Die angenehme Eigenschaft der Ware Arbeitskraft
Allein wie steht es denn in Wirklichkeit mit der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bei der Warenproduktion? Wie kann bei allgemeiner Warenproduktion, wo jedermann nur für ein Arbeitsprodukt etwas kriegen kann und wo nur gleiche Werte gegen gleiche Werte ausgetauscht werden, wie kann dabei Ungleichheit des Reichtums entstehen? Die heutige kapitalistische Wirtschaft zeichnet sich aber, wie jedermann weiß, gerade am meisten durch die schreiende Ungleichheit in der materiellen Lage der Menschen aus, durch ungeheure Ansammlung von Reichtümern in wenigen Händen auf der einen und durch wachsende Massenarmut auf der anderen Seite. (…)
Alle Waren tauschen sich gegeneinander aus nach ihrem Wert, das heißt nach der in ihnen enthaltenen gesellschaftlich notwendigen Arbeit. (…) Auf Grund dieses Wertgesetzes herrscht zwischen den Waren auf dem Markt vollkommene Gleichheit. Und es würde auch unter den Warenverkäufern völlige Gleichheit herrschen, wenn nicht unter den Millionen von verschiedenen Warenarten, die überall auf dem Markt zum Austausch gelangen, eine einzige Ware von ganz besonderer Beschaffenheit wäre: die Arbeitskraft. Diese Ware wird von denjenigen auf den Markt gebracht, die selbst keine Produktionsmittel besitzen, um andere Waren zu produzieren. (…)
Wie jede andere Ware hat auch die Ware Arbeitskraft ihren bestimmten Wert. Der Wert jeder Ware wird, wie wir wissen, durch die Menge Arbeit bestimmt, die zu ihrer Herstellung erforderlich ist. Um die Ware Arbeitskraft herzustellen, ist gleichfalls eine bestimmte Menge Arbeit notwendig, nämlich diejenige Arbeit, die den Lebensunterhalt, die Nahrung, Kleidung usw. für den Arbeiter produziert. Soviel Arbeit also erforderlich ist, um den Menschen arbeitsfähig, um seine Arbeitskraft zu erhalten, soviel ist auch seine Arbeitskraft wert. Der Wert der Ware Arbeitskraft wird also dargestellt durch die Menge Arbeit, die zur Herstellung der Lebensmittel für den Arbeiter nötig ist. Ferner: Wie bei jeder anderen Ware wird der Wert der Arbeitskraft auf dem Markt im Preis, das heißt in Geld, eingeschätzt. Der Geldausdruck, das heißt der Preis der Ware Arbeitskraft, heißt Lohn. Bei jeder anderen Ware steigt der Preis, wenn die Nachfrage rascher wächst als das Angebot, und sinkt, wenn umgekehrt die Zufuhr der Ware größer ist als die Nachfrage. Dasselbe bewährt sich auch in bezug auf die Ware Arbeitskraft: Bei steigender Nachfrage nach Arbeitern haben die Löhne im allgemeinen die Tendenz zu steigen, nimmt die Nachfrage ab oder wird der Arbeitsmarkt mit frischer Ware überfüllt, so zeigen Löhne eine Tendenz zum Sinken.
Endlich, wie bei jeder anderen Ware, wird der Wert der Arbeitskraft, also mit ihr auch schließlich der Preis größer, wenn die zu ihrer Herstellung nötige Arbeitsmenge größer wird: in diesem Fall, wenn die Lebensmittel des Arbeiters mehr Arbeit zu ihrer Produktion erfordern. Und umgekehrt führt jede Ersparnis an der Arbeit, die zur Herstellung der Lebensmittel für den Arbeiter erforderlich ist, zur Herabdrückung des Wertes der Arbeitskraft, also auch ihres Preises, das heißt des Arbeitslohns. »Man verringere die Produktionskosten von Hüten«, schrieb David Ricardo im Jahre 1817, »und ihr Preis wird schließlich auf ihren neuen natürlichen Preis zurückgehen, obwohl sich die Nachfrage verdoppelt, verdreifacht oder vervierfacht haben mag. Man verringere die Unterhaltskosten der Arbeiter, indem man den natürlichen Preis der Nahrungsmittel und der Kleidung, die das Leben erhalten, senkt, und die Löhne werden schließlich sinken, trotzdem die Nachfrage nach Arbeitern sehr erheblich gestiegen sein mag.«
Somit zeichnet sich die Ware Arbeitskraft auf dem Markte zunächst durch nichts von anderen Waren aus als etwa dadurch, dass sie von ihrem Verkäufer, dem Arbeiter, untrennbar ist und dass sie deshalb kein langes Warten auf den Käufer verträgt, weil sie sonst zusammen mit ihrem Träger, dem Arbeiter, vor Mangel an Lebensmitteln zugrunde geht, während die meisten anderen Waren eine mehr oder minder lange Wartezeit bis zum Verkauf an sich gut vertragen können. Die Besonderheit der Ware Arbeitskraft äußert sich also noch nicht auf dem Markt, wo nur der Tauschwert eine Rolle spielt. Sie liegt anderswo – im Gebrauchswert dieser Ware. (…) Damit also die Arbeitskraft überhaupt als Ware erscheint, genügt es nicht, dass der Mensch arbeiten kann, wenn man ihm Produktionsmittel gibt, sondern dass er mehr arbeiten kann, als zur Herstellung seiner eigenen Existenzmittel notwendig ist. (…) Die Ware Arbeitskraft hat auch tatsächlich diese angenehme Eigenschaft.
Rosa Luxemburg: Einführung in die Nationalökonomie. Berlin 1925. Hier zitiert nach: Rosa Luxemburg: Werke, Band 5. Dietz-Verlag, Berlin 1974, Seiten 732–734
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