Sehen und gesehen werden
Von Friederike Sachs
Es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, dass Jubiläen den Buchmarkt bestimmen. Ob welthistorisches Ereignis, Autoren- oder Werkgeburtstag: Die runde Zahl bietet einen Anlass für, man ahnt es, Jubiläumsausgaben, erweiterte oder wenigstens verschönerte Neuauflagen, Neuübersetzungen, Neuverfilmungen sowie diversen Schnickschnack, der sich mittlerweile unter dem Namen »Non-Book-Produkte« in Buchhandlungen findet und einen guten Teil ihres Umsatzes ausmacht. Nicht zuletzt die Buchstütze in Thomas-Mann-Form, so gesehen beim örtlichen Händler, kündet vom nun bald endenden Jubiläumsjahr ebenjenes Autors.
Jane Austens 250. Geburtstag konnte man daneben fast übersehen. Und das nicht, weil es keine Neuauflagen, Neuverfilmungen etc. gab, sondern schlicht, weil es allem Anschein nach so viele wie in jedem anderen Jahr sind.
Austen ist eine konstante Präsenz auf dem Buchmarkt. Mit über 200 Jahren nahezu ununterbrochener Auflage sind ihre sechs vollendeten Romane »Gefühl und Verstand« (»Sense and Sensibility«, 1811), »Stolz und Vorurteil« (»Pride and Prejudice«, 1813), »Mansfield Park« (1814), »Emma« (1815), »Die Abtei von Northanger« (»Northanger Abbey«) und »Überredung« (»Persuasion«), beide posthum 1817 veröffentlicht, wahre Longseller. Wie sonst vielleicht nur William Shakespeare oder Charles Dickens gilt sie als Ikone klassischer englischer Literatur. Ihre Romane, allen voran »Stolz und Vorurteil«, werden als Pflichtlektüre in Schule und Universität gelesen. Seit 2017 ziert Austens Porträt die Rückseite der britischen Zehn-Pfund-Note. Damit ist sie nach Shakespeare und Dickens die dritte Literaturpersönlichkeit, die es in Großbritannien auf einen Geldschein geschafft hat, wenngleich die erste weibliche.
Fankult und Kostümdrama
Doch Austens kanonischen Rang festzustellen ist bei weitem nicht alles, was über ihr Nachleben zu sagen ist. Ihrem Gesamtwerk, das so schmal ist, dass es sogar in einem Band erscheinen kann, steht eine unglaubliche Fülle an Adaptionen gegenüber, die sich über sämtliche Medien und Genres erstrecken.¹ Mehr noch: Schon im späten 19. Jahrhundert bildet sich eine regelrechte Fanszene um Autorin und Werk. So taucht bereits 1894 der Begriff »Janeite« als Bezeichnung für Leser auf, deren Enthusiasmus für Austen weit über die reine Lektüre hinausgeht. Wahre »Janeites« zeichnen sich demnach nicht nur durch intime Kenntnis sämtlicher Romandetails aus, sondern auch durch ein verstärktes biographisches Interesse an der Autorin und ihrer Zeit, der Epoche der Regency (1811–1820).
Heute kann man etwa auf der Jahresversammlung der nordamerikanischen Jane-Austen-Gesellschaft (JASNA) nicht nur Vorträge von führenden Austen-Forschern hören, sondern auch Workshops zum Schreiben mit dem Federkiel, Basteln von Haarschmuck oder Erlernen von historischen Tänzen besuchen. Letzteres selbstverständlich, weil die dreitägige Veranstaltung mit einem Ball, dem wichtigsten gesellschaftlichen Ereignis in Austens Romanen, endet, zu dem die versammelten »Janeites« kostümiert erscheinen. Austen steht damit in einer Weise zwischen Hochkultur und Massenunterhaltung, die für andere Autoren undenkbar scheint – man könne sich nur schwer vorstellen, bemerkt die Austen-Forscherin Deirdre Lynch, dass sich Shakespeare-Verehrer zur Fangemeinde der »Willies« zusammenschließen.
Jenseits dieser Ultraszene dürfte Austens anhaltende Popularität auch der erfolgreichen Verfilmung ihrer Werke geschuldet sein. So waren etwa die sechsteilige BBC-Verfilmung von »Stolz und Vorurteil« (1995) sowie die oscarprämierten Spielfilme »Verstand und Gefühl« (1995) und »Emma« (1996) prägend für eine neue Welle der breiten Austen-Rezeption in den 1990er Jahren. Setzten sich diese Filme noch mehr oder weniger durchdacht mit ihren Ursprungstexten auseinander, so scheint die Austen-Industrie besonders in den letzten Jahren vermehrt Produkte hervorzubringen, die offenkundig nach der Methode »Austen sells« arbeiten. Dabei scheint es schon fast irrelevant, ob Publikum und Kritik eine Adaption feiern oder verreißen, denn Aufmerksamkeit und Diskussion sind allemal von vornherein durch Assoziation mit der Marke Austen gesichert. So zog die Netflix-Verfilmung des Romans »Überredung« von 2022 schnell Häme auf sich (»nicht nur die schlechteste Austen-Adaption, sondern der schlechteste Film in jüngster Zeit«, The Independent) und ließ öffentlich Zweifel aufkommen, ob die Filmemacher das Buch überhaupt gelesen hatten. Eine Neuverfilmung von »Stolz und Vorurteil«, es dürfte die sechste sein, wird derzeit von Netflix produziert. Man kann also gespannt sein.
In dieser Gemengelage bietet es sich an, Kostümdramen und Fankult einmal beiseite zu lassen, und statt dessen zur Autorin selbst und ihrem nunmehr über zwei Jahrhunderte alten Roman »Stolz und Vorurteil« zurückzukehren.
Terry Eagleton zufolge lassen sich über nahezu alle Epochen britischer Geschichte zwei Dinge sagen: Es war eine Zeit großer Umbrüche, und das Bürgertum stieg weiter auf. Für Austen, die von 1775 bis 1815 lebte, mag das in besonderem Maße gelten. Doch wer einen Austen-Roman zur Hand nimmt und hofft, etwas über Revolutionen und Kriege zu erfahren, wird enttäuscht sein: nichts über die Amerikanische, Französische oder industrielle Revolution, keine Erwähnung von Napoleon, Lord Nelson oder Waterloo. »Drei oder vier Familien auf dem Land«, so die Autorin in einem Brief an ihre Nichte Anna, seien dagegen alles, was es für eine gute Romanhandlung brauche.
Ein neuer Mieter
Austens Familie gehörte dem niederen Landadel, der »Landed Gentry«, an. Auch wenn diese in Reichtum und politischer Macht dem Hochadel (»Nobility«) unterstand, genoss man dank Grundeigentums ein auskömmliches Leben ohne Arbeit – zumindest solange der Eigentümer am Leben war. Denn beim Thema Erben konnte es in Sachen Wohlstand schnell verzwickt werden: Um eine Aufspaltung des Vermögens zu vermeiden, war es üblich, es als Ganzes zu vererben, und zwar an den erstgeborenen Sohn. Jüngere Söhne und Frauen mussten folglich zusehen, wo sie blieben. Für erstere boten sich Pfarramt, Juristerei und insbesondere die im Krieg gegen Napoleon zu Ruhm gekommene Marine an. Frauen aus der Gentry konnten dagegen nur den Beruf der Gouvernante ergreifen, was einem Standesverlust gleichkam. Für sie gab es also nur einen Weg, um Lebensunterhalt und gesellschaftliches Ansehen zu sichern: Sie mussten einen vermögenden Ehemann finden. Und damit ist der Ausgangskonflikt von »Stolz und Vorurteil« auch schon umrissen.
Der Roman beginnt mit einer Frühstücksszene im Hause der Familie Bennet. »Mein lieber Mr. Bennet«, überrumpelt die hellauf begeisterte Mrs. Bennet ihren Ehemann, »hast du gehört, dass Netherfield Park endlich vermietet ist?«² Dieser verneint und zeigt sich nicht weiter interessiert. Der Grund für Mrs. Bennets Überschwang: Neuer Mieter des nahegelegenen Anwesens Netherfield Park soll ein gewisser Mr. Bingley sein, »ein junger Mann aus dem Norden von England mit einem beträchtlichen Vermögen«. Für Mrs. Bennet eindeutig »ein Glücksfall für unsere Mädchen«. Mr. Bennet stutzt, er versteht nicht, worauf seine Frau hinauswill. Sie hilft ihm auf die Sprünge: »Ich stelle mir natürlich vor, dass er eine von ihnen heiratet.«
Das Ehepaar Bennet hat fünf Töchter, keine Söhne, damit fallen Haus und Ländereien im Falle von Mr. Bennets Tod an den nächsten männlichen Nachkommen, und das ist Mr. Bennets Neffe. Mrs. Bennets Eifer beim Verkuppeln ihrer Töchter ist also nicht ganz ohne Eigeninteresse, denn wenn Mr. Bennet stirbt, verliert sie aller Wahrscheinlichkeit nach ihr Zuhause. Bis zum Ableben ihres Gatten müssen also unter die Haube gebracht werden: Jane Bennet, die älteste und hübscheste Tochter; Elizabeth Bennet, scharfsinnig und gewitzt, aber nicht ganz so hübsch; Mary Bennet, pedantisch, altklug, eingebildet; sowie Kitty und Lydia Bennet, gewissermaßen Teenager ihrer Zeit, die sich vornehmlich für Männer in Uniform und Mode interessieren. Am Ende des Romans werden drei der fünf Schwestern verheiratet sein.
Doch der Reihe nach. Durch seine Frau angestachelt, sucht Mr. Bennet den vermögenden Neuankömmling Bingley auf; ein Treffen mit den Bennet-Töchtern wird für den nächsten Ball geplant. Auf diesem erscheint dann schließlich Bingley in Begleitung seiner Schwestern Caroline und Louisa. Die versnobten Bingley-Schwestern geben der versammelten dörflichen Tanzgesellschaft schnell zu verstehen, dass die Veranstaltung unter ihrer Würde ist. Doch ihr Bruder ist weniger eingebildet, gibt sich »einfach und unbefangen« und geht direkt in Mutter Bennets Falle: Er tanzt den ganzen Abend mit Jane Bennet.
Neben den Bingley-Schwestern fühlt sich ein anderer feiner Herr unwohl auf dem Dorfball, und jetzt wird es interessant: »Sein Freund Mr. Darcy zog bald die Aufmerksamkeit des Saals auf sich, mit seiner stattlichen, großgewachsenen Erscheinung, den feinen Zügen, dem noblen Ausdruck; und das Gerücht, das binnen fünf Minuten in aller Munde war, nämlich dass er ein Einkommen von 10.000 im Jahr habe, trug auch seinen Teil bei.«
Ein charakteristischer Austen-Satz: Wir erfahren in nur einem Satz, dass Mr. Darcy wohl nicht schlecht aussieht und dazu auch – mit weitaus präziserer Angabe – wie hoch sein Vermögen einzuschätzen ist. Darcy vereint die Vorzüge alter adliger Herkunft (sein anglonormannischer Nachname deutet es an) mit denen neuen Geldes.
Erste Eindrücke
Mit der niederen Gentry, die sich auf dem Ball amüsiert, will Darcy also allem Anschein nach nichts zu tun haben und hält sich vom Tanzgeschehen fern. »Komm, Darcy«, will sein Freund Bingley ihn schließlich ermutigen, »du musst tanzen. Ich kann es nicht mit ansehen, dass du so dumm und allein hier stehst.« Doch Darcy bleibt hart: »Auf gar keinen Fall. Du weißt, wie sehr ich Tanzen verabscheue. (…) Und mit dem einzigen gutaussehenden Mädchen im Saal tanzt du.« Wir erinnern uns, dass Bingley sich die hübscheste Bennet-Tochter Jane als Tanzpartnerin für den Abend gesichert hatte, ihm fällt aber eine Alternative für Darcy ein: »Direkt hinter dir sitzt eine ihrer Schwestern, die auch sehr hübsch ist.« Darcy dreht sich um, sieht Elizabeth Bennet, ihre Blicke treffen sich, und er fällt sein Urteil: »Sie ist passabel, aber nicht ansehnlich genug, um mich zu reizen.«
Was Bingley und Darcy nicht wissen, ist, dass ihr Gespräch von ebenjener Elizabeth belauscht wurde, sie also Darcys Herabwürdigung ihrer Person mitbekommt. Diese Schlüsselszene bildet den Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung der Handlung, in deren Verlauf Elizabeth und Darcy sich schließlich ineinander verlieben, nachdem sie ihren Stolz überwunden und Vorurteile über einander ausgeräumt haben. Doch zunächst zählt der erste Eindruck, den beide vom jeweils anderen gewonnen haben (Austens ursprünglicher Titel für den Roman lautete »First Impressions«): Der arrogante Darcy verachtet die Landgesellschaft inklusive Elizabeth, und auch deren Urteil über ihn fällt vernichtend aus: »Alle waren sich einig. Er war der stolzeste, unhöflichste Mensch der Welt.«
Obwohl Austen ihre Leser nicht vergessen lässt, dass körperliche Attraktivität bei Frauen der ausschlaggebende Faktor für Erfolg auf dem Heiratsmarkt ist (wir werden regelmäßig an Jane Bennets alles überstrahlende Schönheit erinnert), gibt es eine auffällige Abwesenheit konkreter Beschreibungen von Äußerlichkeiten: Frauen sind, bestenfalls, »schön« oder wenigstens »hübsch«, Männer »stattlich« oder »elegant«.³ In den meisten Fällen erfahren wir nicht einmal, welche Haarfarbe eine Figur hat. (Dies ist ein großes Problem für Verfilmungen von Austen-Romanen, bei denen sich Fans notorisch über Fehlbesetzungen beschweren.) Mit dieser Unbestimmtheit körperlicher Eigenschaften hebt sich Austen vom Roman ihrer Zeit ab, denn für die meisten ihrer empfindsamen Zeitgenossen ist die Schönheit einer weiblichen Romanfigur an ihre Tugendhaftigkeit geknüpft, wird also gewissermaßen vom Erzähler gesetzt. Im Unterschied dazu könnte man vermuten, dass es bei Austen weniger darum geht, wie eine Figur »wirklich« aussieht, sondern eher, wie die Figuren einander sehen. Und der entscheidende Punkt bei »Stolz und Vorurteil« ist eben, dass sich dieser Blick auf den anderen im Falle von Elizabeth und Darcy im Verlauf der Handlung grundlegend ändert. Das Besondere und erzähltechnisch Interessante an Austens Roman ist dabei, dass die Veränderung des Blicks auf den jeweils anderen für beide Figuren auf verschiedene Weise erzählt wird.
Zweite Eindrücke
So wird der Leser über Darcys auflebende Gefühle für Elizabeth recht früh im Roman unterrichtet: Schon bald nach ihrem ersten Aufeinandertreffen sehen sich die beiden wieder, diesmal auf Mr. Bingleys Anwesen Netherfield Park. Hatte Darcy Elizabeth zuvor noch als nicht hübsch genug verschmäht, beginnt sich seine Sicht nun zu wandeln: »Kaum hatte er sich selbst und seine Freunde davon überzeugt, dass nicht ein einziger Zug an ihrem Gesicht angenehm sei, da fand er plötzlich, dass genau dieses Gesicht durch den wunderschönen Ausdruck ihrer dunklen Augen ungewöhnlich intelligent wirkte.« Und nur wenige Kapitel später erfahren wir, dass Darcy »bezaubert« von Elizabeth ist.
Da es dem verstockten Darcy nicht möglich ist, mit Elizabeth ein normales Gespräch zu führen – zumal er sich weiterhin seiner sozialen Überlegenheit bewusst ist –, beginnt er, sie bei weiteren Treffen freiheraus anzustarren. Dies bleibt Elizabeth nicht verborgen; sie kann sich nur allem Anschein nach keinen Reim darauf machen:
»Elizabeth kam nicht umhin zu bemerken, wie oft Mr. Darcys Blick auf ihr ruhte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein so vornehmer Mann sie bewunderte; aber dass er sie so ansah, weil sie ihm missfiel, war eine noch abwegigere Vorstellung. Das einzige, was ihr schließlich als Erklärung in den Sinn kam, war, dass sie seine Aufmerksamkeit erregte, weil etwas an ihr war, das nach seinen Begriffen davon, wie ein Mensch sein sollte, noch falscher und tadelnswerter war als bei allen anderen im Raum. Die Vorstellung schmerzte sie nicht. Sie mochte ihn zu wenig, um auf seine Anerkennung etwas zu geben.«
Für Leser ist hier natürlich offensichtlich, dass Elizabeth die Situation vollkommen falsch einschätzt, und auch, dass sie Darcy keineswegs mochte, kann man an dieser Stelle nicht mehr ganz glauben. Die beiden letzten Sätze sind in der Tat bemerkenswert: So unauffällig sie dem zeitgenössischen Leser auch erscheinen mögen, betritt Austen im frühen 19. Jahrhundert damit Neuland in Sachen Erzähltechnik: Hier werden uns Elizabeths Gefühle gegenüber Darcy nicht von einem allwissenden Erzähler mit einem Zusatz wie »dachte sie« mitgeteilt, sondern rundheraus als Faktum dargestellt. In der griffigen Formulierung des Erzähltheoretikers Franz K. Stanzel findet hier eine »Ansteckung der Erzählersprache durch die Figurensprache«⁴ statt, auch bekannt als erlebte Rede oder »Free Indirect Discourse«. Die Stimme des Erzählers »klingt« gewissermaßen wie die einer Figur, bleibt dabei jedoch in der dritten Person, gibt also die Außenperspektive nicht auf. Austen gilt gemeinhin als »Erfinderin« der erlebten Rede im englischen Roman. Nicht zuletzt bildet diese Form die Grundlage für den distinkten Erzählton in »Stolz und Vorurteil«: Denn sie schafft Nähe zu Elizabeths Gefühlswelt und gleichzeitig die Möglichkeit zum ironischen Kommentar, der austenschen Spezialität schlechthin. So hat man als Leser bisweilen den Eindruck, mehr über Elizabeths Gefühle für Darcy zu wissen als sie selbst. Am Ende erkennt Elizabeth endgültig Darcys Qualitäten, sieht ihn gewissermaßen in einem anderen Licht, und nimmt seinen Heiratsantrag an.
Eingeschränkte Sicht
»Stolz und Vorurteil« ist nicht zuletzt ein so außerordentlich populärer Stoff, weil es auch eine archetypische Aschenputtelgeschichte ist: Eine Frau findet am Ende nicht nur ihre große Liebe, sondern auch ein beträchtliches Vermögen. Doch was sieht man jenseits von Elizabeths und Darcys sich entfaltender Liebesgeschichte von der erzählten Welt? Wie schon anfangs gesagt, bleibt die große Geschichte außen vor, Austens Blick bleibt streng auf die ihr bekannte Klasse beschränkt. »Nachbarn in Austens Romanen«, so der walisische Literatur- und Kulturtheoretiker Raymond Williams, »sind nicht die Menschen, die tatsächlich in der Nähe leben. Es sind Menschen, die etwas weiter entfernt wohnen und die man als gesellschaftliches Ereignis besuchen kann. Was Austen über das Land hinweg sieht, ist ein Netz aus Häusern und Familien mit Eigentum, und durch dieses engmaschige Geflecht bleiben die meisten Menschen unsichtbar. In dieser Welt von Angesicht zu Angesicht zu verkehren bedeutet bereits, einer Klasse anzugehören.«⁵
Aus dieser Beschränkung auf eine ganz bestimmte Sichtweise, könnte man sagen, rührt auch der charakteristische Erzählton, der Austens Romane durchzieht: Er erlaubt es der Erzählstimme, wenngleich mit ironischem Unterton, mit außerordentlicher Sicherheit vermeintlich universelle Wahrheiten zu verkünden: »Es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, dass ein alleinstehender Mann im Besitz eines gewissen Vermögens auf der Suche nach einer Frau sein muss«, so der vielzitierte und noch häufiger parodierte erste Satz von »Stolz und Vorurteil«. Erst die viktorianischen Autoren nach Austen, könnte man sagen, weiten ihren Blick auf die Gesellschaft, was auch dazu führt, dass ihre Romane deutlich umfangreicher ausfallen.
Viel wurde in den letzten Jahren über die »Wiederentdeckung« des Themas Klasse in der Gegenwartsliteratur geschrieben. Austen findet in diesen Diskursen nahezu keine Erwähnung, wird sie auf dem Buchmarkt doch eher als Urmutter der weiterhin boomenden Unterhaltungsliteratur mit Schwerpunkt Liebe (»New Adult«) gehandelt. So lehnt etwa der Insel-Verlag die Buchgestaltung seiner Austen-Neuauflagen an die dort herrschenden Konventionen an (Farbschnitt und Cover in Pastell). Der Reclam-Verlag geht noch einen Schritt weiter und verpasst einigen seiner Austen-Neuauflagen gleich Nachworte erfolgreicher New-Adult-Autorinnen.
Wollte man Austen unbedingt als Vorläuferin zeitgeistiger Genres sehen, böte sich, zumindest im deutschen Kontext, mit etwas Phantasie vielleicht etwas ganz anderes an: die Popliteratur der 1990er Jahre nämlich. Auch hier finden wir ironische Erzähler, bei denen man nie ganz weiß, was Kritik ist und was nicht, das Spiel mit sozialer Distinktion und, berühmterweise, Autoren, die entweder ein »von« im Nachnamen tragen oder vermögende Väter haben. Und, wie ganz selbstverständlich, das Kreisen um den eigenen sozialen Kosmos.
Anmerkungen
1 In Anbetracht dieses übersichtlichen Werks hat sich die Austen-Industrie in den letzten Jahren auch vermehrt ihrem Frühwerk und unvollendeten Romanen zugewandt und diese, natürlich, auch verfilmt.
2 Alle Zitate stammen aus »Stolz und Vorurteil«, aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Frankfurt am Main 2014
3 Siehe dazu John Mullans Buch mit dem prägnanten Titel »What Matters in Jane Austen«. London 2012, Kapitel 4
4 Franz K. Stanzel: Theorie des Erzählens. Göttingen 1995, Kapitel 7
5 Raymond Williams: The English Novel from Dickens to Lawrence. London 1987, S. 24
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