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Aus: Ausgabe vom 11.12.2025, Seite 10 / Feuilleton
Zeitgeschichte

Kämpfen, verlieren, nicht verzagen

Rita Steiningers Doppelbiographie von Zenzl und Erich Mühsam
Von Siegfried Bresler
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Zwei Vorbilder: Zenzl und Erich Mühsam

Trotz entsprechender Jubiläen blieb Rita Steiningers Doppelbiographie von Erich Mühsam (1878–1934) und seiner Frau Kreszentia Mühsam (1884–1962), genannt Zenzl, zuwenig beachtet. Die von der Münchner Autorin kenntnisreich verfasste Arbeit stellt die Lebenswege der beiden gleichberechtigt dar und greift dazu neben bereits erschlossenen Quellen auf zahlreiche bisher unveröffentlichte Archivalien zurück.

Der in Berlin geborene Erich Mühsam wuchs in Lübeck auf, wo er eine Ausbildung zum Apothekergehilfen machte. Früh schrieb er spitzzüngige Prosa. Ab 1900 war er zurück in Berlin, und im Friedrichshainer Dichterkreis. Stets setzte er sich gegen Militarismus und Nationalismus ein. Bald führt es den unruhigen anarchistischen Dichter in den Süden, nach Ascona auf den Monte Verità und nach Genua. Im Jahr 1908 wird er in München sesshaft, bei einem Vortrag in einem Schwabinger Lokal lernt er Zenzl Elfinger kennen. Gekonnt beschreibt Steininger die damalige Zeit, die von strengen Moralvorstellungen geprägt war, die von Kirche, Staat und Polizei überwacht wurden.

Im September 1915 heiratet das Paar. Beide beteiligen sich 1918 an der Münchner Räterepublik. Als sie im Frühjahr 1919 niedergeschlagen wird, kommen sie nur knapp mit dem Leben davon. Erich wird zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt, Zenzl setzt sich unermüdlich für seine Freilassung ein. Nach fünf Jahren kommt er dank einer Amnestie frei und sie ziehen nach Berlin. Diese Zeit wird von der Autorin lebendig geschildert. Der unermüdliche Einsatz der Mühsams für politische Gefangene, der Kampf um die Einheitsfront der Arbeiter gegen den Faschismus und verschiedene publizistische Tätigkeiten bestimmen die 1920er Jahre. Der Leser taucht ein in die Alltagsgeschichte der Weimarer Zeit. Auch das sich verschlechternde Verhältnis Mühsams zu seinem einstigen Wegbegleiter Herbert Wehner ist Thema.

Die Faschisten drohen Mühsam schon bald mit Mord, werfen ihm die Fensterscheiben ein. Mit Zenzl plant er die Flucht, doch zu spät. Als in der Nacht zum 28. Februar 1933 der Reichstag brennt, wird Erich aus dem Bett heraus festgenommen und ins KZ Oranienburg verschleppt. Fast täglich wird er misshandelt. Unbegreiflich, dass er dennoch standhaft bleibt. Zenzl besucht ihn regelmäßig. Nachdem die Nazis ihn fast zu Tode gequält haben, wollen sie, dass er sich selbst umbringt. Das macht er nicht. In der Nacht zum 10. Juli 1934 wird Mühsam im KZ Oranienburg ermordet.

Als Erich am 16. Juli bestattet wird, flieht Zenzl nach Prag. Man hatte sie gewarnt, die Gestapo wolle sie direkt nach der Beisetzung verhaften. Sie schwört sich, der Welt über die Nazigreuel die Augen zu öffnen. Zudem kämpft sie nun um das Werk ihres Mannes. Ihr gelingt es, den Nachlass nach Prag bringen zu lassen, und sie widmet sich seiner Herausgabe. Wilhelm Pieck bietet ihr an, in Moskau eine Werkausgabe zu ermöglichen. Doch dort wird sie zweimal festgenommen und von Wehner als Trotzkistin denunziert. Sie wird monatelang verhört und gefoltert, im September 1939 zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Im November 1946 kommt sie krank und geschwächt frei. Doch wird sie im Februar 1949 erneut festgenommen und nach Nowosibirsk verbannt. Sie überlebt die fürchterlichen Bedingungen. Erst 1953 wird Zenzl entlassen. Im März 1955 erhält sie einen deutschen Pass und kommt Ende Juni in Ostberlin an. Dieser Leidensweg in der Sowjetunion scheint lohnend weiterzuerforschen. So die Rolle wichtiger deutscher Politiker, die des NKWD sowie der internationalen Solidarität der anarchistischen Bewegung. Zenzl Mühsam stirbt am 10. März 1962 in Berlin (DDR) und findet erst nach 1989 ihre Grabstätte neben ihrem Mann auf dem Dahlemer Waldfriedhof.

Rita Steiningers Buch ist erschütternd, doch zeigt es zugleich, wie Menschen aufrecht für ihre Ideale einstehen. Zenzl und Erich Mühsam können uns heute Vorbilder sein, um autoritären Bewegungen die Stirn zu bieten. Es ist wichtiger denn je.

Rita Steininger: Weil ich den Menschen spüre, den ich suche. Zenzl und Erich Mühsam. Donat-Verlag, Bremen 2024, 264 Seiten, 19,80 Euro

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