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Konjunkturrealismus

Von Lucas Zeise
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Endlich ein bisschen Realismus! Die Konjunkturforscher des Münchner Ifo-Instituts kürzen ihre Wachstumsprognosen für die kommenden beiden Jahre um je einen halben Prozentpunkt. Im nächsten Jahr soll danach das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Deutschlands real nur noch um 0,8 Prozent steigen (statt wie in der bisherigen Voraussage um 1,3 Prozent), und 2027 um gerade mal 1,1 (statt bisher 1,6) Prozent. Weil sie schon dabei waren, haben sie auch das erwartete Wachstum für 2025 von 0,2 auf 0,1 Prozent gesenkt. Man fragt sich schon: Warum erst jetzt dieser Realismus? Im Bericht der FAZ dazu heißt es, die »Wissenschaftler« seien »in ihren Vorhersagen immer davon ausgegangen, dass Deutschland früher oder später an die Wachstumsdynamik aus der Zeit vor der Coronapandemie anknüpft«. Sie hätten sich nun entschieden, – »nach sieben Monaten schwarz-roter Koalition« – nicht mehr »auf die Rückkehr dieses Szenarios zu setzen«. Der 500 Milliarden Euro große Schuldentopf für die Infrastruktur würde kurzfristig zwar etwas helfen, aber nicht ausreichen, um die Produktionskapazitäten der deutschen Wirtschaft langfristig auszuweiten.

Mit der Wachstumsdynamik vergangener Zeiten sind vermutlich die Exporterfolge der deutschen Industriekonzerne gemeint, die früher die Gesamtwirtschaft aus Konjunkturkrisen herausführten. Es war den Ifo-Experten bekannt, dass dieser Ausweg aus der Krise sich dieses Mal nicht bietet. Schließlich hat Herr Trump die Einfuhrzölle in den größten Absatzmarkt der Welt erhöht, während China früher aus Deutschland importierte Fertigwaren nun weitgehend selbst produziert und damit deutschen Konzernen auf dem Weltmarkt Konkurrenz macht. Zudem – vermutlich der wichtigste Punkt – geht das Wirtschaftswachstum weltweit zurück. Vermutlich ist daher die Erwartung der Ifo-Leute eines Anstiegs der deutschen Exporte um 0,6 im nächsten Jahr und um 1,1 Prozent 2027 sogar noch zu optimistisch.

Im Vergleich mit den vom Kapital hierzulande geforderten grundlegenden »Reformen« (womit die Senkung der Steuern sowie der Lohn- und sonstigen Kosten gemeint ist) ist die Wirtschaftspolitik der USA ziemlich rational. Das riesige Außenhandelsdefizit des Landes geht dank erschwerter Importe durch Zölle langsam zurück, was den Wachstumsrückgang des BIP mildert. Die US-Notenbank hat vor ein paar Tagen den Leitzins das dritte Mal in Folge um einen Viertelpunkt auf jetzt 3,5 bis 3,75 Prozent gesenkt. Sie erwartet im nächsten Jahr eine weitere Abschwächung der Konjunktur und hofft, damit das Wachstum des BIP oberhalb von zwei Prozent halten zu können. Zudem hat sie ab dem 1. Dezember den Rückkauf von Staatsanleihen eingestellt und zusammen mit der aktuellen Zinssenkung angekündigt, 40 Milliarden US-Dollar an zusätzlicher Liquidität in den Finanzmarkt zu schleusen. Sie schätzt offensichtlich das Risiko einer Konjunkturdelle und eines Finanzcrashs als nicht unerheblich ein. Ob das die Gefahr bannt, kann bezweifelt werden. Aber besser als der wirtschaftliche Blindflug in Europa und insbesondere der Bundesrepublik ist es allemal.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Aachen

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