtigkeit? Kurz gesagt, bedeutet das, wenn der Arbeiter die Früchte seiner Arbeit bekommt und nicht der Eigentümer der Produktionsmittel, der Chef. Warum sollte es Existenzgerechtigkeit geben? Ganz einfach. Weil wir Arbeiter mit unserer Arbeitskraft Dinge und Sachen herstellen, die sonst niemand herstellen kann. Diese Dinge werden verkauft und nur ein minimaler Teil des Erlöses bekommt der Arbeiter, den größten Teil bekommt der Chef – Mehrwert. Das bedeutet, dass wir Arbeiter das Herz der Gesellschaft sind, weil wir mit unserer Arbeitskraft und unseren Produkten die Gesellschaft am Leben halten. Die Mittelschicht produziert keinen Mehrwert, sie ernährt sich, wie die Chefs, von unserem Mehrwert, d. h. unseren Früchten. Die Frage: Wie kann man Klassenbewusstsein wecken? Meine Antwort ist: 1. Zu verstehen, wie und warum der produzierende Arbeiter auf Politik reagiert und handelt. In der produktiven Arbeitswelt benötigt man keine Theorie zur Herstellung eines Produktes. Handgriffe und Fertigkeit sind notwendig, um zu einem Ergebnis zu kommen. Diese Erfahrung spiegelt sich in ihrer politischen Haltung wider. Wenn politische Veränderung, dann muss sie »Hand und Fuß« haben. 2. Interesse wecken. Deutlich machen, dass er als Arbeiter das Hirn und Herz der Gesellschaft ist, weil ohne ihn die Gesellschaft nicht existieren kann. 3. Eine Arbeiterpartei. 4. Ein marxistischer Theoriekompass, der in einfacher Form mit vverständlichenAntworten auf konkrete Fragen der Politik, Ökonomie, Kultur, Staat, Familie usw. antwortet.

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