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Aus: Ausgabe vom 11.12.2025, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitsbedingungen im ÖPNV

Mehr Personal ist gut fürs Klima

ÖPNV-Studie: Gute Tarifverträge sorgen für ausreichend Fahrer, und das hilft der Verkehrswende
Von Gudrun Giese
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Mehr Klimaschutz durch bessere Arbeitsbedingungen bei den Unternehmen des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) – diesen Zusammenhang stellt ein Gutachten her, das am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Im Auftrag der Gewerkschaft Verdi und der Klimaallianz Deutschland haben die Institute KCW und Nahverkehrsberatung (Nbsw) zunächst den Status quo der für die Beschäftigten bei Bussen und Bahnen geltenden Bedingungen beschrieben. Dazu zogen die Autoren Tarifverträge aus dem Geltungsbereich des ÖPNV heran, wobei sie feststellten, dass Beschäftigte im Fahrdienst »besonderen Belastungen ausgesetzt sind, die in diesem Maße in kaum einem anderen Berufsfeld vorkommen«. Überlange Schichten mit einem hohen Anteil unbezahlter Phasen sowie unvergütete Wegezeiten zwischen verschiedenen Einsatzorten seien ebenso obligatorisch wie verkürzte Ruhezeiten aufgrund von Staus, ständig wechselnde Arbeitszeiten, Wochenendarbeit und geteilte Dienste. Pro Jahr würden sich die unbezahlten Zeiten des Fahrpersonals oft auf an die hundert Stunden summieren, was rund zweieinhalb Arbeitswochen entspreche. Dies und die häufigen Wochenenddienste trügen maßgeblich »zu Unzufriedenheit und hoher Fluktuation bei«, schreiben die Autoren. Auf längere Sicht würde der Beruf im Fahrdienst dadurch unattraktiv.

Umsteuern sei dringend nötig, weil nur bessere Arbeitsbedingungen im ÖPNV dem zunehmenden Fachkräftemangel entgegenwirken könnten und so auch die Fahrpläne von Bussen und Bahnen zuverlässiger werden ließen. Investitionen in gute Arbeitsbedingungen lohnten sich gleich aus mehreren Gründen. Wegen der verlässlicheren Fahrpläne und der höheren Servicequalität sei das Nahverkehrspersonal zufriedener wie auch die Kunden. Schließlich könnten nur so die politisch propagierte Verkehrswende und damit die Klimaziele erreicht werden. »Wer den öffentlichen Verkehr zuverlässig, sicher und attraktiv für die Bevölkerung gestalten will, muss auch bereit sein, für faire Arbeitsbedingungen zusätzliche Finanzmittel einzuplanen.« Auf ein personalloses, autonomes Fahren könne dabei niemand in der nahen Zukunft setzen, denn bis es soweit sei, drohten »ohne ausreichend qualifiziertes, fair bezahltes und motiviertes Fahrpersonal Fahrtausfälle, Verspätungen und sinkende Fahrgastzahlen«. Jedes Jahr gehen derzeit rund 9.000 Fahrer in den Ruhestand oder verlassen den Job. Personalmangel ziehe eine Negativspirale nach sich, weil überlastete Fahrer eher krank werden oder nach einiger Zeit den Beruf an den Nagel hängen. So blieben moderne Fahrzeuge, Digitalisierung und neue Infrastruktur wirkungslos, wenn nicht mehr Beschäftigte geworben und gehalten werden könnten.

Dass sich bessere Arbeitsbedingungen direkt positiv auf die Bewerberzahlen auswirkten, belege das Beispiel der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die seit ihrem letzten Tarifvertragsabschluss bis Mitte 2025 bereits 800 neue Beschäftigte eingestellt hätten und bis zum Jahresende insgesamt 1.500 Einstellungen erreichen wollen. Die Bewerbungen seien um 27 Prozent gestiegen. Generell sollten in der Branche die als besonders negativ wahrgenommenen Bedingungen gemildert werden, so die Studie. Dazu gehöre es, die unbezahlten Schichtanteile und langen Schichten zu begrenzen, den Dienstbeginn und das -ende an denselben Ort zu legen, die Mindestruhezeit zwischen den Schichten zu erhöhen, geteilte Dienste abzuschaffen und mindestens die Hälfte aller Wochenenden dienstfrei zu planen. Diese Verbesserungen der Arbeitsbedingungen müssten künftig von Anfang an beim nötigen ÖPNV-Ausbau finanziell mitberücksichtigt werden.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Stefan G. aus Berlin (11. Dezember 2025 um 08:33 Uhr)
    Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin seit 43 Jahren als Berufskraftfahrer im Bereich Bus und LKW tätig. Momentan arbeite ich bei der DB Regio Ost als Busfahrer. Die im Artikel beschriebene Problematik ist seit Jahrzehnten bekannt. Die Tariferhöhungen bei der BVG sind zwar zu begrüßen, jedoch könnten sich die Erfolge bei den Neueinstellungen als Strohfeuer erweisen, da die Fluktuation hoch bleiben wird. Bei der DB sind wir von solchen Tarifabschlüssen ohnehin weit entfernt, was dazu führt, dass Fahrpersonal, welches von der BVG lieber nicht beschäftigt wird, bei uns landet. Das Fahren von größeren Fahrzeugen ist nicht jedermanns Sache und die Unfallzahlen sprechen für sich. Bei der DB Regio fahren wir hauptsächlich SEV für die DB und die S-Bahn Berlin. Für Kolleginnen ist diese Tätigkeit wenig attraktiv, da sich die sanitären Optionen auf Dixi-Klos beschränken, während die BVG wenigstens ordentliche Klos zur Verfügung stellt. Auch das einzige angebotene Arbeitszeitmodell von 6/2 – also sechs Tage arbeiten, zwei Tage frei – wirkt nicht gerade anziehend auf Menschen, die Interesse an einem harmonischen Familienleben haben. Die Liste der Beispiele, warum diese Arbeit unattraktiv ist, könnte beliebig fortgesetzt werden. Immerhin hält die BRD-Regierung für Leute meiner Altersgruppe Ü 60 ja die Aktivrente bereit. Also KollegInnen: Immer schön gesund bleiben und weitermachen, damit Fahrpersonal Ü 80 zum Standard wird! Alternativ können wir uns ja auch bei der Bundeswehr bewerben. Mit freundlichen Grüssen, Stefan Giemann

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