Sich die Bananen schmecken lassen
Von Rosa Luxemburg
Ist es etwa eine Natureigenschaft des Menschen oder des Arbeiters, dass er Mehrarbeit leisten kann? Nun, zur Zeit, wo die Menschen jahrelang eine Axt aus Stein machten oder Feuer durch stundenlanges Aneinanderreiben von zwei Holzstücken erzeugten, wo sie zur Verfertigung eines einzigen Bogens mehrere Monate brauchten, hätte der schlauste und rücksichtsloseste Unternehmer keine Mehrarbeit aus einem Menschen auspressen können. (…) Jene Produktivität der Arbeit also, die der Arbeitskraft des heutigen Lohnarbeiters die angenehme Eigenschaft verleiht, Mehrarbeit zu leisten, ist nicht eine von der Natur gegebene, physiologische Besonderheit des Menschen, sondern sie ist eine gesellschaftliche Erscheinung, die Frucht einer langen Entwicklungsgeschichte. Die Mehrarbeit der Ware Arbeitskraft ist nur ein anderer Ausdruck für die Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit, die durch eines Menschen Arbeit mehrere Menschen zu erhalten vermag.
Die Produktivität der Arbeit, besonders wo sie durch glückliche Naturbedingungen schon auf primitiven Kulturstufen ermöglicht wird, führt jedoch durchaus nicht immer und überall zum Verkauf der Arbeitskraft und zu ihrer kapitalistischen Ausbeutung. Versetzen wir uns für einen Augenblick in jene begnadeten tropischen Gegenden Zentral- und Südamerikas, die nach der Entdeckung Amerikas und bis Anfang des 19. Jahrhunderts spanische Kolonien waren, jene Gegenden mit heißem Klima und fruchtbarem Boden, wo die Bananen die Hauptnahrung der Bevölkerung sind. »Ich glaube nicht«, schrieb Humboldt, »dass es auf dem Erdboden noch eine andere Pflanze gibt, die auf einem so kleinen Fleck Bodens eine so ansehnliche Masse nahrhafter Substanz hervorbringt.« »Nach diesem Prinzip«, berechnet Humboldt, »findet man die sehr merkwürdige Tatsache, dass in einem ganz besonders fruchtbaren Land ein halber Hektar Boden, der mit Bananen von der großen Gattung (Platano arton) angebaut ist, über fünfzig Individuen nähren kann, da hingegen dieser nämliche Fleck Landes in Europa (das achte Korn angenommen) bloß 576 Kilogramm Weizenmehl, also nicht einmal Nahrung für zwei Personen, geben würde.« (…)
Es ist klar, dass hier die Produktivität der Arbeit an sich eine Ausbeutung wohl ermöglicht, und ein Gelehrter mit echt kapitalistischer Seele, wie Malthus, ruft auch mit Tränen bei der Beschreibung dieses irdischen Paradieses: »Welch enorme Mittel zur Produktion unendlicher Reichtümer!« Das heißt mit anderen Worten: Wie herrlich ließe es sich aus der Arbeit dieser Bananenfresser für rührige Unternehmer Gold schlagen, wenn man diese Faulenzer zur Arbeit anspannen könnte. Aber was sahen wir in Wirklichkeit? Die Einwohner dieser begnadeten Gegenden dachten nicht daran, für Anhäufung von Geld zu schanzen, sondern sahen nur ein bisschen hie und da nach den Bäumen, ließen sich ihre Bananen schmecken, und die viele freie Zeit lagen sie in der Sonne und freuten sich des Lebens. (…)
Allein der moderne Unternehmer hat diese angenehme Eigenschaft der menschlichen Arbeitskraft nicht als erster entdeckt. Tatsächlich sehen wir die Ausbeutung der Mehrarbeit durch Nichtarbeitende schon in alten Zeiten. Die Sklaverei im Altertum wie das Fronverhältnis und die Leibeigenschaft im Mittelalter beruhen beide auf der bereits erreichten Produktivität, das heißt der Fähigkeit der menschlichen Arbeit, mehr als einen Menschen zu erhalten. Beide sind auch bloß verschiedene Formen, in denen eine Klasse der Gesellschaft sich diese Produktivität zunutze machte, indem sie sich von der anderen Klasse erhalten ließ. In diesem Sinne sind der antike Sklave wie der mittelalterliche Leibeigene direkte Vorfahren des heutigen Lohnarbeiters. Aber weder im Altertum noch im Mittelalter wurde die Arbeitskraft trotz ihrer Produktivität und trotz ihrer Ausbeutung zur Ware. Das Besondere im heutigen Verhältnis des Lohnarbeiters zum Unternehmer, was es von der Sklaverei wie von der Leibeigenschaft unterscheidet, ist vor allem die persönliche Freiheit des Arbeiters. (…)
So sehen wir, dass die bloße Tatsache des Verkaufs der Arbeitskraft als Ware auf eine ganze Reihe bestimmter gesellschaftlicher und geschichtlicher Verhältnisse hinweist. Die bloße Erscheinung der Arbeitskraft als Ware auf dem Markt zeigt an: 1. die persönliche Freiheit der Arbeiter; 2. ihre Trennung von den Produktionsmitteln sowie Ansammlung der Produktionsmittel in den Händen Nichtarbeitender; 3. einen hohen Grad der Produktivität der Arbeit, das heißt die Möglichkeit, Mehrarbeit zu leisten; 4. die allgemeine Herrschaft der Warenwirtschaft, das heißt die Schaffung der Mehrarbeit in Warenform zum Verkauf als Zweck des Kaufs der Arbeitskraft.
Rosa Luxemburg: Einführung in die Nationalökonomie. Berlin 1925. Hier zitiert nach: Rosa Luxemburg: Werke, Band 5. Dietz-Verlag, Berlin 1974, Seiten 734–739
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