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Aus: Ausgabe vom 17.12.2025, Seite 16 / Sport

Triumph der Piratinnen

Von André Dahlmeyer
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Der gute alte Totenkopf kann jetzt auch Fußball spielen: Vereinswappen von Club Atlético Belgrano de Córdoba

Einen wunderschönen guten Morgen! In Argentinien gibt es seit Sonntag einen neuen Stern am Himmel. »Schuld« sind die Fußballfrauen von Belgrano de Córdoba. Die »Piratinnen« gewannen vor einem Rekordpublikum im Estadio Julio César Villegra im Barri Alberdi von Córdoba das Rückspiel um den Titel der Silberländerinnen gegen ­Racing Club mit 2:0, sind somit erstmals argentinische Meisterinnen (Torneo Clausura). Das Hinspiel hatten die Piratas in Avellaneda, vor den Toren der Hauptstadt, mit 0:1 verloren.

In vielerlei Hinsicht war es ein historischer Tag. 26.000 Zuschauer bei einem Frauenfußballspiel habe ich in Argentinien noch nicht erlebt, auch für Südamerika eine unerhörte Zahl. Es tut sich was. Wundervoll. Nachdem das Torneo Apertura die Newell’s Old Boys (auch wenn sie Girls sind) eingetütet haben, hat nun erneut einer der nicht üblichen vier Verdächtigen die Meisterschaft errungen. Das Titel­ranking liest sich so: Boca Juniors (29), River Plate (11), UAI ­Urquiza (5), San Lorenzo de Almagro (4). Hinzu haben sich jetzt »Ñúls« und Belgrano gesellt. Urquiza spielt nicht mehr erste Liga, die sind wegen der desolaten wirtschaftlichen Situation Argentiniens freiwillig in die zweite Liga umgezogen – kostengünstiger Amateursport.

Für den Verein Belgrano de ­Córdoba ist es der erste nationale Titel überhaupt, die Männeken waren bislang lediglich in den Unterklassen erfolgreich. Größter Coup der Cordobeser bisher war wohl, im Juni 2011 in den Relegationsspielen um Auf- und Abstieg Argentiniens Rekordmeister River Plate ausgeknockt und erstmals in dessen Vereinsgeschichte in die Zweitklassigkeit geschossen zu haben, was zu dramatischen Ausschreitungen in Buenos Aires führen sollte. Fans des Millo zertrümmerten den halben Klub, legten Feuer.

Die Frauen von Belgrano waren vor vier Jahren noch drittklassig. Es ist das erste Team überhaupt, das argentinischer Meister wird, ohne direkten Anschluss an den Fußballverband AFA. Das gab es noch nie. Auf mögliche Konsequenzen bin ich gespannt. Verantwortlich für die zwei Treffer waren Mayra Gisell »La Béstia« Acevedo (nach vier Minuten) und die Uruguaya Julieta Alaides Paz, die nach einer halben Stunde die Konfusion im Strafraum der Racinguistas quasi schamlos ausnutzte. »May« (32) guckt nach eigenen Angaben keinen Fußball und ist Fan keines Teams. Alaides Paz (29) hörte mit 20, als sie Mutter wurde, zwischenzeitlich auf mit dem Fußball, im Zuge der Pandemie war sie dann ganz raus. Vor zwei Jahren kehrte sie zurück und unterschrieb ihren ersten Profivertrag, bekam also das erste Mal Geld für ihre Arbeit.

Die von Vereinslegende Mariana »Pomu« Sánchez trainierten Piratas spielten ein spektakuläres Turnier: eine Niederlage, ein Remis (neunzehn von 24 Punkten in der Gruppenphase) und lediglich vier Gegentreffer. Im Viertelfinale eliminierten sie Ferro Carril Oeste vom Sanktionspunkt, im Halbfinale River Plate. (Racing eliminierte in der K.-o.-Runde zunächst Titelverteidiger Newell’s, dann San Lorenzo und Boca.) Am Sonntag konnten sie sich bei ihrer von Rosenkranz Central gekommenen Uru-Torfrau und ehemaligen Nationalspielerin Agustina Sánchez bedanken, die gleich nach dem 2:0 aus Schmauchspurdistanz eine denkwürdige Parade ablieferte, die mutmaßlich den Titel bedeutete. Mitte der zweiten Halbzeit sah Milagros Otazú (Racing) für einen üblen Bügeleisentritt die rote Karte und schlich ertappt Richtung Dusche.

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