Aus dem Klassenzimmer zum Klassenkampf
Von Philip Tassev
Der erste bundesweite Schulstreik gegen die Wiedereinführung einer Wehrpflicht war eine gelungene Aktion. Verschiedenen Angaben zufolge gingen am Freitag in bis zu 100 Städten zwischen 40.000 und 50.000 Schüler, Eltern und weitere Unterstützer auf die Straße, um ihre Ablehnung der Regierungspläne zum Ausdruck zu bringen. Die Organisatoren – ein Zusammenschluss von lokalen Initiativen und Schülervertretungen – zogen am Wochenende eine weitgehend positive Bilanz: »Von Kiel bis München, von Göttingen bis Potsdam waren viele Plätze in den Schulen frei, blieben viele Klassenzimmer leer.« Mehr als 40.000 Jugendliche hätten »Drohungen durch Bildungsministerien, Schulleitungen und Versammlungsbehörden« getrotzt und sich nicht einschüchtern lassen. Die größten Proteste fanden dabei in Köln und Berlin statt, wo die Teilnehmerzahlen in die Tausende gingen. In den meisten anderen Städten waren es einige hundert bis etwa 1.000. In Bonn sollen Schüler aus den Fenstern eines Schulgebäudes geklettert sein, um sich dem örtlichen Demonstrationszug anzuschließen, wie die Zeitung Perspektive online am Sonnabend berichtete. In München hatten bereits am Donnerstag abend rund 2.000 Menschen demonstriert.
Die politische Ausrichtung der Proteste war von zum Teil deutlich klassenkämpferischen und internationalistischen Parolen und Redebeiträgen geprägt. Immer wieder wurde auf den Widerspruch zwischen dem kaputtgesparten Bildungssystem und der milliardenschweren Hochrüstung der Bundeswehr verwiesen. In vielen Städten waren neben roten und Friedensfahnen auch palästinensische Flaggen zu sehen. In Frankfurt am Main machten Demonstranten deutlich: »Der Russe ist nicht mein Feind«. In Düsseldorf trugen junge Menschen mit bunten Haaren ein Banner mit der Aufschrift »Rheinmetall und Deutsche Bank – Der Hauptfeind steht im eigenen Land«.
Unterstützung erfuhren die Jugendlichen von der Lehrergewerkschaft GEW und von diversen linken und antimilitaristischen Organisationen wie der DFG-VK, der SDAJ, der Linksjugend Solid, der Internationalen Jugend (IJ) und der Kommunistischen Jugend (KJ).
Zwar hatte es im Vorfeld Berichte über Einschüchterungsversuche gegeben, am Freitag selbst kam es aber offenbar nicht zu Fällen von massenhafter Repression. Der politische Preis für Bilder von gepanzerten Hundertschaften, die auf Minderjährige einprügeln, wäre wohl auch zu hoch gewesen.
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) versuchte es erst einmal mit Integration. Mit einer Videobotschaft hatte er sich am Vortag der Proteste direkt an die Jugend gewandt: Der Schulstreik zeige doch, wie »großartig« Deutschland sei und dass jeder für und gegen alles demonstrieren könne. Die Meinungsfreiheit, überhaupt »unsere gesamte Art zu leben«, sei ein »Geschenk«, welches aber »jeden Tag verteidigt« werden »müsse«, nach innen wie nach außen. Und wenn die jungen Leute in »10, 20 oder 30 Jahren« immer noch »genauso leben« wollen »wie heute«, dann müssten sie auch dafür »eintreten wollen«.
Es ist schwer vorstellbar, dass sich die große Masse der Streikenden von solcher Heuchelei beschwichtigen lässt. Ein Termin für einen weiteren Schulstreik steht bereits: Am 5. März soll der Widerstand gegen die Kriegsvorbereitung in die nächste Runde gehen.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
-
Leserbrief von Manfred Pohlmann aus Hamburg (10. Dezember 2025 um 16:36 Uhr)Da haben am 05. Dezember 2025 über 55000 Schülerinnen und Schüler auf öffentlichen Plätzen in Deutschland den Herrschenden kräftige Ohrfeigen verteilt. Es ist sicher kein Zufall, dass in den öffentlichen Medien darüber kaum berichtet wurde. In Hamburg waren es mehr als 5.000 Streikende. Sie haben begeistert, auf sehr kreative Weise und interaktiv mit der Lautsprecher-Moderation Parolen in der Weise skandiert, dass daraus ein wahres Anti-Kriegs-Feuerwerk wurde. Wer das Glück hatte, mittendrin zu sein, konnte massenhaft in junge strahlende Gesichter blicken, die nichts, aber auch gar nichts mit den Kriegstreiber:innen im Bundestag gemein hatten. Da waren handgemachte Plakate, Pappteller und Aufkleber mit passenden Losungen zu sehen, wie z.B. »Musterung? Mustert euch doch selber« oder schlicht »Bildung statt Bomben«. Verständlich, dass einige Demonstrant:innen »lieber Pizza-Lieferdienst als Wehrdienst« bevorzugten. Selbst für gestandene Alt-68er waren die Eindrücke an diesem Tag überwältigend. Kleine historische Reminiszenz: Es war genau vor 129 Jahren am 05.12.1896, als in Hamburg der große Hafenarbeiterstreik für bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen begann, gipfelnd im Aufruf zum Generalstreik. Ihm schlossen sich damals die Hamburger Gewerkschaften an. Große Teile der Bevölkerung unterstützten die Streikenden durch Spenden und Lebensmittel. Das führte schließlich dazu, dass es zumindest trotz Aussperrungen, Ausrufung des Belagerungszustands (12.01.1897) bis 1913 Tarifverträge für die Beschäftigten des Hafens gab. Heute ist es wichtig, unsere Schülerinnen und Schüler umfassend zu unterstützen. Das bedeutet, die Kräfte in Gewerkschaften, Jugendorganisationen, Schüler:innenvertretungen usw. zu bündeln und alles dafür zu tun, um am 5. März 2026 gut vorbereitet den nächsten Schulstreik bundesweit durchzusetzen, damit der Kampf gegen die Wehrpflicht noch mehr Menschen erreicht. Dazu tragen Eltern und Lehrer:innen gerade in diesen Tagen eine hohe Verantwortung, auch dem Rüstungswahn und Kriegsgeschrei wirksam entgegenzutreten.
Mehr aus: Inland
-
Wie viele bezahlbare Wohnungen fehlen?
vom 08.12.2025 -
Wagenknecht setzt sich durch
vom 08.12.2025 -
Durchmarsch der Dickmacher
vom 08.12.2025 -
Bescheidenes Plus für Seeleute
vom 08.12.2025 -
Warum sind Sie im Visier der Faschisten?
vom 08.12.2025