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Aus: Ausgabe vom 15.12.2025, Seite 12 / Thema
Frühbürgerliche Geschichte

Der erste Anlauf

Gefesselte Produktionsweise. Kapitalistisches im Feudalen. Der Kontext des Bauernkriegs. Teil 2: Neue Zeit
Von Daniel Bratanovic
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Frühe kapitalistische Verhältnisse. Darstellung des historischen Bergbaus auf dem Annaberger Bergaltar von Hans Hesse (1522) in der St. Annenkirche zu Annaberg

»Die Epochenschwelle scheint gleichsam unter der Chronologie zu liegen. Bevorstehen und Schon-geschehen-Sein schieben sich unabgrenzbar übereinander. Mittelalter und Neuzeit sind für ein gutes Stück Geschichte gleichzeitig.« (Hans Blumenberg)

Keine Revolution ohne Programm. Die »Zwölf Artikel« der oberschwäbischen Bauern vom März 1525 sind das Schlüsseldokument des Bauernkriegs. Ihre Bedeutung bestimmt sich über Inhalt und Verbreitung. Sie enthalten, für diese Zeit außergewöhnlich, ja einzigartig, einen allgemeinen – religiös begründeten – Begriff von der Gleichheit aller und leiten daraus die Forderung nach Freiheit ab. Da in diesem programmatischen Katalog von einem engen Lokalbezug abstrahiert wurde, konnten sich die Aufständischen, wo immer sie sich erhoben, darauf berufen – vorausgesetzt, sie hatten davon Kenntnis genommen. Das Manifest dieser Oberschwäbischen Eidgenossenschaft wurde innerhalb der folgenden zwei Monate nach seiner Verabschiedung mit einer für damalige Verhältnisse ungeheuren Auflage von 25.000 Exemplaren gedruckt und verbreitete sich im ganzen Reich. Die Zwölf Artikel waren, wenn man so will, auch ein mediengeschichtliches Ereignis.

Man muss jedoch nicht gleich so weit gehen wie der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann. Dessen These lautet: »Den Bauernkrieg gab es, weil er medial initiiert und inszeniert wurde. Der Bauernkrieg als überregionales Ereignis, das das Heilige Römische Reich Deutscher Nation in erheblichen Teilen berührte, entstand infolge und aufgrund des Buchdrucks.«¹ Das Verursachende scheint hier falsch bestimmt, Mittel zum Grund gemacht. Doch soviel dürfte immerhin wahr sein: Diese neue Technik vereinheitlichte zeitlich wie räumlich die Empörung der Bauern und anderer niederen Stands, die überall, wo sie sich zum Kampf zusammenschlossen, die Forderung der Zwölf Artikel als die ihren erkannten, weil ihre Bedrückung ähnlich war und auf gleicher Ursache beruhte.

Gutenbergs Buchdruckverfahren mit beweglichen Lettern, entwickelt irgendwann um 1450, verbreitete sich von Mainz aus in hoher Geschwindigkeit in allen urbanen Zentren des damaligen Europa. Die Neuerung blieb nicht solitär, technischer Aufbruch zu jener Zeit war allerorten, wirkte auf wesentliche Bereiche: das Kriegswesen mit der Entwicklung von Feuerwaffen, die Metallverarbeitung, den Transport und Verkehr zu Wasser und zu Lande, das Messen der Dinge. War die Technikentwicklung über etliche Generationen hinweg bestenfalls gemächlich verlaufen und hatte sie bis dahin die Wahrnehmung einer Konstanz der Weltverhältnisse unangetastet gelassen, änderte sich das im 15. Jahrhundert. Die schnelle Vervielfältigung der technischen Erfindungen fiel jetzt zugleich mit einem Bestreben zusammen, »die neuen Entdeckungen auf alle Bereiche des bürgerlichen Lebens anzuwenden«.² Bürgerliches Leben?

Burg unter Burgen

Die unreflektierte Verwendung des Begriffs, der für die fragliche Zeit gleichwohl nicht per se falsch ist, bereitet Schwierigkeiten. Er verweist unweigerlich auf Städtisches, scheinbar Nichtfeudales. Für die Stadt im Feudalismus allerdings galt wie für die Verhältnisse auf dem Land grundsätzlich die typische Verschränkung von ökonomischer Differenzierung nach Funktion beziehungsweise Tätigkeit mit einer politischen und rechtlichen, also ständischen Gliederung. Kaufleute und Handwerker verbanden sich unter Ausschluss einer »Unterschicht« über das Bürgerrecht zu einem »Kollektivsubjekt, das sich in der Rechtsform des periodisch erneuerten Schwurverbands vom Land und den innerstädtischen Repräsentanten des Adels abgrenzt, um den erreichten ökonomischen Handlungsspielraum bzw. dessen Erweiterung politisch zu sichern (›städtische Freiheit‹)«.³

Historische wie strukturelle Voraussetzung ihrer Existenz und der Gewinnung ihrer stets prekären ökonomischen wie politischen Autonomie blieb aber (der Verteilungskampf um) die Aneignung eines Teils des bäuerlichen Surplus. Die feudale Stadt war damit zunächst mitnichten Exot, Fremdkörper oder kapitalistische Insel innerhalb der feudalen Produktionsweise als vielmehr ihr integraler Bestandteil, sie war »Burg unter Burgen«, »kollektiver Feudalherr«.

Eine Behauptung allerdings, die im Widerspruch zur bedeutenden Rolle der Städte bereits im 13. Jahrhundert, zum Umfang des Fernhandels etwa durch die Hanse und die oberitalienischen Stadtrepubliken, zum Reichtum dieser urbanen Zentren und zur Existenz einer einflussreichen und vermögenden »Handelsbourgeoisie« zu stehen scheint. Der Augsburger Jakob Fugger (1459–1525), dessen kolossaler Reichtum den der Medici in den Schatten stellte, war der bedeutendste Kaufherr, Montanunternehmer und Bankier des damaligen Europa und zugleich – nämlich mit der Bereitstellung von 852.000 Gulden – ein Königs- bzw. Kaisermacher. Mit dieser Summe kauften sich die Habsburger bei der Kaiserwahl im April 1519 zugunsten von Karl V. die Stimmen der deutschen Kurfürsten. Florenz war zur selben Zeit gleichsam eine »Industriestadt«. »Es gab eine Massenproduktion der Textilindustrie. Es gab ein entwickeltes System der Arbeitsteilung; es gab eine große Masse von Lohnarbeitern (deren Anteil zwischen 1340 und 1530 auf 30 bis 50 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung von Florenz geschätzt wird).«⁴ Genua, Venedig und Pisa wiederum hatten regelrechte Handelsimperien errichtet und stützten sich auf Fortschritte im Schiffsbau und im Navigationswesen; Hoch- und Tiefbau reagierten mit neuen Maschinen auf das Wachstum der Städte. Und so, wie dem Geld als dem allgemeinen Äquivalent wachsende Bedeutung zukam und immer stärker eine arbeitsteilig produzierende Tauschgesellschaft entstand, wurden auch die Geschäftstätigkeiten rationalisiert (doppelte Buchführung) und erste Versicherungspolicen für den Warenhandel etabliert. »Wir sehen, wie die Bildung von großen Kapitalien (zunächst als Handelskapital) und die Entwicklung der Produktivkräfte (im Zusammenhang mit der produktiven Anlage von Handelskapital) eng miteinander verknüpft sind, das Ende der mittelalterlichen Gesellschaftsformation heraufführen und eine wissenschaftliche Zuwendung zur Welt in technisch-pragmatischer Absicht fördern.«⁵

Also waren die damaligen Städte nun doch kapitalistische Sonderwirtschaftszonen in einer feudalistischen Welt, Keimzellen einer neuen Produktionsweise? Zu einem Zeitpunkt zumal, als mit der »Entdeckung« Amerikas »die Epoche der Entstehung einer europäischen Weltgesellschaft durch Welteroberung und Welthandel«⁶ anhob? Der Historiker Fernand Braudel und Vertreter der Weltsystemtheorie wie Immanuel Wallerstein und Giovanni Arrighi⁷ verfechten diese These, unterscheiden sich lediglich in ihrer jeweiligen zeitlichen Bestimmung des kapitalistischen Take-off. Nach solcher Auffassung allerdings verweist Kapitalismus nicht auf eine spezifische Produktionsweise zwischen Kapital und Lohnarbeit, sondern auf eine Hierarchie des Welthandels. Braudel etwa unterstellt unterschiedslos die Existenz kapitalistischer Weltwirtschaften, gleich ob er die flämischen Städte, die Hanse, Venedig, Holland, Großbritannien oder die Vereinigten Staaten in den Blick nimmt. Der Kapitalismus, verstanden bloß als Zirkulationsphänomen, als Produktion für den Markt mit dem Ziel der Anhäufung von Profit im Prozess des Austauschs, wird so gewissermaßen zeitlos. »Mit anderen Worten wird der Kapitalismus nicht als qualitative, potentiell reversible Transformation gesellschaftlicher Verhältnisse betrachtet, sondern einfach als graduelle, quantitative Ausdehnung des Marktes seit unvordenklichen Zeiten.«⁸

Vorsintflutliches Kapital

Von einem »Frühkapitalismus« als spezifischer Produktionsweise, die von den Städten ausging, kann indes bloß mit Einschränkung die Rede sein. Der »kapitalistische« Impuls ging vom Handel aus, nicht von der Produktion. Denn wo in einigen Städten schon protoindustrielle Strukturen entstanden waren, wie in Florenz mit seinen Textilwerkstätten, blieben die von den Zünften regulierten Eigentums- und Produktionsformen dominant, die Einheit des unmittelbaren Produzenten mit seinen Produktionsmitteln hatte noch immer Bestand. Große Kaufleute beauftragten Handwerker mit der Herstellung von Tuchware und versorgten sie mit Rohstoffen. Ihren Profit realisierten sie im Verkauf, während auf der Seite der Produktion die Verdienste für qualifizierte Arbeitsschritte mäßig waren, für weniger qualifizierte miserabel.

Warenproduktion und Geldzirkulation, »Unternehmergeist« und Geldvermehrung allein sind noch nicht zwingend Index kapitalistischer Produktionsweise. »(D)as bloße Dasein des Geldvermögens und selbst Gewinnung einer Art Supremacy seinerseits reicht keineswegs dazu hin, dass jene Auflösung in Kapital geschehe. Sonst hätte das alte Rom, Byzanz etc. mit freier Arbeit und Kapital seine Geschichte geendet oder vielmehr eine neue Geschichte begonnen.«⁹ Das Kaufmannskapital, das Marx eine »antediluvianische«, also vorsintflutliche Form des Kapitals nennt, tritt gegenüber der Produktionsweise gleichgültig auf, vermittelt bloß zwischen zwei Extremen, den Waren, unter den gegebenen Voraussetzungen. »Selbständige und vorwiegende Entwicklung des Kapitals als Kaufmannskapital ist gleichbedeutend mit Nichtunterwerfung der Produktion unter das Kapital, also mit Entwicklung des Kapitals auf Grundlage einer ihm fremden und von ihm unabhängigen gesellschaftlichen Form.«¹⁰

Der Handelsprofit des Mittelalters entstand auf Kosten der städtischen Handwerker, der dörflichen Bauern, nicht zuletzt der konsumierenden Feudalaristokratie und war im wesentlichen ein System der Gewalt – der Übervorteilung, der Plünderung und des Raubs. Das Prinzip »Wohlfeil kaufen, um teurer zu verkaufen« strebte nach Herstellung eines Verkaufsmonopols, das gegen die Konkurrenz im Zweifel mittels direkter Gewaltanwendung hergestellt wurde. Wo auf diesem Wege größte Gewinne zu machen waren, bestand kein Interesse daran, an den vorgefundenen Verhältnissen grundsätzlich etwas zu ändern. »Obwohl der Handel bei der Auflösung der feudalen Beziehungen eine bedeutsame Rolle spielte, ernährte sich das Kaufmannskapital weitgehend von der alten Ordnung. Es war, nachdem es sein Frühstadium hinter sich gelassen hatte, nicht revolutionär, sondern konservativ.«¹¹ Das zeigte sich auch daran, dass diese vorkapitalistische Bourgeoisie, ihre Kapitalien refeudalisierte und sich selbst aristokratisierte: durch Landerwerb und eine soziale Verschmelzung von Bourgeoisie und Aristokratie vornehmlich über eine entsprechende »Heiratspolitik«. Der Aufkauf von Land durch das Handelskapital bedeutete mitnichten die Einführung kapitalistischer Verhältnisse in der Landwirtschaft. Die bürgerlichen Eigentümer verhielten sich in der Regel nicht anders als feudale Grundbesitzer.

Der Reichtum durch Handel zersetzte zwar allmählich die mittelalterlichen Bindungen, revolutionierte aber nicht die Produktionsweise. Noch war die Einheit von unmittelbarem Produzenten und dessen Produktionsmitteln nicht aufgelöst, war Arbeitskraft nicht freigesetzt. Noch war das Korsett der korporativ eingeschnürten Wirtschaftspolitik der Städte nicht gesprengt, war auf dem Land liegendes Produktionspotential nicht erschlossen, war (Kaufmanns-)Kapital nicht direkt in die Produktionssphäre eingedrungen.

Und doch zeigten sich Tendenzen hierzu um 1500 auch und gerade in den in etliche Territorialherrschaften zergliederten und zersplitterten deutschen Landen innerhalb des Reichsgebiets. Wachsender Bedarf nach Geld und technisch fortgeschrittenen Kriegsmitteln auf seiten des Adels sorgten spätestens ab dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts für ein Wiederaufleben des Bergbaus vor allem im Erzgebirge, in Tirol und im Harz. Die erhöhte Nachfrage brachte vermögende Kaufleute aus Leipzig, Nürnberg, Zwickau, Chemnitz und Erfurt dazu, ihr aus dem Handelsprofit gewonnenes Kapital in den Bergbau zu investieren. Die Geldgeber finanzierten die Anwerbung und den Einsatz von Arbeitern, die kostspielige Anlage von Stollen und letztlich die Entwicklung und Vervollkommnung immer leistungsfähigere Fördermaschinen (Künste). Dem nunmehr unternehmerischen Kaufmannskapital im Bergbau – zusammengeschlossen in Gewerken – standen gleichsam freie Lohnarbeiter gegenüber, die, rekrutiert aus früher selbständigen Bergleuten, aus landarmen oder landlosen Teilen der Dorfbevölkerung, aus verarmten Handwerkern oder Plebejern der Städte, in manufakturmäßiger Arbeitsteilung kooperierten. »So gab es Ende des 15./Anfang des 16. Jahrhunderts in den großen Zentren des Silberbergbaus wie Schneeberg, Annaberg und Joachimsthal (…) jeweils etwa 3.000 bis 4.000, am Falkenstein bei Schwaz in Tirol rund 7.500 (…) Lohnarbeiter. Werden auch die vielen anderen großen und kleinen Bergorte und Reviere sowie die Hüttenarbeiter berücksichtigt, so ergibt das in den Ballungszentren des Bergbaus eine zahlenmäßig starke frühproletarische Schicht.«¹²

Nicht zu weit gegriffen daher, im Falle der damaligen Montanwirtschaft von ersten Formen kapitalistischer Produktionsverhältnisse zu sprechen: Die unmittelbaren Produzenten waren von ihren Produktionsmitteln abgeschieden, ihre Arbeitskraft wurde von den kapitalgebenden Gewerken als den Besitzern der Bergbauanlagen gekauft und vernutzt. Das allerdings galt wiederum nur mit Einschränkungen. Längst nicht alle Bergleute, sondern vermutlich eher eine Minderheit, waren reine Lohnarbeiter. Und als Bergbauunternehmer mögen die Kaufleute und Geldhändler eine neue Produktionsweise eingeführt haben, ansonsten blieben sie aber, was sie waren, nämlich Kaufleute und Geldhändler, fest eingebunden in den Kreislauf der feudalen Reproduktion. Wie sehr selbst die entstehende Montanindustrie noch den feudalen Verhältnissen unterworfen war, zeigt das Hinzutreten der dritten und immer noch bestimmenden Kraft, der Landes- und Grundherren, an, die über das sogenannte Bergregal verfügten: Alle Bodenschätze unter der Erde waren ihr Eigentum. Der Landesherr hatte das Vorkaufsrecht für die Metalle und bestimmte die Preise. Und wo die vermögendsten Kaufleute und Geldhändler wie die Fugger in der Lage waren, das Bergregal nach Verpfändung durch den Feudalherrn an sich zu ziehen, nutzten sie diese Position, um jede Konkurrenz auszuschalten. »So wurde im Bereich der frühkapitalistischen Produktionsverhältnisse der feudale Parasitismus ausgerechnet durch die reichsten Vertreter des Handelskapitals exekutiert, die sich damit zugleich um so fester an die feudale Ordnung banden.«¹³

Feudale Offensive

Der permanente Hunger der Feudalherren nach Geld, das Hofhaltung und Kriegführung verzehrten, sorgte dafür, dass dem kapitalistischen Reproduktionsprozess, noch bevor er sich entfalten konnte, schon wieder die Mittel entzogen wurden. Das Bestreben, die grundherrlichen Einkünfte zu erhöhen, traf auch die Landbevölkerung, die um 1500 noch immer 75 bis 80 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachte. Auf einen Rentenverlust im Zuge der Agrarkrise reagierten die Grundherren ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts mit einer feudalen Offensive. Dabei taten sich insbesondere die kleinen und kleinsten Territorialgewalten und die klösterlichen Herrschaften hervor, da ihnen die Nebeneinkünfte aus der bürgerlichen Wirtschaft fehlten. Am stärksten wurden die Bauern in Südwestdeutschland getroffen, wo die territoriale Zersplitterung am größten, die Besitzverhältnisse sehr verschachtelt und die Feudalfehden am häufigsten waren. Neben einer Reihe von Steuern, die zusätzlich zu den direkten Abgaben erhoben wurden, versuchten kleinere Grundherren im Südwesten, die Leibeigenschaft weiter auszudehnen und freie Zinsbauern in sie einzubeziehen. »Die Festigung der feudalen Produktionsverhältnisse auf dem Lande, verbunden mit der gebietsweisen Einführung der zweiten Leibeigenschaft, wirkte einer Ausnutzung der sich tendenziell anbahnenden Agrarkonjunktur durch die bäuerliche Wirtschaft und einer möglichen Entwicklung kapitalistischer Elemente in der Landwirtschaft entgegen.«¹⁴ Auf verschärfte Ausbeutung und Belastung reagierte die bäuerliche Bevölkerung mit Widerstand, der bis zum Bauernkrieg nicht mehr abreißen sollte.

Frühbürgerliche Revolution?

Auf dem Land wie in den Städten häuften sich die Aufstände gegen die jeweiligen Gewalten. Protest und Widerstand jedoch waren regelmäßige Erscheinungen während des gesamten Mittelalters; sie allein, auch nicht in ihrer Ballung, machen noch keinen Vorabend einer Revolution. Die Neuzeithistoriker der DDR, nach deren Einschätzung allerdings ein Zeitalter sozialer, ökonomischer und politischer Umwälzungen anhob, nennen weitere Anzeichen für eine »gesamtgesellschaftliche Krise«, deren mit Abstand wichtigstes die von Luther ausgehende Reformation war. Unbesehen ihres theologischen Gehalts, war mit ihr die Machtfrage gegen die Papstkirche in Rom gestellt, ihr materielles Substrat zunächst ein Ausdruck des Kampfes zwischen geistlichen und weltlichen Feudalherren um Mehrprodukt und Herrschaftsanteil. Doch sowohl Fürsten und Reichsstände, niederer Adel und städtisches Bürgertum, universitäre Intelligenz, Humanisten und niedere Geistlichkeit als letztlich auch die Bauern konnten sich wenigstens zeitweilig auf die reformatorische Theologie Luthers berufen, um ihre je spezifischen Interessen zumindest gegen die römische Kurie zu artikulieren. Ohne Reformation wäre der Bauernkrieg von anderer Fasson gewesen und hätte auch nicht seine historischen Dimensionen erreicht. Im Evangelium sahen die Bauern eine Rechtfertigung ihrer Sache.

Gegen die bürgerliche Historiographie stellten marxistische Historiker der DDR Reformation und Bauernkrieg in ihrem Zusammenhang und in ihren Wechselwirkungen dar. Erst die Zusammenkunft beider Momente vor dem Hintergrund der ökonomischen Veränderungen ließ es als gerechtfertigt erscheinen, für diese Zeit von einer »frühbürgerlichen Revolution« zu sprechen. Doch überzeugt diese Einschätzung? Bereiteten die ausgetragenen Konflikte und deren Lösung tatsächlich einer bürgerlichen Gesellschaft den Weg? In den bäuerlichen Programmen der Aufstandsbewegung dominierten Forderungen nach Beseitigung oder Lockerung der feudalen Abhängigkeit, nach Reduzierung oder Aufhebung der feudalen Lasten. Die Bodenfrage selbst und damit die ökonomische Grundlage des Feudalismus wurde nicht grundsätzlich thematisiert, sondern vereinzelt nur dort, wo kirchliches Eigentum säkularisiert werden sollte. Wichtiger noch: Der frühbürgerlichen Revolution ermangelte es ihres eigentlichen Subjekts: eines zur Abschaffung feudaler Verhältnisse entschlossenen Bürgertums. Ein Zusammengehen der Mehrheit der Städtebürger mit den aufständischen Bauern fand nicht statt, die großen Geld- und Handelshäuser blieben fest in die feudale Herrschaft und Wirtschaft eingebunden, städtische Handwerker innerhalb ihrer Zunftschranken befangen. Es bleiben also Fragen: »In welcher Hinsicht und in welchem Maße ist von einer Revolution zu sprechen, wenn die Machtfrage vom Bürgertum weder gestellt noch gelöst wurde? Mit welcher Berechtigung kann von einer bürgerlichen Revolution gesprochen werden, wenn das feudale Grundeigentum nicht in Frage gestellt wurde und das feudale Staatswesen erst recht nicht?«¹⁵

Die Revolution war vornehmlich eine gegen die zentralisierte Papstkirche. »Die welthistorische Einschränkung des Papsttums als der universalistischen Überbauinstitution des Feudalismus wurde irreversibel.«¹⁶ Wenn man sich vom Begriff der »frühbürgerlichen Revolution« nicht verabschieden möchte, wird man also einschränkend sagen müssen, dass sie den Auftakt eines langwierigen, Jahrhunderte dauernden Prozesses der Transformation von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft bildete. Eine Erschütterung, die den Bau der alten Welt noch lange nicht zum Einsturz brachte.

Anmerkungen

1 Thomas Kaufmann: Der Bauernkrieg. Ein Medienereignis. Freiburg 2024, S. 19

2 Ludovico Geymonat: Storia del Pensiero Filosofico e Scientifico, Bd. 2. Milano 1970, S. 42, zit. n. Hans Heinz Holz: Einheit und Widerspruch. Problemgeschichte der Dialektik in der Neuzeit, Band 1: Die Signatur der Neuzeit. Stuttgart 1997, S. 58

3 Ludolf Kuchenbuch und Bernd Michael: Zur Struktur und Dynamik der »feudalen« Produktionsweise im vorindustriellen Europa (1977), in: Ludolf Kuchenbuch: Marx, feudal. Beiträge zur Gegenwart des Feudalismus in der Geschichtswissenschaft, 1975–2021. Berlin 2022, S. 250

4 Frank Deppe: Niccolò Machiavelli: Zur Kritik der reinen Politik. Köln 1987, S. 155

5 Hans Heinz Holz: Signatur, a. a. O., S. 65

6 Gerhard Stapelfeldt: Der Merkantilismus. Die Genese der Weltgesellschaft vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Freiburg 2001, S. 26

7 siehe Fernand Braudel: Sozialgeschichte des 15.–18. Jahrhunderts, Bd. 3 Aufbruch zur Weltwirtschaft. München 1986; Immanuel Wallerstein: Das moderne Weltsystem. FrankfurtM. 1986; Giovanni Arrighi: The Long Twentieth Century. Money, Power and the Origins of Our Times. London 1994

8 Benno Teschke: Mythos 1648. Klassen, Geopolitik und die Entstehung des europäischen Staatensystems. Münster 2007, S. 136

9 Karl Marx: Ökonomische Manuskripte 1857/1858 (Grundrisse), Marx-Engels-Werke, Bd. 42. Berlin 1983, S. 413

10 Ders.: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band, Marx-Engels-Werke, Bd. 25. Berlin 1972, S. 340

11 Maurice Dobb: Entwicklung des Kapitalismus. Berlin (West) 1970, S. 99

12 Zentralinstitut für Geschichte (Hg.): Deutsche Geschichte in zwölf Bänden, Band 3: Die Epoche des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus von den siebziger Jahren des 15. Jahrhunderts bis 1789. Berlin/Köln 1983, S. 17

13 Werner Röhr: Abwicklung. Das Ende der Geschichtswissenschaft der DDR, Band 2: Analyse ausgewählter Forschungen. Berlin 2012, S. 587

14 Deutsche Geschichte, a. a. O., S. 38

15 Röhr, a. a. O., S. 620

16 Ebd., S. 613

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Enrico M. aus Ottenhagen (17. Dezember 2025 um 04:24 Uhr)
    Der von Daniel Bratanovic dargestellte Feudalismus bezieht sich auf einen Abschnitt des Heiligen Römischen Reichs dt. Nation (HRRdN). Aber z. B. der Feudalismus in den Niederlanden, Frankreich oder England unterschied sich davon erheblich. Das betrifft vor allem die in Frage stehende Entwicklung der bürgerlichen Produktionsweise und dazugehörigen Zentralisation und Nationenbildung. Allen gemeinsam waren zwar die Stadien Lehnsstaat (L.)– Ständestaat (S.) – Absolutismus (A.). Doch während der erste Übergang vom L. zum S. mit dem Übergang vom Hoftag – Reichstag endlich auch offiziell 1495 auf dem Reichstag zu Worms (Maximilian I.) im HRRdN erfolgte, war in England der zweite Übergang vom Ständestaat – Absolutismus bereits zehn Jahre alt (1485 Heinrich VII.). Ganz zu schweigen von Frankreich unter Ludwig XI. (»Vater des französischen Zentralstaats«, 1423–1483). Damit einher ging die Entwicklung der feudalen Natural- und Arbeitsrente zur feudalen Geldrente und weiter zur kapitalistischen Geldrente. Unter Cromwell nannten sich die dazugehörigen sozialen Schichten copyholder, leasholder und freeholder. Denn bereits 1381 forderten in England die aufständischen Bauern die feudale Geldrente (4 Penny pro acre), was weit über die deutschen Bauern von 1525 reichte. Der »feudale Staat« war natürlich neben der Kirche allgegenwärtig in Persona des stets verehrten Königs. Keine »Autonome Institutionen«? Siehe die Reichsstände. Oder die Kammergerichtsordnung von 1495 für das Kaiserliche Kammergericht. Gegen den von Bratanovic transportierten Zweifel von Werner Röhr am bürgerlichen Charakter der Revolution sei erinnert: Neben der Ketzerei der Bauern gab es immer eine der Bürger: Neben John Ball, Wat Tyler ein John Wyclif, neben den Taboriten die Calixtiner, neben Leveller, Digger die Independenten, Presbyterianer. In Erfurt siegte »eine rein bürgerliche Bewegung« (MEW 7: 402/403), dito Frankfurter Zunftaufstand. Übrigens gab es lange vor Luther, gestorben 1546, einen Jan Hus, verbrannt 1415.
  • Leserbrief von Mitter Albert aus Gmunden (17. Dezember 2025 um 00:47 Uhr)
    Der ausgezeichneten historischen und sozioökonomischen Abhandlung fehlt nur ein Hinweis, wieso diese »große deutsche Revolution« mit einer Niederlage enden musste. Der Ausgang dieser Revolution beweist die Richtigkeit des historischen Materialismus und widerlegt idealistische Geschichtsauffassungen. Die Niederlage hatte ihren wahren Grund darin, dass sich die Produktionsverhältnisse eben nicht idealistisch wegen Ideen, Idealen, einer moralischen Überlegenheit und auch nicht wegen dem Wunsch, ja dem Klassenkampf ausgebeuteter, unterdrückter Klassen, die bestehenden Verhältnisse umzustürzen, ändern. Sondern materialistisch mit der Entwicklung der Produktivkräfte. Wenn diese in Widerspruch zu gegebenen Produktionsverhältnissen geraten, die sie an ihrer weiteren Entwicklung, Entfaltung hindern, verlangt diese andere Produktionsverhältnisse, setzen sich diese auch durch. Das ist die materialistische Grundlage für Änderungen der Produktionsverhältnisse. Ohne diesen Widerspruch kann es nachhaltig keine neuen Produktionsverhältnisse geben. Zur Zeit der Bauernkriege waren die Produktivkräfte noch nicht in einem solchen Widerspruch zu den feudalen Produktionsverhältnissen. Daher konnte der revolutionäre Versuch, diese zu ändern, nur scheitern. Jetzt ist die kapitalistische Produktionsweise noch nicht in einen solchen Widerspruch zur Entwicklung der Produktivkräfte geraten, dass sie diese wesentlich behindert. Die Produktivkräfte sind im Kapitalismus der USA am höchsten entwickelt, entwickeln sich dort ungehindert weiter, im weltweiten Spitzentempo. Daher kann nur eine idealistische Geschichtsauffassung, die im Gegensatz zum historischen Materialismus steht, glauben machen, dass die kapitalistische Produktionsweise nachhaltig jetzt von der sozialistischen abgelöst werden kann. Jetzt kann es daher nur darum gehen, mit politischer Macht sie pragmatisch mit den Interessen der arbeitenden Menschen zu verbinden. Wie in der VR China und der SR Vietnam.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in André M. aus Berlin (15. Dezember 2025 um 10:06 Uhr)
    Die beiden Teile sind eine sehr gelungene Reminiszenz an den Großen Deutschen Bauernkrieg, wie die Ereignisse ja auch genannt wurden. Ich war mit meiner Frau im September auf dem Schlachtberg von Bad Frankenhausen, wo sich Werner Tübkes Monumentalpanorama »Frühbürgerliche Revolution in Deutschland« als Auftragswerk der DDR-Regierung befindet. Fast vergessen und seiner historischen Bedeutsamkeit weitgehend entbunden ist das Bauernkriegsgeschehen trotzdem fruchtbar für das Erkennen historischer und gegenwärtiger Zustände. Ich konnte meiner Frau den historischen Kontext gut erkennbar machen. Er war sehr eng an den Faden geknüpft, den der Autor hier »gesponnen hat«. Eine Wohltat im gegenwärtigen, von jeder Historie »befreiten« zeitgeistigen pseudoliberalen Gewäsch. Ich bin meiner DDR-Zivilisation sehr dankbar, mit dem historischen Materialismus bekannt geworden zu sein.

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