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Aus: Ausgabe vom 23.01.2026, Seite 12 / Thema
Geschichte der USA

Weiße Freiheit

Die liberale Ordnung der USA ist auf Rassismus gegründet und sicherte immer schon die weiße Suprematie. Die Schwarzen mussten sich ihre Rechte selbst erkämpfen
Von Gerhard Weiß
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»Die Schwarzen wurden nicht befreit. Sie befreiten sich selbst«, schreibt der Journalist Michael Harriot. Soldaten der United States Colored Troops im US-Bürgerkrieg (1864)

Die indigene Bevölkerung und die People of Colour haben in den USA nicht zufällig Probleme, sich in den Nation-Building-Erzählungen der Schulgeschichtsschreibung wiederzufinden. Sie können sich mit der Geschichtsschreibung des weißen Liberalismus nicht identifizieren. Die Gründerväter der USA waren aus ihrer Sicht Landräuber, Sklavenhalter und Rassisten. Sie sehen den Widerspruch klarer, der die Geschichte der USA prägte, Gleichheit nur für weiße Eigentümer zu realisieren. Zumal Rassismus und der Anspruch weißer Überlegenheit die Geschichte der USA in den 250 Jahren seit ihrer Entstehung tief geprägt haben. Mit der Verfassung von 1789 blieben große Teile der Bevölkerung ohne Bürgerrechte: Indigene, Frauen, Einwanderer und Schwarze. Für sie wurde ein Rechtszustand fortgeschrieben, der spätmittelalterliche Verhältnisse fortsetzte.

Michael Harriot ist ein Journalist »mit Fokus auf afroamerikanische Themen«. Den akademischen Fortschrittserzählungen der US-Geschichte will er mit seinem Buch eine wahre Geschichte der USA aus Sicht der schwarzen Bevölkerung entgegenstellen. In 16 Kapiteln trägt Harriot seine Gegenerzählung vor, wobei er auch seine eigene Familiengeschichte in die Darstellung miteinbezieht. Explizit distanziert er sich von der akademischen Geschichtsschreibung, die die Praxis der weißen Staatsmänner als Durchsetzung von Fortschritt beschreibt. Demgegenüber vertritt er die These, dass ohne »Black Power« (in Form von Arbeit, Kompetenz, Geist, Kultur und Widerstand) der größte Teil dessen, was in der Geschichte der USA als Fortschritt bezeichnet werden kann, nicht stattgefunden hätte. Insofern schreibt Harriot die Geschichte der weißen Freiheit und Dominanz als eine über Jahrhunderte wirkende Behinderung des Fortschritts hin zu Demokratie und Menschenrechten.

Sklaven als Retter

Die Anfänge der englischen Kolonialisten schildert Harriot als Scheitern des Versuchs, die indigenen Völker zu christianisieren und zu Untertanen der englischen Krone zu machen. Die Siedler seien ohne jede Kenntnis der Geographie und Kultur gekommen. Reiche protestantische Aristokraten nahmen große Teile der nordamerikanischen Ostküste im Auftrag der englischen Krone in Besitz, aber ihnen fehlten landwirtschaftliche Kenntnisse. Nachdem sie ihre mitgebrachten Vorräte aufgebraucht hatten, waren sie auf Hilfe durch die Indigenen angewiesen. Ab 1616 konnten sie auf der Basis von Sklavenarbeit Plantagenwirtschaft für den Export von Tabak nach England entwickeln. Im Zuge weiterer Landnahme wuchs der Bedarf an Arbeitskräften. Diese wurden auf zwei Wegen beschafft: durch Schuldknechtschaft und Sklavenhandel.

Die Anwerbung von Lohnarbeitskräften aus England, Schottland und Irland war nur begrenzt erfolgreich. Die Virginia Company sicherte daher ab November 1618 »jedem, der mittellosen Bürgern die Überfahrt in die Kolonien finanzierte, ein Stück Land zu«. Pro importiertem Kopf konnte ein Grundbesitzer weiteres Land erhalten (pro Kopf 50 Morgen, für eine vierköpfige Familie 200). Nach der Abarbeitung der Schuld konnten die weißen Einwanderer darauf hoffen, den Grundbesitzern Land auf Kredit abzukaufen oder zu pachten bzw. sich als Lohnarbeiter zu verdingen. Im Jahre 1638 wurde dieses System dadurch erweitert, dass man sich durch die Einfuhr von Sklaven Grundbesitzrechte ausstellen lassen konnte, zum Beispiel für die Einfuhr von 60 Sklaven 3.000 Morgen Land. Danach explodierten die Einfuhr und der Handel mit Sklaven. 1662 wurde ein Gesetz beschlossen, das Sklaven als Eigentum und handelbare Ware festschrieb, was auch für die Kinder versklavter Frauen galt.

In South Carolina wurde dieses Konzept 1663 erweitert. König Charles II. erteilte acht »Lord Proprietors« das Recht, die britische Kolonie Carolina zu gründen und stellvertretend über das Land zu herrschen. John Locke, der Vordenker des Liberalismus, arbeitete an der Verfassung von Carolina mit. Locke (zugleich Großinvestor der Royal African Company, die der größte Beschaffer des amerikanischen Sklavenmarktes war) entwarf den Wortlaut des Artikel 110: »Jeder freie Mann von Carolina soll absolute Macht (…) über seine schwarzen Sklaven haben, ungeachtet seiner Anschauung und Religion.« Damit wurde die Vorherrschaft der Weißen als ein Gründungsprinzip der Kolonie verankert.

Zunächst hatten die Kolonialisten Schwierigkeiten, das Land wirtschaftlich zu nutzen, bis sie entdeckten, dass ihre Sklaven für den Eigenbedarf Reis anbauten. Know-how von Sklaven wurde die Grundlage dafür, dass Carolina 1776 zum größten Exporteur von Reis nach England aufstieg. Darauf basierte auch die Entwicklung der Viehwirtschaft. South Carolina erwirtschaftete bald das höchste Pro-Kopf-Einkommen der englischen Kolonien. Charleston war zum größten Sklavenhandelsmarkt der Kolonien geworden. Zwei Drittel der Stadtbevölkerung waren Sklaven.

Angesichts dieses Bevölkerungsungleichgewichts entwickelten sich Eigensinn und Widerstand der Versklavten. Es kam immer wieder zu Aufständen, die die weiße Herrschaft in Schrecken versetzten. 1740 wurde den Sklaven verboten, eigene Nahrung anzubauen, Geld zu verdienen, Schreiben zu lernen und sich in Gruppen zu treffen. Schwarze Männer durften in Gruppen von sieben oder mehr Personen nicht ohne Begleitung eines Weißen reisen. Besitzer hatten das Recht, jeden Sklaven zu töten, der rebellisch erschien. Die Sklavenhalter begannen, eigene Sklaven zu züchten, und den Kauf von Sklaven aus Regionen Afrikas, die als besonders riskant galten, zu vermeiden. Bewaffnete Milizen und Bürger sollten jederzeit in der Lage sein, schwarzen Rebellionen entgegenzutreten.

Krankhafte Mängelwesen

Die Berechtigung der Sklaverei wurde mit rassistischen Theorien begründet. Danach verfügten die Schwarzen ebenso wie die indigenen Ureinwohner nicht über die Eigenschaften, die für die Freiheit des Erwerbs und die Pflege von Eigentum erforderlich seien. Wegen dieser Mängel könnten sie auch keine Bürger des Staates werden. Schon 1705 wurde in Virginia Schwarzen, Mulatten, Indianern und Kriminellen die Bekleidung öffentlicher Ämter untersagt. Im »Naturalization Act« wurde 1790 das Prinzip der weißen Staatlichkeit durch die Begrenzung der amerikanischen Staatsbürgerschaft festgelegt. Sie sollte nur »freien Weißen (…) von gutem Charakter« gewährt werden. 1821 wurde eine Änderung der New Yorker Verfassung vorgenommen. Den schwarzen Bürgern wurde das Wahlrecht versagt. 1856 bestätigte der Oberste Gerichtshof der USA, dass Schwarze nicht als »Bürger« in die Verfassung der USA einbezogen sind: »Sie waren seit über einem Jahrhundert als Wesen einer niederen Ordnung betrachtet worden und also völlig untauglich, in sozialen oder politischen Angelegenheiten mit der weißen Rasse zu verkehren«, so Harriot.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Versklavten jede Möglichkeit zu Flucht und Widerstand nutzten. In den USA verstärkte sich die Furcht vor einer ähnlichen Entwicklung wie beim Sklavenaufstand in Haiti. Präsident Jefferson weigerte sich, Haiti anzuerkennen. Dieser Boykott wurde erst 1862 aufgegeben. Statt dessen unterstützten die USA Frankreich bei der Erzwingung von Reparationen für die Enteignung der haitianischen Sklavenhalter. Haiti musste dafür Kredite an der Wall Street aufnehmen. Bis 1947 leistete das Land Zahlungen zur Ablösung dieser Kredite. Harriot sieht darin einen wesentlichen Grund für die andauernde Armut in der ehemaligen Kolonie.

Als Erklärung für den anhaltenden Widerstand der Sklaven wurde 1851 eine Erkrankung mit dem Namen Drapetomanie ausgemacht. Fluchtbestrebungen und Auflehnung wurden als Ausdruck dieser Erkrankung angesehen. Strafen und Umerziehung galten als Mittel zur Heilung und Vorbeugung. Da die Sklavenhalter bei Flucht einen Anspruch auf Auslieferung hatten, bildeten sich Gemeinschaften von Geflohenen, die versuchten, ein freies Leben aufzubauen.

Eine weitere Form des Freiheitsstrebens beschreibt Harriot als »Überleben« in einem schwarzen Christentum, das sich nach dem Unabhängigkeitskrieg herausbildete und in eigenen Kirchen »widerständige Oasen der Freiheit« schuf. Dort wurde Bildung für Schwarze in begrenztem Umfang und unter ständiger Bedrohung möglich. Da die weiße Vorherrschaft davon ausging, dass Bildung schwarzes Freiheitsstreben fördere, wurden in den Südstaaten 1819 Gesetze erlassen, die das Lehren und Lernen von Lesen und Schreiben von und für Schwarze verboten.

Harriot konfrontiert den weißen Anspruch auf Überlegenheit und Dominanz mit der Bedeutung der Schwarzen für die Entwicklung des Nationalreichtums der USA. Er verweist auf den Historiker W. E. B. Du Bois, der festgestellt hatte, dass vier Millionen Sklaven die Basis des in Nordamerika entstandenen Reichtums waren. Sie produzierten Lebensmittel und die damals den US-Export bestimmenden Produkte: Baumwolle, Reis und Tabak. »Mehr als 60 Prozent der weltweiten Baumwollproduktion stammten aus den Südstaaten Amerikas. (…) Mit einem Gesamtwert von 3,5 Milliarden Dollar bildeten die schwarzen Körper der Sklaven das größte Kapital der Volkswirtschaft, mehr als das Vierfache der gesamten Geldsumme Amerikas. Nach dem Pro-Kopf-Vermögen der weißen Bevölkerung gerechnet, waren acht der zehn wohlhabendsten Staaten Sklaven haltende. In weniger als 100 Jahren sei mit der Sklavenarbeit ein Wirtschaftsriese entstanden.«

Wider das Eigentum an Menschen

Aber die versklavten Amerikaner afrikanischer Herkunft trugen nicht nur entscheidend zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes bei. Mit ihrem militärischen Gewicht im Bürgerkrieg gegen die Sklavenhalterstaaten beförderten sie auch die Aufhebung des Rechts der Sklavenhaltung. Harriot wendet sich gegen das vorherrschende Narrativ, Weiße hätten das Ende der Sklaverei erkämpft. Er weist darauf hin, dass das Ziel des Bürgerkriegs aus Sicht der Nordstaaten nicht war, den Schwarzen die Freiheit zu geben. Sie wollten vor allem die Union erhalten. Harriot zitiert Lincoln aus einer Rede von 1858:

»Ich kann deshalb sagen, dass ich in keiner Weise dafür bin, und niemals dafür war, die gesellschaftliche und politische Gleichstellung der schwarzen und weißen Rasse herbeizuführen (…). Ich behaupte außerdem, dass es einen Unterschied zwischen der weißen und der schwarzen Rasse gibt, der, so glaube ich, einem Zusammenleben der beiden Rassen als gesellschaftlich und politisch Gleichgestellten immer im Wege stehen wird. Und wenn ihnen dies nicht möglich ist, muss es, solange sie nun einmal zusammenleben, eine über- und eine untergeordnete Stellung geben, und ich wie jeder andere bin der Ansicht, dass die übergeordnete Stellung der weißen Rasse zukommen sollte.«

Nicht Weiße hätten den Ausschlag für die Entstehung einer historischen Situation gegeben, die letztlich zur Abschaffung der Sklavenhaltergesetze in den USA führte, sondern »die schwarzen Revolutionäre, die den Zwiespalt der Nation vorantrieben und Abolitionisten und politische Persönlichkeiten jener Zeit weiter radikalisierten, bis die ›Inkongruenz einer Demokratie‹, die Eigentum an Menschen duldete, nicht länger ignoriert werden konnte«.

Die Anwerbung und der Eintritt der schwarzen Rekruten in die Unionstruppen veränderten das Kräfteverhältnis zwischen den Sezessionisten und der Union entscheidend. Dahinter stand das Versprechen der Befreiung aus der Sklaverei. So hieß es im zweiten Confiscation Act von 1862, dass alle entflohenen Versklavten »als Kriegsgefangene erachtet, für immer aus ihrer Knechtschaft befreit und nie mehr als Sklaven gehalten werden«. Die Reihen der Unionsarmee füllten sich trotz anfänglichen Widerstands von Lincoln mit kampfbereiten Freigelassenen. Von den rund 185.000 Schwarzen, die sich als Freiwillige in die Unionsarmee verpflichtet hatten, stammten 93.796 aus den Südstaaten. 175 Regimenter der United States Colored Troops verschafften der Union den entscheidenden Kriegsvorteil. Harriot kommt zu dem Schluss: »Die Schwarzen wurden nicht befreit. Sie befreiten sich selbst und befreiten Amerika von einer Institution, die mit dem Anspruch auf eine humane und demokratische Ordnung unvereinbar war, dem Recht auf Eigentum an Menschen.«

Terrorismus für weiße Suprematie

Das Recht, Sklaven als Eigentum zu halten, wurde in Folge des Bürgerkriegs annulliert. Dies bedeutete nicht, dass die ehemaligen Sklaven Bürger der Unionsstaaten mit gleichen Bürgerrechten wurden. Die Ideologie der weißen Vorherrschaft führte nun in eine Praxis des organisierten rassistischen Terrors, der sich im Interesse der Behauptung weißer Dominanz gegen gleiche Rechte für Schwarze richtete und die USA für das kommende Jahrhundert bis in die Gegenwart prägte. Harriot schildert die Lage in den Südstaaten nach der Niederlage der Konföderierten. Die Plantagenbesitzer hatten ihr Sklaveneigentum verloren. Die freien Sklaven erhielten Land zugesprochen oder wurden Lohnarbeiter. Sie wurden sowohl für die besitzenden als auch für die armen Weißen zu wirtschaftlichen und politischen Konkurrenten, um so mehr, als sie über die Qualifikationen für die Bearbeitung von Land verfügten. In vielen Regionen stellten sie einen hohen Anteil der Bevölkerung, mitunter sogar die Mehrheit, so dass sie schwarze Regierungen hätten bilden können, so zum Beispiel in South Carolina, Mississippi und Louisiana.

Demgegenüber formierte sich der Anspruch auf weiße Vorherrschaft. Weiße Gewalt gegen Schwarze wurde in den Südstaaten zum Alltag. Ein Netz von Terrorzellen bildete sich. Weiße Bruderschaften führten einen Krieg gegen die schwarze Bevölkerung mit dem Ziel, die Wahlbeteiligung der Schwarzen zu senken.

Harriot wendet sich dagegen, den Terrorismus mit dem Wort »Rassenunruhen« zu verharmlosen. Er sieht darin einen Krieg: »Das Netzwerk an Terrorzellen, das aus dem Boden schoss, war unter verschiedenen Namen bekannt, so als White League, White Knights, Knights of White Camelia und (…) Ku Klux Klan.« Die Gewaltaktionen wurden durch »Black Codes« begleitet, Gesetze und Verordnungen, die das Leben der schwarzen Bevölkerung einengten und der Polizei und der Justiz Möglichkeiten lieferten, Schwarze zu verfolgen und zu inhaftieren, von Bildungsmaßnahmen auszuschließen und zu unbezahlten Arbeiten zu verpflichten.

Dem rassistischen Terror kam entgegen, dass die Union nach Wegen suchte, die Südstaaten wieder in die Union zu integrieren. Deren Bürger hatten seit dem Bürgerkrieg in der Union keine Bürgerrechte mehr und unterstanden deren Militärbesatzung. 1877 wurde der Abzug der Unionstruppen aus den Südstaaten beschlossen, Geldmittel zur Wiederbelebung der Wirtschaft bereitgestellt und den Regierungen die Möglichkeit gegeben, Formen der Rassentrennung und der unterschiedlichen Behandlung von Weißen und Schwarzen durchzuführen. Die Union erkaufte die gleichberechtigte Rückkehr der Südstaaten und deren weißer Bevölkerung mit Zugeständnissen zur Schaffung von Apartheidsgesetzen und der Duldung von Lynchmorden an der schwarzen Bevölkerung.

Zwischen 1889 und 1922 zählte die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) 3.436 Lynchmorde, also 33 Jahre lang durchschnittlich zwei Lynchmorde pro Woche. Die terroristische Einschüchterung der schwarzen Bevölkerung wurde von den Behörden weitgehend toleriert. Erst 2022 (!) erklärten beide Kammern des US-Kongresses die Lynchjustiz zum Hassverbrechen und damit zum Straftatbestand. Die unionsweite Umsetzung der Segregation (Rassentrennung) ging schneller. Nachdem der Oberste Gerichtshof der USA schon 1883 erklärt hatte, dass Segregation keine Sklaverei sei und deshalb nicht gegen den im Civil-Rights-Gesetz auch für die Schwarzen geltenden Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz verstoße, wurde 1896 die Rassentrennung vom Obersten Gerichtshof der USA als landesweite Norm eingeführt.

Kampf für Bürgerrechte

Die Schwarzen hatten durch ihre Beteiligung am Bürgerkrieg die Aufhebung des Eigentums an Sklaven erreicht. Dies bedeutete nicht, dass sie als gleichwertige Menschen anerkannt wurden. Im Gegenteil, der weiße Terror im Süden war erfolgreich. Die Registrierungsquote der Schwarzen für Wahlen sank in Folge des Terrors signifikant. Die Quote lag 1880 noch bei 90 Prozent. »Bei den Wahlen 1900 verfügten nur noch drei Prozent der schwarzen Männer über das Wahlrecht.«

Harriot betont, dass die Bürgerrechtsbewegung keineswegs erst Mitte der 1950er Jahre begann. Vielmehr sei dies nur eine neue Phase gewesen in den »vier Jahrhunderte dauernden Bemühungen, frei zu werden«. Besonders hebt er die Rolle schwarzer Frauen als Begründerinnen der Bürgerrechtsbewegung hervor. Sie waren bereits im 19. Jahrhundert aktiv im Kampf für Antilynchgesetze. Sie organisierten Fluchthilfe für entflohene Sklaven und halfen diesen bei der Beschaffung von Arbeitsplätzen und entwickelten Bildungsangebote. Sie wirkten mit an der Gründung von Bürgerrechtsorganisation wie der National Assocation of Coloured Women (1896) oder an der National Association for the Advancement of Coloured People (1909). Sie setzten sich für Reparations- und Rentenzahlungen an Exsklaven ein, organisierten Hilfen für das erfolgreiche Absolvieren von Tests für die Wahlregistrierung und waren führend in der Organisation und Vernetzung der Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960 Jahre. Schließlich spielten sie eine hervorgehobene Rolle im zivilen Widerstand der »Freedom Riders« gegen die Segregation in den Südstaaten.

Aus Harriots Sicht war auch die Beteiligung der Schwarzen an den Weltkriegen entscheidend. Die schwarzen Soldaten kehrten aus beiden Kriegen mit gewachsenem Selbstbewusstsein zurück. Schwarze, die im Krieg gekämpft hatten, seien zunehmend bereit gewesen, sich auch zu wehren. Nach dem Ersten Weltkrieg seien von den 400.000 Afroamerikanern, die in der Armee gedient hatten, viele als »New Negroes« in US-Staaten mit Rassentrennung zurückgekehrt. 1919 setzte der weiße Rassenkrieg wieder verstärkt ein. Die weißen Gewaltaktionen beschränkten sich nicht nur auf den Süden. Es kam zu Schießereien mit schwarzen Soldaten. Harriot vertritt die Auffassung, dass spätestens seit der Verabschiedung des »Espionage Act« im Jahre 1917 die Bundespolizei mit dem Bureau of Investigation (Vorläufer des FBI) den rassistischen Terrorismus gegen den schwarzen Widerstand mit polizeistaatlichen Methoden unterstützt habe. Er stellt diese Entwicklung in Zusammenhang mit dem Rassismus des Präsidenten Woodrow Wilson. Dieser hatte die Wahl 1912 mit dem Versprechen gewonnen, »jeden Erfolg der Afroamerikaner seit der Sklavenbefreiung rückgängig zu machen«. Der Espionage Act, die Gründung des Bureau of Investigation und dessen prorassistische Aktivitäten gegenüber schwarzem Widerstand nach dem Ersten Weltkrieg wurden von Wilson auf den Weg gebracht.

Dennoch konnten die Schwarzen Fortschritte im Kampf für die Bildungs- und Lebenschancen erreichen. Für die 1930er Jahre illustriert Harriot das am Beispiel von Mary Jane McLeod Bethune, die als erste schwarze Frau zur Rektorin eines Colleges ernannt wurde. Sie war Mitbegründerin des United Negro College Fund, der seit 1944 Stipendien an schwarze Studenten vergibt. Roosevelt stützte sich in der Entwicklung von Maßnahmen für die schwarze Bevölkerung auf den Rat Bethunes, obwohl er von Harriot als Rassist beschrieben wird, der sich weigerte, die Antilynchgesetzinitiativen voranzubringen und ein Mitglied des Ku-Klux-Klan als Kandidaten für den Obersten Gerichtshof aufstellte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ordnete Präsident Truman 1948 die Aufhebung der Segregation in der Armee an. Die schwarzen Soldaten wurden im Kalten Krieg weiter gebraucht. Gegen das wachsende Selbstbewusstsein stellte sich erneut rassistischer Terror ein. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich Mitte der 1950er Jahre eine neue Phase der Bürgerrechtsbewegung. Sie führte dazu, dass 1964 der Civil Rights Act bundesweit die Segregation verbot und 1965 der Voting Rights Act die diskriminierenden Bestimmungen für Schwarze bei der Wahlregistrierung aufhob.

Harriot betont, dass der Erfolg der Bürgerrechtsbewegung nicht allein durch gewaltlosen Widerstand erreicht wurde. So entwickelten sich auch Organisationen, die für bewaffneten Widerstand und Schutz gegenüber Klanterror und Polizei eintraten. Hierzu gehörten zum Beispiel Reverend Fred Shuttlesworth, Stokey Car­michael und Fred Hampton (Black Panthers) sowie Malcoln X als Führer des muslimischen schwarzen Widerstands. Die Vertreter des bewaffneten schwarzen Widerstands organisierten schwarze Kandidaten für die Wahl in politische Ämter. Sie hatten in großen Städten wie in Los Angeles, Chicago und New York ihre Zentren. Ihre führenden Aktivisten waren als Dissidenten Ziel von Bespitzelung durch die Bundespolizei. Diese hatte dafür ein besonderes »Counterintelligence Program« zur Überwachung aufgelegt. Harriott kommt nach Auswertung der vorliegenden Quellen und Literatur zu dem Schluss, dass die führenden Bürgerrechtsaktivisten von Polizeispitzeln umgeben waren, die Informationen sowohl für deren gerichtliche Verfolgung als auch für deren Ermordung durch Polizeikräfte lieferten.

Wiederkehr des 19. Jahrhunderts

Der Kampf um schwarze Bürgerrechte endete nicht mit der Aufhebung der Segregation und der Wahlrechtsbeschränkungen. Harriot beschreibt eine Wiederkehr des »Convict Lease System« aus dem 19. Jahrhundert in der Gegenwart. Danach wurden Häftlinge (vor allem Schwarze) an Plantagen- oder Fabrikbesitzer verkauft und mussten unbezahlt arbeiten. Dieses System lebte seit dem 1971 von Präsident Nixon ausgerufenen Krieg gegen die Drogen wieder auf. Die Gefängnisse füllten sich. Haftanstalten wurden privatisiert und das Ausleihen von Häftlingen als billige Arbeitskräfte fand Verbreitung. Die USA haben heute weltweit prozentual zur Gesamtbevölkerung die meisten Menschen in Haft. 1970 etwa 200.000, 1985 etwa 482.000, und 2019 waren es 1,4 Millionen. Allerdings waren fast fünfmal mehr Schwarze als Weiße in Haft. Diese werden als billige Arbeitskräfte vermarktet. Harriot sieht im Wachstum dieses überwiegend schwarzen Billiglohnsektors ein Erbe der Sklaverei und ein Merkmal der rassistischen Struktur der US-Gesellschaft. Die Kritiker dieses Systems in den USA sprechen heute vom »Prison Industrial Complex«, der von der Polizei mit Arbeitskräften beliefert wird.

Harriot unterstützt die Forderung, dass die USA wegen Ausbeutung und Ausgrenzung im Bildungswesen, der Krankenversorgung bei gleicher Steuerbelastung und geringerer Förderung und Unterstützung gegenüber den Schwarzen Reparationen zahlen sollen. Mit Blick auf die Parteienstruktur der USA und die neuere Entwicklung zur Dominanz der Republikaner bei Präsidentenwahlen betont Harriot, die Republikaner seien nicht rassistischer als die Demokratische Partei. Vielmehr habe es in der Geschichte der USA »immer eine Partei gegeben, die den weißen Suprematisten als Heimat diente, und die Republikanische Partei ist lediglich die aktuelle Basis«. In der Politik des Landes herrsche »seit jeher ein Zwei-Parteien-System: 1. weiße Menschen und 2. alle anderen«.

Den Beleg dafür, dass etwas mit den USA nicht stimme, sieht Harriot in der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten. Die National Association for the Advancement of Coloured People verzichtete 2025 zum ersten Mal seit 1947 darauf, den neugewählten Präsidenten zu ihrem Kongress einzuladen. Die Begründung: Die Organisation habe es sich zur Aufgabe gemacht, Bürgerrechte zu fördern, Trump habe jedoch deutlich gemacht, dass er Bürgerrechte beseitigen wolle.

Michael Harriot: Black as F***. Die wahre Geschichte der USA. Aus dem amerikanischen Englisch von Sabrina Sandmann und Andrea Schmittmann. Hamburg: Harper Collins 2024, 560 Seiten, 26 Euro

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