»Wir bleiben«
Von Hans Otto Rößer
Als das Doha-Abkommen abgeschlossen wurde, hatte sich das Blatt im innerafghanischen Konflikt endgültig zugunsten der Taliban gewendet. Sie hatten laut Einschätzung des Bundesnachrichtendiensts (BND) im Februar 2020 die Kontrolle über 55 Prozent der Landesfläche. Das Abkommen zog daraus die einzig mögliche Konsequenz. Die harsche Kritik deutscher Regierungsvertreter am Abkommen zeigt indes nur, dass es das deutsche Regierungspersonal an die »Grenzen« seiner »Analysefähigkeit« geführt hat, um hier einen Zeugen der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zu zitieren.
Einmal wurde moniert, dass die USA das Abkommen ohne Einbeziehung der afghanischen Regierung und der NATO-Alliierten vorbereitet und abgeschlossen hatten. Tatsächlich haben die USA damit die NATO-Länder zu Hilfstruppen degradiert und auf die Plätze verwiesen. Das immer noch vorhandene Gewicht der USA als internationale militärische Macht wog schwerer als alle Konsultationsverfahren in der NATO.
Kein Abzug beabsichtigt
Die Kritik der Bundesregierung am Inhalt des Abkommens lautete: Dieses sei deshalb »außerordentlich schwach«, weil es nur einen zeitlichen Rahmen für den Abzug der US-(und der NATO-)Truppen setze, ohne wesentliche Bedingungen für den Abzug festzulegen. Damit gebe die Kriegsallianz, so die damalige deutsche Botschafterin in Washington, Emily Haber, ihren »wichtigsten Hebel« aus der Hand, ohne dass benannt wird, worin dieser denn bestehe. Eine bemerkenswerte Verschiebung nahm die Fraktion der Grünen in ihrer Bewertung der Ausschussergebnisse vor. Obwohl formal Oppositionspartei, hatte die Fraktion die herrschende Außenpolitik weitgehend unterstützt. So hielt auch sie das Abkommen für »eines der schlechtesten internationalen Abkommen der jüngeren Geschichte« und begründete das damit, dass die USA der afghanischen Regierung »jeglichen Hebel« genommen habe, »um Druck auf die Taliban auszuüben«. Dieser »Hebel« soll in der »Unterstützung durch internationale Truppen« bestanden haben. Das war gewiss ein gewaltiger Machtfaktor (der gleichwohl nicht ausreichte, die Ziele der NATO zu erreichen), aber niemals, zu keinem Zeitpunkt, war dies ein Hebel in den Händen der afghanischen Regierung. Somit bleibt von der Kritik der Bundesregierung und ihrer loyalen Opposition lediglich die leere Absicht, den Afghanistan-Einsatz, koste es, was es wolle, weiterzuführen: »Die Bundesregierung habe nicht die Absicht gehabt, den Afghanistan-Einsatz möglichst schnell zu beenden« (Generalleutnant Schütt, damaliger Leiter der Abteilung Strategie und Einsatz im Bundesministerium für Verteidigung, BMVg).
Solche Äußerungen offenbaren nicht nur, dass die Bundesregierung weder willens noch in der Lage war, die Frage nach den Gründen der USA für einen bedingungslosen Rückzug aus Afghanistan überhaupt zu stellen, geschweige denn, sie beantworten zu können oder zu wollen. Genausowenig stellte sie sich die Frage, zu welchem Ziel und wie lange ein Krieg weitergeführt werden soll, der sich auf keine relevante Kraft in Afghanistan stützen konnte. Dieses Mäandern an der »Grenze der Analysefähigkeit« schlägt sich in der Hilflosigkeit ihrer »Politikversuche« nieder, deren Zielen schlicht die Mittel fehlten, um sie erreichen zu können. Es scheiterte ihr Versuch, mit einer Mehrheit im NATO-Rat eine Revision des Doha-Abkommens zu erreichen. Selbst eine Mehrheit dort hätte die USA niemals zur Zurücknahme ihrer Abzugsentscheidung bewegen können, und keine wie auch immer geartete Koalition hätte die von den USA bereitgestellten finanziellen, materiellen und personellen Ressourcen ersetzen können.
Zumindest den »Praktikern« im BMVg scheint dies klar gewesen zu sein. Der Bericht des Untersuchungsausschusses zitiert einen anonym bleibenden Oberstleutnant: Im BMVg sei »sehr frühzeitig« Konsens gewesen: »Wenn die USA ihren militärischen Einsatz beenden, werden NATO und somit auch die Bundeswehr folgen müssen.« Etwas länger brauchte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer für diese Einsicht: Wir »konnten den Einsatz ohne die Amerikaner nicht verlängern«.¹
Somit blieb der Bundesregierung nur die leere Hoffnung, US-Präsident Joe Biden würde die Präsidentschaftswahlen Ende 2020 gewinnen und dann die von den Deutschen erwünschte Revision vollziehen. Auch diese Hoffnung beruhte nicht auf einer Analyse der Interessen, die die USA zu einem Abbruch dieses Kriegseinsatzes bewogen haben, sondern auf dem naiven Glauben, es mit einer erratischen Entscheidung Donald Trumps zu tun zu haben, die der vermeintlich rationalere Biden korrigieren würde. Die Bundesregierung saß ihrem eigenen Zerrbild der Trump-Administration auf. Sie sah nur die Demagogie und die schnell korrigierten Ausschläge in Trumps Auftritten und ignorierte die Achse stabiler und parteiübergreifend geteilter Interessen, um die Trumps Ausschläge oszillierten. Billige Propagandaeffekte verdrängten solide Analyse. Wer wie die Bundesregierungen von Angela Merkel bis Friedrich Merz Wunschdenken an die Stelle von Realitätsbezug stellt, offenbart ein fundamentales Defizit seiner Politik: Sie ist durch Erfahrungen nicht korrigierbar. Oder anders gesagt: Sie lernt nicht aus Erfahrungen. Man hat die Folgen dieses Realitätsverlustes in Afghanistan gesehen, man sieht sie im Agieren der Bundesregierung im Ukraine- und im Gazakrieg.
Spiel auf Zeit
Indes hatte die Ersetzung des Handelns durch Hoffnung durchaus eine praktische Konsequenz. Zwar ist es eine Selbstüberschätzung, wenn Vertreter der Bundesregierung behaupten, sie habe in der Zeit zwischen den Präsidentschaftswahlen in den USA und der Inauguration Bidens »versucht«, eine endgültige Entscheidung über den Abzug der NATO-Truppen zu »verzögern«. Die Verzögerung resultierte daraus, dass der mit dem Wechsel zur Biden-Administration verbundene »Review«-Prozess sehr lange dauerte und gerade dadurch die trügerische Hoffnung der Bundesregierung befeuerte, »Doha« könne revidiert werden.
So fehlte lange die politische Entscheidung, ohne die die militärische Planung eines Truppenabzuges nicht beginnen konnte. Ursprünglich sah die NATO-Planung für die Truppenrückverlegung der einzelnen Länder 16 bis 18 Monate vor. Nach Doha blieben 14 Monate. Als die NATO-Verteidigungsminister am 17./18. Februar 2021 keine Entscheidung über einen Termin für den Truppenabzug trafen, wurde die Arbeit der bereits nach Afghanistan beorderten Rückverlegungs- und Verwertungsorganisation (RVO) faktisch eingestellt. Den Beschluss zur Beendigung der Resolute Support Mission (RSM) fassten die USA und der NATO-Rat dann erst am 14. April 2021. Das Ende der RSM und der Beginn des Truppenabzuges wurden auf den 1. Mai 2021 festgelegt. Der Truppenabzug sollte vor dem 11. September 2021 beendet sein.
Das Spiel auf Zeit und das Nichtstun vor dem 14. April rechtfertigte Generalleutnant Bernd Schütt vor dem Untersuchungsausschuss damit, dass man »keine sichtbaren Signale des Abzuges« senden wollte, die »womöglich die Verhandlungsbasis der afghanischen Regierung« hätten schwächen können. Diese Äußerung imponiert weniger durch den Grad der Ahnungslosigkeit über das Kräfteverhältnis in Afghanistan, sondern durch die Offenbarung der Haltung der Bundesregierung und Bundeswehr zur Regierung der afghanischen Republik. Man sah offenbar kein Problem darin, dieser Regierung relevante Informationen vorzuenthalten.
Nach der Entscheidung vom April wurde erneut eine RVO nach Afghanistan geschickt, die am 17. Mai 2021 arbeitsfähig war. Da blieben nur noch sieben Wochen; am 29. Juni wurden die letzten Angehörigen der Bundeswehr aus Afghanistan ausgeflogen. Unter Anwendung der Regeln für »aggressives Housekeeping« (nur das Nötigste kommt mit!) wurden 6.000 Tonnen Material nach Deutschland zurückverlegt, darunter auch die im ersten Teil dieses Textes (jW vom 6./7.12.2025) erwähnten alkoholischen Getränke. Interkulturell sensibel wollte man »in einem islamischen Land, in dem Alkohol verboten ist«, die edlen Tropfen nicht »durch afghanische Entsorgungsunternehmen« vernichten lassen.
Entwicklungshilfehybris
Irgendwann nach einem Kriegseintritt ist einmal die Rede von geopolitischen und Ressourcenraubinteressen, und die Lügen zu Beginn des Krieges werden aufgedeckt. Aber besonders in Deutschland spannt man gern einen Wertehimmel darüber, im lakonischen Trikolon von Bundeskanzlerin Angela Merkel ging es um: »Demokratie, Frauenrechte, Bildung«. Hartgekochten Schreibtischkriegern wie dem Journalisten Hans-Ulrich Gack platzte dann schon einmal der Kragen. Man solle doch, bitteschön, »Butter bei die Fische tun und nicht von Brunnenbohren und Brückenbauen reden, sondern tatsächlich erklären, was ist«.
Während bis in die Gegenwart von den wohltuenden Wirkungen deutscher Entwicklungshilfe im Afghanistan-Krieg die Rede ist, legt bereits ein Blick auf die Finanzmittel der Entwicklungshilfe im Kontext der Kriegskosten eine nüchternere Betrachtung nahe. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags beziehen sich auf die Zahlen des Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction (SIGAR), der anders als das Watson Institute for International and Public Affairs an der Brown University in Providence von knapp einer Billion US-Dollar Gesamtkosten der USA ausgeht. Davon entfielen 837 Milliarden US-Dollar auf die Kosten der Kriegführung und 145 Milliarden US-Dollar auf den Wiederaufbau Afghanistans und für Entwicklungshilfe. Darunter fallen die Kosten für den Unterhalt des Staates und seiner Sicherheitskräfte. Nur 36 Milliarden US-Dollar entfallen auf »zivile Hilfe«, was immer darunter im einzelnen gefasst wird. Etwas genauer fällt die Unterteilung von Jeffrey D. Sachs aus, der mit ähnlichen Zahlen wie SIGAR arbeitet. Demnach entfielen 21 Milliarden US-Dollar auf »Wirtschaftshilfe«, was etwa mehr als zwei Prozent der US-Gesamtkosten von 946 Milliarden US-Dollar wären.
Die Bundesregierung gibt die Kosten des Krieges mit 17,3 Milliarden Euro an. Diese beziehen sich nur auf die durch den Einsatz notwendig gewordenen »zusätzlichen Kosten«, sind also nicht identisch mit den realen Gesamtkosten. Auf das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) entfallen 2,464 Milliarden Euro, auf das Bundesernährungsministerium 33 Millionen Euro. Das wären zusammen etwas mehr als 14 Prozent der Kosten.
Anschaulich ist auch ein Vergleich, den die Wissenschaftlichen Dienste dem Guardian vom März 2008 entnehmen. Danach kosteten die Operationen der US-Streitkräfte in Afghanistan täglich 100 Millionen US-Dollar, während sich die Entwicklungshilfe aller (!) Geberländer im Durchschnitt der Jahre 2001 bis 2008 auf sieben Millionen US-Dollar pro Tag belief.
Zu den quantitativen Dimensionen kommen die inhaltlichen Probleme, die hier nur stichpunktartig in Erinnerung gebracht werden sollen: Der afghanische Minister für Wiederaufbau wurde in der Regel über geplante Projekte der Geberländer nicht informiert. Es kam zu Fehlallokationen; der Kabuler Repräsentant der Weltbank schätzte 2006, dass 35 bis 40 Prozent der Hilfsgelder falsch eingesetzt wurden. 40 Prozent bis manchmal 90 Prozent der Gelder flossen in die Geberländer zurück. Pfusch am Bau war an der Tagesordnung. Als sich Donald Rumsfeld im Oktober 2006 genötigt sah, ein bisschen Optimismus in der Öffentlichkeit zu verbreiten, verwies er darauf, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit auf den meisten Straßen Afghanistans um 300 Prozent gestiegen sei. Die unter der Leitung der US-amerikanischen Louis Berger Group erstellte Schnellstraße zwischen Kabul und Kandahar, an die Rumsfeld gedacht haben mag, war allerdings bereits nach zwei Jahren reparaturbedürftig. Ein Grund dafür war eine unzureichende Verarbeitung von Baustoffen, weil ein Teil des Budgets für den Bau von Komfortwohnungen abgezweigt worden war. Während die Scharen von NGO-Aktivisten die Mieten in Kabul in die Höhe trieben, waren Baumängel bei den Luxushotels oder den sich ausbreitenden »Mohnpalästen« in Kabul eher unbekannt. Während die Deutschen immer noch auf ihre Schulbauten stolz sind, sehen die von SIGAR Befragten wesentlich nüchterner auf diesen Boom: Ein Mitarbeiter von USAID berichtete, dass neue Schulgebäude mitunter direkt neben intakten Schulen errichtet worden seien. Am Ende habe es mehr Schulen gegeben, als Lehrer in ihnen hätten unterrichten können.
Womöglich am nachhaltigsten dürfte der Entwicklungshilfe in Afghanistan ihre Unterstellung unter militärische Erfordernisse geschadet haben. Hilfen wurden von den Zielen der Aufstandsbekämpfung abhängig gemacht, zum Beispiel davon, ob Dorfälteste bewaffnete Kämpfer verrieten. Aus Helfern wurden Kriegsbeteiligte und diese somit Ziele von Anschlägen. Jürgen Wagner von der Tübinger Informationsstelle Militarisierung berichtete 2009, dass sich die bewaffneten Anschläge gegen NGO-Mitarbeiter 2007 gegenüber dem Vorjahr verdoppelt hätten. Zahlreiche Hilfsorganisationen würden sich unter diesen Bedingungen aus Afghanistan zurückziehen.
Nach Lage der Dinge überrascht es sehr, dass das BMZ ernsthaft davon überzeugt war, seine Aktivitäten in Afghanistan auch nach Abzug der NATO-Truppen fortsetzen zu können. Noch im April 2024 gab ein Sprecher des BMZ zu Protokoll: »Das militärische Engagement endet, die zivile entwicklungspolitische Arbeit in Afghanistan wird fortgesetzt. Wir waren davon überzeugt, dass das möglich ist, und wir sind es auch heute noch.«
Sonderabfindung statt Ausreise
Auch für einen Teil der sogenannten Ortskräfte hatte das Wunschdenken negative Folgen. Da das BMZ davon ausging, dass es nach einem Komplettabzug der Kampfeinheiten weiterhin in Afghanistan aktiv sein würde, sah es im August 2020 keine Notwendigkeit, über eine erleichterte Ausreise seiner Ortskräfte und deren Aufnahme in Deutschland nachzudenken. Sie sollten ja im Land bleiben und für die Projekte des BMZ arbeiten. Bei einem Jour fixe der Staatssekretäre am 8. Juni 2021 bekräftigte das BMZ, dass dies auch und »insbesondere bei einer Verschlechterung der Lage« gelten solle. Man müsse unbedingt einen »Abgang« von Ortskräften verhindern, um die »Arbeitsfähigkeit vor Ort« aufrechtzuerhalten. Begründet wurde diese restriktive Haltung einmal damit, dass eine Ortskraft, die als Küchenhilfe in einer Klinikkantine arbeite, weniger gefährdet sei als eine Ortskraft, die als Sprachmittler für die Bundeswehr arbeite, zum anderen damit, dass bei Aufhebung der Restriktionen »50.000« Ortskräfte und ihre Familien die Aufnahme in das Ausreiseprogramm beantragen könnten.
Zu den Versuchen, möglichst wenige Ortskräfte in das Aufnahmeverfahren aufzunehmen, gehört auch der Plan, den das BMZ am 13. August 2021 mit dem damaligen Geschäftsführer der GIZ, Thorsten Schäfer-Gümbel, fasste. Ortskräfte sollten eine »Sonderabfindung« in Höhe eines Jahresgehaltes (im Durchschnitt 7.200 Euro) bekommen, wenn sie verbindlich auf eine Aufnahme in das Ortskräfteverfahren, das zur Ausreise nach Deutschland führt, verzichteten. Nachdem eine rechtliche Prüfung ergeben hatte, dass die Bindung der Prämienauszahlung an einen »dauerhaften und unwiderruflichen Verzicht auf die Teilnahme am Ortskräfteverfahren« nicht »rechtssicher« sei, revidierte man diese Kopplung, räumte den Ortskräften, die die Prämie nahmen, eine spätere Aufnahme in das Ortskräfteverfahren ein, zog aber die materiellen Barrieren hoch, um doch noch die erwünschte Abschreckungswirkung zu erzielen. Wer die »Sonderprämie« in Anspruch nahm und später in das Ortskräfteverfahren eintreten wollte, bekam nicht mehr die »logistische Begleitung« finanziert, musste also zum Beispiel alle Flüge nach Islamabad oder nach Deutschland aus eigener Tasche bezahlen. Keine einzige Ortskraft des BMZ hat sich auf diesen Handel eingelassen. Jetzt hat bekanntlich die Bundesregierung ca. 660 der 2.000 ehemaligen Ortskräfte, die trotz Aufnahmezusage in Pakistan ausharren, ein ähnliches Angebot gemacht: ein paar Tausend Euro »Startgeld«, wenn sie auf das Recht verzichten, in Deutschland aufgenommen zu werden. Nur 62 von ihnen sollen dieses unmoralische (und wahrscheinlich rechtswidrige) Angebot angenommen haben.
Für den 25. Juni 2021 hatte das BMVg im Rahmen des Abzugs der Bundeswehr geplant, 60 Ortskräfte mit ihren Familien, insgesamt 300 Personen, mit zwei Charterflugzeugen aus Masar-i-Sharif auszufliegen. Das Auswärtige Amt (AA) und das BMZ reagierten »sehr zurückhaltend«. Am 22. Juni wurden beide Flüge storniert. Angeblich gab es keine Kapazitäten für die Abfertigung.
Schließlich wurde der Allzweckjoker von der negativen »Signalwirkung« gezogen, diesmal vom deutschen Botschafter in Kabul, Axel Zeidler, der »dringend« davon abriet, die Flüge durchzuführen. Die Flüge konterkarierten »das wesentliche DEU Narrativ zum Abzug der NATO-Truppen aus AFG«, »nämlich, dass DEU in AFG ist, um zu bleiben, und nur die militärische Komponente zu einem Ende komme, unsere starke zivile Unterstützung aber weiterlaufe«, so Zeidler in einer diplomatischen Korrespondenz vom 20. Juni 2021. Dabei berief er sich auf den Besuch eines Sonderbeauftragten beim afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani. Dieser habe darum gebeten, keine Evakuierungsflüge durchzuführen, weil diese »die Republik destabilisieren« könnten. Damit wollte sich der stellvertretende Botschafter und Geschäftsträger Jan Hendrik van Thiel, der am 12. Juli 2021 sein Amt antrat, nicht zufriedengeben und wurde seinerseits beim Präsidenten vorstellig, um den Wahrheitsgehalt der angeblichen Bitte zu überprüfen. Er bekam eine deutlich anders nuancierte Antwort. Deutschland, so Ghani, könne durchaus seine Ortskräfte ausfliegen, wie es ja bereits andere Nationen auch tun. Es solle diese Charterflüge aber bitte »diskret« behandeln und keine publizistische »Welle« veranstalten.
Es war ein langer Weg von Mitte 2020, als der Leiter des Krisenreaktionszentrums die Staatssekretärin im AA zurechtwies: »Ortskräfte werden grds. nicht evakuiert, Sonderregelungen für AFG mir nicht bekannt«, bis zum 15. August 2021, als schließlich allen Ortskräften das vereinfachte und erleichterte Verfahren zugestanden wurde und die Ortskräfte und andere afghanische Berechtigte in die Evakuierung einbezogen wurden. Für viele hatten sich ihre Probleme damit noch nicht gelöst. Eine verantwortungsvolle Wahrnehmung der »staatlichen Fürsorgepflicht« sieht anders aus.
Der BND patzt
Irgendwann im Dezember 2020 oder im Januar 2021 muss der Bundeskanzlerin Böses geschwant haben. Sie wandte sich »persönlich« an den letzten Kommandeur des deutschen Kontingents und gab ihm einen Auftrag in der sprachlichen Form eines Wunsches: Sie wolle »kein Bild haben wie in Saigon«. Da erschien endlich die Schrift an der Wand, Merkels Menetekel.
Am 1. Mai 2021 begannen die Taliban ihre Sommeroffensive. Wie nach einem klassischen Lehrbuch der Guerilla wurde eine Provinzhauptstadt nach der anderen erobert. Am 15. August waren sie in Kabul und besetzten alle strategisch und symbolisch wichtigen Orte der Stadt. Der Präsident der afghanischen Republik, Aschraf Ghani, floh in einem Hubschrauber aus dem Land.
Während nach »Doha« die Träume der Bundesregierung von einer Revision des Abkommens eine rechtzeitige Planung und Umsetzung der »Rückverlegung« blockierten, waren es im Juli und August die in dichter Abfolge abgegebenen Fehleinschätzungen des BND, die eine Evakuierung der deutschen Botschaft hinauszögerten und eine rechtzeitige Abzugsplanung verhinderten. Er offenbarte nicht das erste und nicht das letzte Mal seine analytischen Defizite. Zwar ging er zutreffend vom Wiedererrichten eines »Emirats 2.0« aus, aber im Blick auf die Dynamik des Feldzugs der Taliban war der Auslandsgeheimdienst bemerkenswert ahnungslos. In seiner Lageeinschätzung vom Juli 2021 hielt der BND einen Sturm auf Kabul und den Zusammenbruch der Republik und ihrer Streitkräfte »kurzfristig für unwahrscheinlich«. Auf der Krisenstabssitzung des AA am 13. August 2021 trug der BND vor: »TLB-Führung (TLB gleich Taliban, H. O. R.) derzeit kein Interesse an mil. Einnahme Kabuls«. Eine Übernahme Kabuls vor dem 11. September sei »eher unwahrscheinlich«.
Abweichende realistische Einschätzungen vor Ort wurden ignoriert. Sie wurden vorgetragen vom stellvertretenden Botschafter Jan Hendrik van Thiel und vom Sicherheitsbeauftragten der Bundespolizei bei der Botschaft, »Fisch«. Sofort nach seinem Amtsantritt hatte van Thiel verlangt, die Anfertigung von Listen besonders gefährdeter Afghanen zu erstellen, und wurde vom Botschafter blockiert, so dass die Listen zu spät fertig wurden. Die ebenfalls im Juli von ihm eingeforderte Versendung eines »Landsleutebriefes« wurde vom AA verzögert. Der Versand wurde der Botschaft bis zum 12. August »verweigert«, während andere Botschaften »ihre« Landsleute bereits telefonisch aufgefordert hatten, so schnell wie möglich zum Flughafen Kabul zu kommen.
Van Thiel wurde aufgrund seiner Initiativen zunehmend geschnitten. Der Staatssekretär im AA gab per E-Mail einem Untergebenen die Anweisung: »Können Sie bitte bei nächster Gelegenheit mündlich vT (van Thiel) eine auf die Nuss geben.« Zu den wichtigen Hausgesprächen im AA am 12. und 14. August wurde van Thiel gar nicht erst zugeschaltet. Manchmal kommen Einsichten zu spät. Am 15. August mailte die zuständige Abteilungsleiterin an das Ministerbüro von Außenminister Heiko Maas: »In den letzten Krisenstabssitzungen wurde die Bo(tschaft) Kabul nicht gerade nett behandelt. vThiel mag nerven, aber letztlich hatte er ja – im Gegensatz zu den zahlreichen und ausführlich angehörten BND-Kollegen (…) sehr recht, nur wurde er kaum angehört.«
»Now or never«
Am Vormittag des 15. August 2021, einem Sonntag, erhielt der Sicherheitsbeauftragte der deutschen Botschaft in Kabul die Nachricht, dass die USA ihre Botschaft evakuieren und sich die Deutschen (49 Personen) sofort im Hauptquartier der Resolute Support Mission einfinden sollten, von dem aus sie US-Hubschrauber zum internationalen Teil des Kabuler Flughafens bringen würden. »Come now or never.« Gegen 13 Uhr erhielten die in der Botschaft Festsitzenden per Mail grünes Licht vom Krisenreaktionszentrum im AA in Berlin. Ortskräfte der Botschaft befanden sich nicht auf dem Gelände. Sie wären angeblich auch nicht von den USA evakuiert worden. Sie waren auf sich allein gestellt und mussten sich zu Fuß von ihren Wohnungen aus zum Flughafen durchschlagen. Die letzte Amtshandlung des Botschaftspersonals bestand darin, die IT in der Botschaft mit einem Hammer zu zertrümmern. Mit einem Notgepäck von acht Kilogramm pro Person verließ eine halbe Stunde später ein Konvoi die deutsche Botschaft. Der Zeuge T. G. sagte aus: »Es hat eher einer Flucht geglichen als einer kontrollierten Evakuierung.« Die Mehrheit des Botschaftspersonals wurde anschließend von einem US-Militärflugzeug nach Doha ausgeflogen.
Anmerkung
1 https://dserver.bundestag.de/btd/20/147/2014700.pdf
Teil 1 der Serie »Bilanzen eines überflüssigen Krieges 2001–2021« erschien in der Ausgabe vom 6./7. Dezember 2025.
Hans Otto Rößer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 19. September 2025 über den Popularphilosophen und Spätaufklärer Christian Garve: »Guter Verstand, guter Anstand«
Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug
Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
-
Leserbrief von Volker Wirth aus Berlin (9. Dezember 2025 um 14:23 Uhr)Der Krieg in »AFG« war, liebe Freunde, aus der Sicht des »vereinten Westens« durchaus nicht deswegen »überflüssig« (oder »sinnlos«), dass er am Ende erfolglos blieb. Was man vom Vietnamkrieg und auch Koreakrieg gleichfalls sagen muss, die gleichfalls dazu dienen sollten, »Rotchina einzudämmen«. Damals von Osten und Süden, dann geriet das Zentrum Asiens in den Fokus – dazu muss man nur wissen, was Zbigniew Brzezinski dazu geschrieben hat. Seit der Gründung der Volksrepublik China 1949 und erst recht seit dem Zerfall der Sowjetunion geht es für die imperialistischen Mächte darum, nach (fast ganz) Osteuropa nun auch Asien (wieder) zu beherrschen. Von Afghanistan aus wäre das gleich in alle vier Richtungen möglich gewesen: primär mit überlegenen Waffensystemen aus eigenen Stützpunkten nach Osten gegen China, sekundär nach Norden gegen Russland und Mittelasien, nach Westen gegen Iran und die Golfmonarchien und nach Süden gegen Indien. Das Ziel des Ukraine-Krieges war und ist dagegen eher »begrenzt« – die Unterwerfung Russlands durch dauernde militärische Einschüchterung, nun eben von der Westflanke her. Aber da spielt auch das chinesisch-russische Bündnis, das unbedingt, und sei’s nun mal, wenn es nicht anders »geht«, durch weitreichende Zugeständnisse, aufbrechen will, ja »muss«! Denn »die Katze lässt das Mausen nicht", der Imperialismus nicht die gewaltsame Expansion. Trumps Albtraum heißt China, das war schon 2020 und 2021 so. Darum dann der Abzug.
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in Andreas Buderus aus Berlin (8. Dezember 2025 um 14:07 Uhr)Lieber Herr Rößer, liebe jw-Redaktion, Danke (!) für diesen wirklich wichtigen, hervorragend recherchierten und belegten Artikel, aus dem ich aus dem zweiten Teil nur folgende Passage besonders hervorheben will: »Solche Äußerungen offenbaren nicht nur, dass die Bundesregierung weder willens noch in der Lage war, die Frage nach den Gründen der USA für einen bedingungslosen Rückzug aus Afghanistan überhaupt zu stellen, geschweige denn, sie beantworten zu können oder zu wollen. Genausowenig stellte sie sich die Frage, zu welchem Ziel und wie lange ein Krieg weitergeführt werden soll, der sich auf keine relevante Kraft in Afghanistan stützen konnte. Dieses Mäandern an der «Grenze der Analysefähigkeit» schlägt sich in der Hilflosigkeit ihrer «Politikversuche» nieder, deren Zielen schlicht die Mittel fehlten, um sie erreichen zu können. Es scheiterte ihr Versuch, mit einer Mehrheit im NATO-Rat eine Revision des Doha-Abkommens zu erreichen. Selbst eine Mehrheit dort hätte die USA niemals zur Zurücknahme ihrer Abzugsentscheidung bewegen können, und keine wie auch immer geartete Koalition hätte die von den USA bereitgestellten finanziellen, materiellen und personellen Ressourcen ersetzen können.« Ersetze »Afghanistan« durch »Ukraine« und wir haben eine präzise Beschreibung der aktuellen Situation innerimperialistischer Auseinandersetzungen, die wie schon eh immer nur zu Lasten der als jeweils als »NationalVolk« in Haftung genommenen Menschen ging. Und verheizt wurden in Afghanistan – wie heute in der Ukraine – auf allen Seiten im Namen »hehrer Werte«, junge Menschen, die wahrscheinlich daran auch noch geglaubt haben. Die Wiedereinführung des Kriegsdienstes lässt grüßen. Wer lesen kann, die/der lese! Und dann zieht endlich die einzig richtige Konsequenz: Der Hauptfeind steht immer zuerst im eigenen Land. Da bleibt keine Frage offen. Nochmals: Danke für dieses wichtige Stück Aufklärung!
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim Gerber aus Gießen (8. Dezember 2025 um 11:57 Uhr)»Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch« verteidigt«, hieß es aus Verteidigungsminister Strucks Mund 2002. Was daraus geworden ist, wissen natürlich sowohl die »Gläubigen« als auch die »Ungläubigen«. Rößer liefert nun Fakten für das Verstehen des Prozesses zum allen bekannten Resultat. Ob er oder jemand anders für spätere Leser gleiches für gegenwärtige »Verteidigungsbemühungen«, wo es ja laut Pistorius und Co. um Europa geht, formulieren wird, da habe ich Zweifel.
Ähnliche:
Cpl. Davis Harris/U.S. Marine Corps via AP/dpa15.11.2024Komplizierter Abzug
Maurizio Gambarini/dpa26.03.2021Desaster ohne Ende
reuters08.10.2011Hüter der Unordnung