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Aus: Ausgabe vom 17.12.2025, Seite 5 / Inland
Schiffsbauerbranche

Freude bei Meyer-Werft

Großauftrag in Milliardenhöhe angekündigt
Von Burkhard Ilschner
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Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (2. v. r.) strebt den schnellen Ausstieg des Bundes aus der Werft an

Mit einigem Tamtam ist am Montag in Berlin eine sogenannte Absichtserklärung unterzeichnet worden, derzufolge die Schweizer Großreederei Mediterranean Shipping Co. (MSC) der kriselnden Meyer-Werft mit einem Milliardenauftrag aus der Patsche helfen soll. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) – der Bund ist seit 2024 gemeinsam mit dem Land Niedersachsen zu je 40 Prozent Mehrheitseigner des Schiffbauers – hatte eigens in die Hauptstadt geladen. In ihrem Beisein setzten Meyer-Geschäftsführer Bernd Eikens und der Aufsichtsratsvorsitzende der MSC-Kreuzfahrtsparte, Pierfrancesco Vago, ihre Unterschriften unter einen »Letter of Intent«: Vier bis sechs neue Massentourismusschiffe für je 5.400 Passagiere sollen im niedersächsischen Papenburg gebaut und ab 2030 ausgeliefert werden. Der Auftrag wird mit bis zu zehn Milliarden Euro beziffert.

Unmittelbare Folge der Ankündigung waren zunächst jede Menge überschwängliche Worte: Reiche sieht ein Bekenntnis zum maritimen Standort Deutschland, Niedersachsens neuer Regierungschef und frühere Landeswirtschafts- und Umweltminister, Olaf Lies (SPD), ein »starkes Signal an die Menschen« in und um Papenburg samt aller Zulieferer, Eikens einen »bedeutenden Meilenstein« in der Werftgeschichte. Auch die IG Metall begrüßte den Großauftrag, fordert jedoch baldige Umsetzung der vereinbarten Beschäftigungssicherung für mindestens 3.100 Arbeitsplätze – wobei laut NDR derzeit mehr als 3.200 Menschen direkt bei Meyer arbeiteten und rund 20.000 Jobs in der Region mit der Werft verbunden sind.

Solche und etliche weitere Jubeltöne kaschieren allerdings kaum die schlechten Nachrichten aus dem Werftalltag: Erst kürzlich berichtete der Spiegel, der ehemalige Konzernpatriarch Bernard Meyer und seine Söhne hätten einen »Brandbrief« an die Mehrheitseigner verfasst, in dem sie dem aktuellen Management schwere strategische Fehler vorwerfen. Es soll heftige Differenzen zwischen dem Senior und dem vor einem Jahr eingesetzten Sanierer Ralf Schmitz geben; Bernard Meyer sehe sich faktisch enteignet. Schmitz hatte sich zudem im Frühsommer bereits mit dem Betriebsrat angelegt, der sich gegen Pläne zur verschärften Kameraüberwachung der Arbeiter stellte.

Hinzu kommt Streit über die Zukunft der Werft: Eigentlich sollte die Ära einer Bund-Land-Mehrheit 2028 beendet werden, Ministerin Reiche soll eine baldige Reprivatisierung favorisieren. Während die Meyer-Familie selbst an einer Rückübernahme interessiert sein soll, sieht Niedersachsen dies skeptisch. Wenn Eikens altersbedingt im Juni 2026 seinen Job dem Airbus-Manager André Walter übergibt, wird diesem also so einiges bevorstehen.

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