Lenin und die Statue
Von Matthias Rude
Kurz vor dem ersten Jahrestag der Oktoberrevolution ließ Lenin ein Denkmal für Robespierre einweihen. In Annette Ohme-Reinickes Buch über »Ursprünge und aktuelle Formen« »sozialer Bewegungen« ist dies mehr als eine historische Randnotiz: Der Jakobiner sei ein »großes Vorbild Lenins« gewesen (was keine neue Einsicht ist), sein Bildnis »die erste Statue, die er überhaupt aufstellen ließ«. Währenddessen habe »die Tscheka zum Terror gegen die Sozialrevolutionäre« aufgerufen. In dieser Szene verdichtet sich eine zentrale These ihres Buches: »Soziale Bewegung« beginne als »emanzipatorischer« Prozess der Selbstorganisation – und ende, sobald »autoritäre Strömungen« sich durchsetzen. Und das scheint immer dann der Fall zu sein, wenn tatsächlich die Machtfrage gestellt wird.
Der Band, der in der Reihe »Black Books« des Stuttgarter Schmetterling-Verlags erschienen ist, verfolgt ein recht ambitioniertes Ziel: Er will begrifflich klären, was soziale Bewegungen sind, sie geschichtlich verorten und politisch bewerten. Historisch spannt die Verfasserin einen weiten und inhaltlich merklich disparaten Bogen von der Französischen Revolution über die Arbeiterbewegung und die Neue Linke bis zum »arabischen Frühling«, Occupy und den Klimaprotesten. Es werden also weltgeschichtlich bedeutsame Klassenkämpfe mit oberflächlichen Erscheinungen der neueren Tagespolitik zusammengebunden.
Robespierre fungiert für die Autorin als Chiffre für den Umschlag von Emanzipation in Terror. Dieses Deutungsmuster überträgt sie auf Lenin und die »Entmachtung der russischen Sowjets durch die bolschewistische Partei«. Die Oktoberrevolution wird so als bewusste Zerschlagung einer lebendigen sozialen Bewegung beschrieben. »Eine Räteregierung hat es in der Sowjetunion nie gegeben«, heißt es apodiktisch. Diese aus gängigen Erzählungen des liberalen und »linken« Antikommunismus entlehnte Darstellung blendet zentrale Faktoren aus: die reale Rolle der Sowjets in den Jahren 1917 bis 1921 sowie die materiellen Bedingungen, unter denen sich die junge Sowjetmacht entwickelte – Bürgerkrieg, ausländische Intervention, ökonomischer Überlebenskampf.
Statt historischer Analyse und Einordnung findet sich in diesem Buch weithin eine politmoralische und strikt antimaterialistische Gegenüberstellung von »Emanzipation« und »Autorität«. Die Bolschewiki, um bei diesem Beispiel zu bleiben, erscheinen nicht als politische Kraft in einer Klassenauseinandersetzung, sondern als äußere Störgröße eines ansonsten harmonischen Prozesses der Selbstorganisation. Und irgendwie soll sich das alles in dieser Robespierre-Statue ausdrücken. Die Autorin legt nahe, Lenin habe sie bewusst zur Selbstinszenierung eingeweiht. Dass es sich um ein provisorisches Denkmal im Rahmen der Kampagne der sogenannten monumentalen Propaganda handelte, das überdies nach nur vier Tagen einstürzte und keine nachhaltige erinnerungspolitische Wirkung entfaltete, kann da unerwähnt bleiben.
Das Buch bietet einen breiten Überblick über »soziale Bewegungen« und referiert deren Geschichte mitunter durchaus kenntnisreich. Sein analytischer Gehalt jedoch ist erschreckend dürftig. Es überführt soziale Bewegung in ein linksliberal-»progressives« Ideal kollektiver Selbstverständigung. Die reale Revolution erscheint nicht als Zuspitzung sozialer Bewegung, sondern als deren Negation. Bezeichnend für die Herangehensweise der Autorin ist ihre Aussage, emanzipatorische und autoritäre Möglichkeiten seien »in jedem einzelnen angelegt«. Klassenverhältnisse verschwinden bei ihr hinter einer Ethik der Anerkennung. Das führt zu illusionären Vorstellungen. So referiert sie zustimmend den Soziologen Klaus Dörre: Ein »nachhaltiger Sozialismus« sei zwar notwendig, eine sozialistische Partei, die ihn erkämpft, aber unnötig. Er würde sich vielmehr automatisch einstellen, sobald soziale und ökologische Nachhaltigkeit zur »Selbstverständlichkeit« und »habitualisierten Lebensform« geworden sei.
Ohme-Reinickes Konzept, das Emanzipation konsequent von der Aneignung staatlicher Entscheidungsgewalt trennt und sie auf das Ideal möglichst breiter, herrschaftsfreier Partizipation reduziert, führt zielsicher in eine Sackgasse: Indem sie jede soziale Bewegung, die nach staatlicher Macht strebt, per Definition zur autoritären Entgleisung erklärt, rettet sie die Reinheit der »emanzipatorischen« Idee – um den offenbar gerne bezahlten Preis ihrer praktischen Wirkungslosigkeit. Eine Argumentation, mit der die Stuttgarter Soziologin im akademischen Diskurs und im bürgerlichen Feuilleton gewiss nicht aneckt. Die Einsicht, dass historisch Emanzipation ohne Macht nie zu haben war, käme dort weit weniger gut an.
Annette Ohme-Reinicke: Soziale Bewegungen. Ursprünge und aktuelle Formen. Schmetterling, Stuttgart 2025, 336 Seiten, 19,80 Euro
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich Hopfmüller aus Stadum (4. Januar 2026 um 20:58 Uhr)Wer war das, verdammt nochmal, der gesagt hat, es gäbe nichts autoritäreres als eine Revolution? Im »Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus« (HKWM) ist dieser Artikel zu finden: »Engelsismus« (https://www.rosalux.de/publikation/id/52588/engelsismus). Da wird u.a. diese Frage gestellt: Inwieweit hat Engels’ populäre Darstellung des historischen Materialismus auch zu dessen Abdriften in den Positivismus geführt? Insbesondere unter Besserwessis ist diese Sicht recht verbreitet. Im ND ist ein Interview mit Giovanni Sgro’ über das Werk von Friedrich Engels und dessen Anteil am Weltanschauungsmarxismus betitelt: »Ein Großteil des Marxismus war Engelsismus« (https://www.nd-aktuell.de/artikel/1193979.friedrich-engels-ein-grossteil-des-marxismus-war-engelsismus.html, Bezahlschranke). Eine Debatte darüber wäre sicher lohnend.
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