»Die Front ist überall«
Von Jörg Kronauer
An der Hauptstoßrichtung, in die sich der MI6 weiterhin orientieren soll, ließ Blaise Metreweli am Montag keine Zweifel. Es war die erste öffentliche Rede der neuen Leiterin des britischen Auslandsgeheimdienstes seit ihrem Amtsantritt am 1. Oktober dieses Jahres. Die Welt sei in einem tiefen Umbruch begriffen, stellte sie fest: Etablierte Institutionen der Ordnung, die sich ab 1945 herausgebildet habe, würden »herausgefordert«; neue Blöcke entstünden; Bündnissysteme seien im Wandel begriffen. »Ein zentraler Teil der globalen Transformation« sei China, weshalb es »unerlässlich« sei, dass der MI6 sich weiterhin sehr intensiv mit dem Land befasse. Und während Metreweli laut Auskunft von Insidern zudem bemüht sein wird, den Dienst im schwer erschütterten Nahen und Mittleren Osten besser aufzustellen, ließ sie am Montag deutlich erkennen, im Fokus ihrer Arbeit werde vor allem »Putins Russland« stehen – denn es sei, äußerte sie, »aggressiv, expansionistisch und revisionistisch« und für Großbritannien zur Zeit die drängendste Gefahr.
Metreweli, die nicht nur die erste Frau an der Spitze des MI6, sondern mit 48 Jahren auch dessen bislang jüngste Leiterin ist, hat ihre gesamte Berufskarriere in den britischen Spionageapparaten verbracht, zeitweise im Inlandsgeheimdienst MI5, die meiste Zeit aber in der Behörde, die sie jetzt leitet. Dort war sie zuletzt als Generaldirektorin für Technologie und Innovation aktiv und damit auf einem Feld, dem sie auch künftig große Aufmerksamkeit widmen will. »Fortschritte in der künstlichen Intelligenz, Biotechnologie sowie im Quantum Computing« formten nicht nur die Wirtschaft, sondern auch Konflikte um, stellte sie fest. Für den MI6 gelte es also nicht nur, die eigenen Techkapazitäten auszubauen, sondern auch die Fähigkeiten von Gegnern und Feinden und ihre rasante Weiterentwicklung so aktuell wie nur irgend möglich zu durchdringen. Dies sei um so wichtiger, als »Macht immer diffuser wird«, wie Metreweli im Hinblick auf die Tatsache feststellte, dass zerstörerische technologische Fähigkeiten in wachsendem Maß von Unternehmen oder gar von Individuen beherrscht werden.
Einen hohen Stellenwert räumte Metreweli vor allem auch dem »gesamtgesellschaftlichen Ansatz für Abschreckung und Verteidigung« ein, den die Regierung des sozialdemokratischen Premierministers Keir Starmer in ihrem Anfang Juni publizierten militärstrategischen Grundsatzpapier, dem »Strategic Defence Review«, stark betonte. In britischen Medien rückt er verstärkt in den Fokus, seit Ende November das Royal United Services Institute (RUSI), laut eigenen Angaben die älteste militärpolitische Denkfabrik der Welt, eine prominent besetzte Konferenz unter dem Titel »The Long War Conference 2025« durchführte. Um »einen langen Krieg« – gemeint ist gegen Russland – durchhalten zu können, müsse man nicht nur militärische, sondern auch »industrielle Stärke« aufbauen, hieß es. Am Montag hatte dies außer Metreweli auch der neue britische Generalstabschef, Air Chief Marshal Richard Knighton, in seiner ersten Rede beim RUSI betont. Um einen Krieg gegen Russland führen zu können, müssten nicht bloß die industriellen Kapazitäten in Großbritannien ausgebaut werden, forderte er, es müssten auch »mehr Menschen bereit sein, für ihr Land zu kämpfen«.
Metreweli ging noch einen Schritt weiter. Es sei ein ernstes Problem, dass »die Fundamente des Vertrauens in unseren Gesellschaften erodieren«, erklärte sie in ihrer Rede. Freilich suchte sie die Ursachen nicht darin, dass der Staat seinen Aufgaben immer weniger nachkommt. Endlose Wartezeiten auf Arzttermine, zerbröckelnde Infrastruktur – von Straßen über Häuser bis zu Wasserleitungen –, schrumpfende Sozialleistungen: All dies fordert seinen Tribut. Metreweli erklärte statt dessen »Falschinformationen« und das »Schüren von Furcht« – von russischer Seite – zum Hauptproblem, dem sich die gesamte Gesellschaft widersetzen müsse, zum Beispiel »in Schulen, damit unsere Kinder nicht getäuscht werden«. »Alle« müssten das begreifen, forderte die MI6-Chefin, eine britische Variante der deutschen »Kriegstüchtigkeit« im Sinn: »Die Front ist überall.«
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