Nicht nur Hilfe für Inhaftierte
Von Florian Osuch
Vor zwei Jahren feierte die Rote Hilfe ihr hundertjähriges Bestehen. Seit 1924 unterstützt die Solidaritätsorganisation Menschen, die von Repression betroffen sind. Eng mit der KPD und ihrem Umfeld verbunden, entwickelte sich die Rote Hilfe in der Weimarer Republik zu einer Massenorganisation für die gesamte Arbeiterklasse. Die Unterstützung ging weit über die Vermittlung von Anwälten, juristische Beratung oder Hilfe für Inhaftierte hinaus. Für die oftmals mittellosen Arbeiter konnte eine Festnahme, ein Strafverfahren oder eine Geld- oder Haftstrafe existenzbedrohend sein. Deshalb unterstützte die Rote Hilfe auch die Angehörigen. Nach festen Sätzen erhielten etwa politische Gefangene 10 Reichsmark pro Monat, ihre Partnerinnen 20 RM und für jedes Kind weitere 10 RM, was durch Pakete mit Lebensmitteln, Kleidung und Sachspenden ergänzt wurde. Besonders unterstützt wurden die Kinder der Gefangenen. Dafür unterhielt die Rote Hilfe zwei eigene Einrichtungen in Worpswede bei Bremen und in Elgersburg in Thüringen.
Kompakt auf knapp 140 Seiten führt die Autorin Silke Makowski durch die verschiedenen Phasen der Geschichte der Organisation. Die »erste« Rote Hilfe war eine Massenorganisation mit knapp 100.000 Einzelmitgliedern in 1.510 Ortsgruppen. Anschaulich wird das breite Betätigungsfeld der vielen Aktiven, darunter viele Frauen, dargelegt. Nach der Machtübertragung an die Nazis 1933 war die Rote Hilfe eine der ersten Organisationen, die verboten wurden. Viele Mitglieder und Funktionäre wurden festgenommen. Zu ihnen gehörte der »Anwalt des Proletariats«, Hans Litten. Makowski zeichnet auch die Arbeit der Illegalität in ab 1933 nach.
Nach der Befreiung vom Faschismus wurde die Idee einer solchen Solidaritätsorganisation zunächst nicht wieder aufgegriffen. Ende der 60er Jahre griffen Rechtshilfegruppen der studentisch geprägten Protestbewegung in Westdeutschland die Idee der Roten Hilfe wieder auf. Allerdings ging der strömungsübergreifende Charakter der Organisation zunächst verloren: Vorübergehend gab es drei heftig zerstrittene und zum Teil kurzlebige Organisationen. Auch diese Episode arbeitet die Autorin kompakt heraus, ohne sich in den schrillen Details über getrennte Weihnachtsfeiern konkurrierender Rote-Hilfe-Gruppen maoistischer Prägung zu verlieren, die in der aktuellen Ausgabe der Verbandszeitschrift Die Rote Hilfe nachzulesen sind. Interessanter sind andere Streitpunkte, etwa das Verhältnis zur RAF.
Sehr lesenswert sind auch die Kapitel zur neueren Organisationsentwicklung. Durch die Nähe zu den großen Protestbewegungen der letzten Jahrzehnte – zur antifaschistischen und zur kapitalismuskritischen Bewegung mit den Gipfelprotesten in Heiligendamm (2008) und Hamburg (2017), zur kurdischen Freiheitsbestrebungen sowie Klimakämpfen – verzeichnete die Rote Hilfe zuletzt einen bedeutenden Mitgliederzuwachs. Rund 18.000 Mitglieder zählt die Organisation heute.
Einem breiten Publikum wurde die Rote Hilfe zuletzt durch den »Auftritt« Hans Littens in der TV-Serie »Babylon Berlin« bekannt. Das schützt die Organisation allerdings nicht vor Behinderung ihrer Tätigkeit, wie die kürzliche Kündigung der Konten der Organisation zeigt.
Silke Makowski: Geschichte der Roten Hilfe. Papyrossa, Köln 2025, 133 Seiten, 12 Euro
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