Gegründet 1947 Donnerstag, 5. Februar 2026, Nr. 30
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 22.12.2025, Seite 16 / Sport
Sportliteratur

Ach du lieber Totenkopf

König Boris von Fettes Brot hat eine Hommage an den FC St. Pauli geschrieben
Von Gerrit Hoekman
imago3471524.jpg
Schön hier. Fand schon Ewald Lienen

Fettes Brot, das HipHop-Trio aus Schenefeld bei Hamburg, hat die Bäckerei – zum Bedauern der Stammkundschaft – 2023 dichtgemacht. Nach 31 erfolgreichen Jahren. König Boris, neben Dokter Renz und Schiffmeister, einer der drei Protagonisten, verdient seine Brötchen neuerdings auch als Buchautor. Anfang Dezember erschien im Ullstein-Verlag sein autobiographisches Erstlingswerk »FC St. Pauli – eine Liebeserklärung«. Wer kurz vor knapp noch ein passendes Weihnachtsgeschenk für Fans des Klubs oder von Fettes Brot sucht – hier ist es.

Ich bin kein Anhänger des FC St. Pauli. Mein Herz schlägt seit Kindertagen für den 1. FC Köln. Doch wie viele Linke habe ich eine gewisse Sympathie für den kauzigen Klub von der Elbe. Zumal »mein« Effzeh am Millerntor, dem Stadion auf St. Pauli, am finalen Spieltag der Saison 1977/78 seine dritte, bislang letzte Meisterschaft feierte. 5:0 siegte Köln beim bereits als Absteiger feststehenden Gegner. Der Sieg war in dieser Höhe absolut notwendig, weil die punktgleichen Mönchengladbacher wehrlose Dortmunder mit 12:0 auseinandernahmen. Am Ende waren es drei Tore Unterschied, die den 1. FC Köln zum Meister machten. Seitdem gibt es zwar keine offizielle Fanfreundschaft zwischen dem FC St. Pauli und dem 1. FC Köln, aber besonders die älteren Anhänger sind einander respektvoll verbunden.

Weshalb ich das erwähne? Für Boris Lauterbach war ein Spiel gegen den Effzeh Initialzündung für seine heiße Liebe zum FC St. Pauli. »Es ist das Jahr 1989. Ich bin 15 Jahre alt, und auf dem Rasen vor mir spielt der FC St. Pauli gegen den 1. FC Köln, während ich auf der Gegengerade des Millerntor-Stadions direkt hinter den Trainerbänken im sogenannten Hafenstraßenblock stehe.« Besagter Block erhielt seinen Namen, weil sich da die autonomen Hausbesetzer der Hafenstraße versammelten.

Ursprünglich war der Verein durch und durch spießbürgerlich. Erst in den 80ern wandelte sich das Image im Zuge der Auseinandersetzungen um die Hafenstraße und das autonome Kulturzentrum Rote Flora – beide sind nur einen Pflastersteinwurf vom Millerntor entfernt. Die schwarze Fahne mit dem Totenkopf wurde zum Markenzeichen des Klubs. Im Tor stand damals Volker Ippig, selbst eine Zeitlang Bewohner der besetzten Häuser. Bevor er Profi wurde, hatte er Aufbauhilfe in Nicaragua geleistet.

Sein linkes Image hat den Verein zum Hassobjekt rechter Fans anderer Vereine werden lassen. Das Nordduell mit Hansa Rostock gehört zu den absoluten Hochrisikopartien, da ist immer wieder erheblicher Polizeieinsatz gefordert. Aber »ein Spiel gegen den Stadtrivalen HSV ist, was die Spannung und Rivalität angeht, noch mal eine komplett eigene Kategorie. Für beide Seiten ist es immer das Spiel des Jahres. (…) Was die Derbys betrifft, musste man als St. Pauli-Fan lange Zeit eine große Leidensfähigkeit an den Tag legen.« Siege gegen die »Hasenfrau«, wie »wir den HSV zärtlich nennen«, waren rar gesät.

König Boris schreibt: »Das gemeinsame Ziel, St. Pauli zum Sieg zu verhelfen (…) gibt mir das seltene Gefühl, einen Platz in der Welt zu haben.« Eine erstaunliche Aussage für einen der bekanntesten HipHopper Deutschlands, von dem man doch annehmen könnte, sein Platz wäre die Bühne. Fettes Brot waren freilich oft unterwegs, auf Tour. Fern der Heimat ist es schwierig, ein Spiel des Lieblingsvereins wenigstens vor dem Bildschirm zu verfolgen. Ich spreche aus Erfahrung. »In Wien hat mal der Besitzer einer zwielichtigen Bar extra für uns tagsüber aufgemacht und die Partie auf eine riesige Leinwand projiziert«, schreibt ­Boris Lauterbach: »Allerdings fand die Übertragung über eine illegale russische Homepage statt, weshalb sie entsprechend wackelig war.«

»FC St. Pauli – Eine Liebeserklärung« wird vermutlich keine Literaturpreise gewinnen, aber es ist ausgesprochen kurzweilig. Der 51jährige hat mit Pauli eine Menge erlebt: zahllose Auf- und Abstiege, Auswärtsfahrten mit Übernachtungen in irgendwelchen Kaschemmen und schließlich die Metamorphose zum »Weltpokalsiegerbesieger«, die der Verein 2002 vollzog, als er die übermächtigen Bayern aus München am heimischen Millerntor mit 2:1 niederrang.

Am besten gefällt mir die Anekdote, wie ein angetrunkener jugendlicher Prinz Boris Udo Lindenberg auf der Reeperbahn ein Autogramm aus den Rippen leierte. Erinnert sich noch jemand daran, dass Fettes Brot den Song »Evelin« der längst aufgelösten Band Nationalgalerie in eine Hymne auf Kulttrainer Ewald Lienen umdichteten, nachdem Lienen den FC St. Pauli 2014 am letzten Spieltag vor dem Abstieg in die dritte Liga gerettet hatte? Was mich betrifft: vor der Lektüre nicht, jetzt schon.

König Boris: FC St. Pauli – Eine Liebeserklärung. Ullstein-Verlag, Berlin 2025, 189 Seiten, 16,99 Euro

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marian R. (22. Dezember 2025 um 17:58 Uhr)
    Der FC St. Pauli war, ist und bleibt ein Modeverein für alle Pseudolinken, viele seiner »Fans« wissen nicht einmal, dass ein Ball rund ist. Seine Stadionhymne sollte das »Sozialdemokratische Mailiedchen« sein. Die anderen Bundesligavereine sind auch keinen Deut besser, aber der FC St. Pauli nimmt für sich in Anspruch, er wäre – mitten im kapitalistischen Fußballgeschäft – anders und also besser.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred P. aus Hamburg (29. Dezember 2025 um 16:18 Uhr)
      Woher weiß unser Leser denn, dass dieser »pseudolinke« Verein sich für etwas Besseres »im kapitalistischen Fußballgeschäft« hält? Vielleicht sollte er sich im sozialen Umfeld des Vereins – besonders im Stadtteil St. Pauli – mal schlaumachen, was noch so alles in diesem Modeverein mit den vielen Fans, die nicht mal wissen, dass der Ball rund ist, so passiert. Würde denn als neue Stadionhymne das Liedchen »Ein bisschen Frieden« besser passen?
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred G. aus Hamburg Manni Guerth (26. Dezember 2025 um 22:32 Uhr)
      Stimmt. Damals, vor ca. 10 Jahren, hatte mir ein MLPD-ler von St. Pauli vorgeschwärmt, dass dies ein linker Fußballverein sei und er regelmäßig dort hingehe. Er hatte mich eingeladen, mal mitzukommen – ich bin kein großer Fußballfan. Das Stadion war voll. Es war laut. Die Menschen schrien und fuchtelten mit den Händen. Das hat mich ziemlich genervt. Ich war froh, als das Spiel zu Ende war. Mir war klar, dass dies für mich nichts ist. Es war absurd. Tausende Menschen schreien und schimpfen, wenn ein Ball hin und her getreten wird, aber wenn es um ihre politischen Rechte geht, kriegen sie ihren Arsch nicht vom Sofa. St. Pauli, nein danke.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Lukas W. aus Essen (22. Dezember 2025 um 13:12 Uhr)
    Lieber Gerrit Hoekmann, als etwas älterer FC Köln Fan, war ich bei dem den FC zum Meister machenden Spiel im Stadion. Es war aber das Volksparkstadion. Der damalige Manager des FC hatte dermaßen viele FC Fans angekündigt, dass das Pauli Stadion zu klein gewesen wäre. Das war sehr klug. Klaus Blome
    • Leserbrief von Gerrit Hoekman (24. Dezember 2025 um 14:24 Uhr)
      Ach du heiliger Geißbock! Wie konnte mir dieser ärgerliche Fehler unterlaufen?! Wahrscheinlich, weil ich das Spiel nur am Radio verfolgen konnte. Ich war damals noch minderjährig, und meine Eltern erlaubten mir keine Auswärtsfahrt nach Hamburg. Da kann man mal sehen, wie ewig das schon her ist. Vielen Dank für die notwendige Richtigstellung!

Mehr aus: Sport