Kardiologen warnen vor Abhängigkeitswelle
Von Ronald Weber
Der Kardiologe Thomas Münzel vom Universitätsklinikum Mainz hat gemeinsam mit anderen Experten die vorhandene Fachliteratur zu den gesundheitlichen Auswirkungen verschiedener Nikotinprodukte, von der klassischen Zigarette über E-Zigaretten und Nikotinbeutel bis hin zu Shishas, ausgewertet. Die Mediziner kommen in ihrem im European Heart Journal veröffentlichten Bericht zu dem Schluss, dass die Aufnahme des Giftstoffs unabhängig von der Art des Konsums Herz und Blutgefäße schädige. »Unsere Ergebnisse zeigen, dass Nikotin allein, auch ohne die Vielzahl toxischer Verbrennungsprodukte, Teer oder freie Radikale, die im Zigarettenrauch enthalten sind, Herz-Kreislauf-Schäden verursacht«, äußerte Münzel in einer Pressemeldung.
Das Alkaloid der Tabakpflanze wirkt auf das sympathische Nervensystem und verstärkt dessen Wirkung. Nikotin stimuliert die Freisetzung von Noradrenalin und Adrenalin. In der Folge erhöht sich die Herzfrequenz, und periphere Gefäße verengen sich, wodurch der Blutdruck und der Sauerstoffbedarf des Herzmuskels steigen. Außerdem schädigt Nikotin die Blutgefäße. Nikotinbedingte Arterienversteifung trägt zu Herzversagen und Gefäßalterung bei. Diese Schäden treten bei allen Nikotinkonsumenten auf.
Besonders warnen die Kardiologen vor einer steigenden Suchtgefahr von Jugendlichen, denen durch Werbung in den sozialen Medien, insbesondere durch Influencer, ein angeblich sicherer Nikotinkonsum suggeriert wird. Sie fordern ein Verbot von Aromen und Werbung sowie eine wirksame Besteuerung und Regulierung aller Nikotinprodukte. Die EU-Kommission hatte im August 2025 ihre Richtlinie zur Besteuerung von Tabakwaren überarbeitet. Ihr zufolge sollen ab 2028 höhere Steuern auf Tabakprodukte fällig werden und auch E-Zigaretten und Liquids einbezogen werden.
Unterdessen fordert Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) ein Verbot von Einweg-E-Zigaretten nicht nur aus gesundheitlichen, sondern auch aus Sicherheitsgründen: »Die Dinger sind gefährlich. Wenn die in eine Müllanlage kommen, dann können sie explodieren, und sie explodieren auch«, äußerte Schneider am Montag gegenüber dpa. Der Bundestag hatte die Regierung im November mit den Stimmen der Abgeordneten von CDU/CSU und SPD aufgefordert, ein solches Verbot zu prüfen. Zuvor hatte sich bereits der Bundesrat für ein Verbot ausgesprochen. In Belgien, Frankreich und Großbritannien sind Einweg-E-Zigaretten bereits verboten.
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