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Aus: Ausgabe vom 22.12.2025, Seite 16 / Sport
Sportpolitik

Rennen im Nebel

Zur bundesdeutschen Olympiabewerbung. Ein Kommentar
Von Andreas Müller
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»Fünf Ringe hättste gerne / Doch für dich in weiter Ferne«

Das neue Jahr wird ein olympisches. Sogar doppelt. Vom 6. bis 22. Februar finden die Winterspiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo statt. In Deutschland werden bis Ende September olympische Vierkämpfe besonderer Art ausgetragen. Berlin, Hamburg, München und die Region Rhein-Ruhr wollen sich um die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 bewerben, aber nur eine Kandidatur wird für die BRD eingereicht werden. Welche, wird am 26. September in Baden-Baden mitgeteilt. Vor der Kür gibt es für PR-Spezialisten und Werbeagenturen noch einiges zu verdienen. Allein der Bund berappt für den internen Wettbewerb und das »Projekt Olympia« in den kommenden beiden Jahren sechs Millionen Euro. Weit kostspieliger wird es für die unmittelbar Beteiligten. Hamburg, das seine Bürger am 31. Mai zum Thema befragt, hat fürs kommende Jahr 18 Millionen Euro veranschlagt. Das Land Nordrhein-Westfalen schießt allein für die Bürgerentscheide pro oder contra »Rhein-Ruhr« am 19. April 9,5 Millionen Euro zu. Kosten, die entstehen, lange bevor es eigentlich zur Sache geht, also bevor der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) substantiell verhandeln kann.

In einem ersten Schritt wurde Anfang Dezember in Lausanne von einer DOSB-Delegation die Absicht bekundet, erstmals nach den Sommerspielen von München 1972 das olympische Feuer wieder in die Bundesrepublik zu holen. Zuvor waren acht Anläufe mehr oder weniger kläglich gescheitert. Nun also eine neuerliche Willensbekundung, die einen »Continuos Dialogue« mit dem IOC eröffnete. Ob es zu einem »Targeted Dialogue« kommen wird, ist offen. Das wäre die nächste Stufe.

Doch selbst wenn: Das IOC wird mit weiteren Bewerbern sprechen. Die Bewerbungen für die Ausrichtung der Spiele sind keine kurzen Ringkämpfe, sie sind Langstreckenrennen. Und keiner der Teilnehmer weiß, wo er sich im Feld der Mitbewerber gerade befindet. Nur so war es möglich, bereits im Sommer 2021 die Spiele für 2032 nach Brisbane zu vergeben. Ein Zuschlag elf Jahre vor dem Ereignis – so etwas hatte es noch nie gegeben. Mancher Mitbewerber meinte, man stehe noch gemeinsam am Start, als plötzlich schon die Australier jubelnd durchs Ziel gingen.

Die derzeitigen Vergabebedingungen sind hoch intransparent und damit immer für eine Überraschung gut. Einzig das IOC durchblickt diesen von ihm selbst raffiniert inszenierten »Hindernislauf im Nebel«. Je mehr nationale olympische Komitees ihr Interesse bekunden, je mehr Länder selbst unter solchen Voraussetzungen die Spiele ausrichten wollen, desto angenehmer ist die Auslese – denn desto größer die Konkurrenz zwischen den potentiellen Gastgebern.

Diese lassen sich auf reichlich Unsicherheiten und finanzielle Unwägbarkeiten ein. Aber der Glanz des internationalen Riesenereignisses, er blendet trotz aller Risiken: Aktuell soll es für die drei Sommerspiele zwischen 2036 und 2044 rund ein Dutzend Bewerber geben.

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