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Aus: Ausgabe vom 11.12.2025, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Schöner trennen, die zweite

Kino ohne vorhersehbare Liebeskomödien ist möglich, aber sinnlos
Von Ronald Kohl
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Verliebt ins Verliebtsein: Die neuen Ü50er

Vor genau einem Jahr kam mit »Es liegt an dir, Chéri« schon einmal eine ausländische Produktion in die hiesigen Kinos, die eine Trennung nach jahrzehntelanger Ehe thematisierte. Jetzt also »Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos« des spanischen Regisseurs Cesc Gay. Schlimm ist nicht die große Ähnlichkeit beider Filme: der treusorgende Familienvater, der nichts ahnt, die beiden Kinder (auch dieses Mal Junge und Mädchen vor dem Abi), die aus allen Wolken fallen usw. Mein Problem war, dass ich schon beim ersten Film nicht wusste, was ich darüber schreiben sollte: Auch ich kann bei dem Thema nur den Kopf schütteln. Doch scheint das in meinem Alter ohnehin zum Dauerzustand zu werden. Egal, auf geht’s: Graue Scheidung, die zweite!

Dieses Jahr besucht Eva (Nora Navas) ihr Elternhaus am Heiligen Abend ohne komplette Familie. Ihre beiden Kinder hat sie zwar dabei, doch der Mann fehlt. Auch Evas Mutter lebt ohne Partner, jedoch nicht, weil bei ihr nach 25 Jahren Ehe der Wunsch nach Liebe und Verliebtsein ausgebrochen war. Sie ist Witwe. Der Bruder des Verstorbenen, Evas Onkel, nimmt Eva am Weihnachtsbaum beiseite. Er habe gehört, Victor (der abwesende Ehemann) würde seinen Seitensprung bereuen, und man müsse doch verzeihen und vergeben können. Eva nickt verständig und lächelt. Die Geliebte hatte sie erfunden, um die Trennung für ihre katholische Mutter überhaupt erklärbar machen zu können. Ich sage katholisch, weil der Film in Barcelona spielt.

Vorher hatte Eva ihrem vermutlich ebenfalls katholischen Mann Victor die Hucke voll gelogen und ihm etwas von einem Liebhaber erzählt, einem portugiesischen Restaurantbesitzer, bei dem sie vor einiger Zeit einen Kurs molekularer Küche belegt hatte. Doch da hatte sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Victor besuchte umgehend das Restaurant und versuchte, den Kerl zur Rede zu stellen. Daraus entwickelte sich schnell ein Gespräch über Gott und die Welt, an dem sich nach ein paar Minuten auch der Lebenspartner des Kochs beteiligte. Victor wusste danach zwar ein bisschen mehr über unsere Welt, verstand sie aber um so weniger.

»Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos« kommt ohne dramatische Szenen aus. Und wenn man sich nicht in Details verzettelt, ist der Film auch recht schnell erzählt. Bei Wikipedia wird der gesamte Plot mit nur einem einzigen Satz beschrieben, keine 30 Wörter. Allerdings ist im Englischen bekanntlich auch alles ein wenig kompakter, und einen deutschsprachigen Eintrag gibt es noch nicht.

Eva hat es sich also zur Gewohnheit gemacht, alle Welt zu belügen. Empfindet sie Freude dabei? Nein, keineswegs. Und es scheint für sie auch nicht der leichtere Weg zu sein. Sie will nur niemanden verletzen. Hinzu kommt: Wenn sie unverblümt die Wahrheit sagt, wird ihr nicht so schnell geglaubt. In einer Szene bringt sie ihren Sohn mit dem Auto zum Handball. Er ist ein großes Talent und voll bei der Sache, Barcelona eben. Als sich der Vater eines Teamkollegen nach Viktor erkundigt, sagt Eva: »Wir haben uns getrennt.« »Beim letzten Spiel wart ihr doch noch zusammen.«

Eva, die bald 50 wird, sieht noch immer sehr gut aus. An verständnisvollen Männern herrscht kein Mangel, einer der ersten, mit dem sie in die Federn steigt, ist der Papa vom Handball. So richtig ernst meint es schließlich ein Knilch, den all ihre Freunde nur den »Zahnarzt« nennen. (Sein Vorgänger hieß »der Jurist«.) Der Dentist isst gerne riesige Portionen Popcorn im Kino. Das einzige, was er noch lieber vernascht, ist Eva. Bei ihr hingegen regt sich leider nicht allzu viel. Ist sie zu anspruchsvoll? Gibt es nur den einen ganz Besonderen für sie? Und was muss der wohl von Beruf sein?

Vor ihrer Trennung hatte Eva, die für einen Buchverlag arbeitet, in Rom zu tun. Im Hotel sind ihre Räume nur durch eine einfache Tür von der benachbarten Suite getrennt. Sie ist noch nicht einmal beim Auspacken, als sie nebenan ein Geräusch hört und die Tür unsicher öffnet. Ein nackter Mann kommt aus der Dusche. Auf der Stelle greift er nach einem Handtuch und beide entschuldigen sich mehrmals artig beieinander. Seitdem spielen Evas vom Klimakterium gestählten Hormone verrückt. Alles andere ist bekannt, bis auf die Frage, ob der Nackedei und Eva, die sich bald darauf aus den Augen verloren haben, irgendwann doch gemeinsamen im Paradies ankommen.

Zum Abschluss ein kleines Quiz: Was ist Evas nackiger Nachbar wohl von Beruf: Klempner, Bestattungsunternehmer oder Drehbuchautor?

»Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos«, Regie: Cesc Gay, Spanien 2025, 101 Min., Kinostart: heute

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