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Aus: Ausgabe vom 12.12.2025, Seite 15 / Feminismus
»Women Defend Rojava«

»Frauen werden aus dem öffentlichen Leben verdrängt«

Emanzipatorische Bewegung unter Dschihadisten: Die Lage in Syrien und der Autonomen Selbstverwaltung. Ein Gespräch mit Liz Baumann
Von Interview: Gitta Düperthal
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Mitglieder der Frauenverteidigungseinheiten patrouillieren im Lager Al-Roj (6.4.2025)

Vor einem Jahr ist, angeführt von der dschihadistischen Miliz Haiat Tahrir Al-Scham (HTS), die Regierung in Syrien gestürzt worden. Eine Delegation der Kampagne »Women Defend Rojava« besuchte Mitte November die Autonome Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien. Wie nehmen Frauen dort die Lage wahr?

Frauen der Selbstverwaltung erleben die Situation bedrohlicher als zuvor. Die Übergangsregierung des früheren Al-Qaida-Führers Abu Mohammed Al-Dscholani, der sich nun Ahmed Al-Scharaa nennt, vertritt die gleiche Ideologie wie der IS (»Islamischer Staat«, jW). Dessen Entourage sei nicht wie der IS: »Es ist der IS«, sagte uns eine Frau aus dem Frauendorf Jinwar. Als einzige Kultur akzeptiert er die arabisch-islamische Religion. In Nord- und Ostsyrien hat sich aber eine Kultur der Vielfalt entwickelt, um gleichberechtigt miteinander zu leben. Gewalt gegen die Drusen in der Provinz Suweida oder Angriffe auf Alawitinnen in Latakia an der Küste belegen, dass die Terrormiliz, die früher schon Kriegsverbrechen beging, Frauen erneut auf Grund ihrer Religionszugehörigkeit entführt, vergewaltigt oder ermordet. Der syrische Frauenrat, ein Zusammenschluss aller Ethnien in Syrien, prangert an, dass Frauen aus dem öffentlichen Leben verdrängt werden. Mädchen werden zwangsverheiratet, es gibt auch wieder verstärkt die Vielfrauenehe. Al-Dscholanis Leute nähmen Frauen in ihrer Existenz gar nicht wahr, hörten wir.

Die Frauen- und Volksverteidigungseinheiten, YPJ und YPG, haben erfolgreich den IS und patriarchale Strukturen bekämpft und ein System aufgebaut, um Frauenrechte in besonderer Weise zu berücksichtigen. Wie blickt man dort auf die Gegenwart?

»Die Errungenschaften werden verteidigt, und für ein demokratisches Syrien wird gekämpft«, bekräftigt die YPJ. Für Gespräche darüber, »wie eine Integration in ein syrisches Militär aussehen kann«, ist man offen. Die YPJ und die Demokratischen Kräfte Syriens, SDF, die sich aus multireligiösen, -nationalen und -konfessionellen militärischen Gruppen zusammensetzen, betonen aber ihre Eigenständigkeit.

Frauen in Rojava werden weiterhin von der Türkei angegriffen, vom HTS-Interimsregime Al-Dscholanis haben sie kaum Gutes zu erwarten. Wie sind dennoch Emanzipationsbestrebungen aufrechtzuerhalten?

Zur Zeit als wir dort waren, gab es einen Brandanschlag auf das Büro der Dachorganisation arabischer Frauen, »Zenobia«, nahe Deir Al-Sor in Ostsyrien. Sie trotzen den kriegerischen Angriffen auf Frauenstrukturen und bauen die »Mala Jin« in ganz Syrien aus. Das sind Anlaufstellen für von Gewalt betroffene Frauen – bei häuslicher Gewalt, Sorgerechtsstreitigkeiten, Selbstbestimmungskonflikten in Ehe und Familie. Die nord- und ostsyrische kurdische Frauenbewegung »Kongra Star« organisiert sich gemeinsam mit »Zenobia«. Die Frauen verteidigen sich stets aufs neue gegen islamistische Kräfte, die mit türkischen Militärs verbündet sind.

Wie zum Beispiel?

Anfang 2025 bombardierte die türkische Luftwaffe den Tischrin-Staudamm in Nordsyrien wiederholt, so dass zu befürchten war, dass die ganze Region überschwemmt wird. Da entschieden Frauen, den Damm mit einer Blockade zu verteidigen: »Widerstand ist Leben.«

Diskutiert werden die Zustände im Lager Al-Hol. Dort sind unter anderem Frauen von internationalen IS-Kämpfern und deren Kinder untergebracht, um die sich deren Herkunftsländer nicht kümmern wollen. Die Lage dort eskalierte in der Vergangenheit – wie ist es aktuell?

Wir waren nicht dort, haben aber von der herausfordernden Arbeit gehört. Die Zustände des Lagers nahe der syrisch-irakischen Grenze sind katastrophal. Viele der dort lebenden Kinder und Frauen sind der Gewalt und Ideologie des IS ausgesetzt. IS-Frauen versuchen, mit Druck zu erreichen, dass alle Frauen dort eine Ganzkörperverschleierung anlegen müssen. Betreuerinnen, die ins Camp hineingehen, werden häufig angegriffen. Sie versuchen, mit Bildungsarbeit weitere Radikalisierung aufzuhalten, sich von Frau zu Frau anzunähern. Sie bieten Nähkurse, Workshops zu Frisiersalons oder ähnliches an, um die Frauen finanziell unabhängig zu machen. Damit sie eine Zukunftsperspektive erhalten.

Außenminister Johann Wadephul reiste nach Syrien, besuchte dort nur von islamistischen Kräften kontrollierte Gebiete, statt Frauen, die sich dort für Demokratie, Frauenrechte und Selbstbestimmung einsetzen. Erwartet man von der Bundesregierung politische und humanitäre Unterstützung?

Viele Frauen, die derzeit eine Zunahme von Gewalt erleben, fragen sich: Wie kann es sein, dass alle Sanktionen gegen Al-Dscholani aufgehoben wurden und er als Vertreter eines vermeintlich demokratischen Syriens anerkannt wird? All dies geschieht nur, um das deutsche Konzept von »Rückführungen« von Deutschland nach Syrien umzusetzen. Dies findet auf dem Rücken der Frauen statt. Ihr Appell geht an zivilgesellschaftliche Organisationen in der BRD, politisch Druck zu machen. Denn Frauenrechte und Religionsfreiheiten zu verteidigen, ist im globalen Interesse.

Liz Baumann ist Aktivistin bei »Women Defend Rojava«

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