Hauptzweck Rendite
Von Jörg Goldberg
Totgesagte leben länger – dieser alte Spruch trifft auf den Neoliberalismus zu wie auf kaum ein anderes ökonomisches Paradigma. 1998, als der Wirtschaftsnobelpreis an den Wohlfahrtsökonomen Amartya Sen ging, klagte die Schweizer Weltwoche: »Nach zwei Jahrzehnten ist der Neoliberalismus schon am Ende.« Seither gibt es kaum ein Jahr, in dem dessen Hinscheiden nicht angekündigt wird – Harald Wolf verwies 2023 auf die von führenden Kapitalfraktionen geforderte »aktive Rolle des Staates«, die »Renaissance der Industriepolitik« und »die Krise des deutschen Exportmodells« und sprach – immerhin – vom »Ende des Neoliberalismus, wie wir ihn kennen«¹.
Damit unterlag er einem verbreiteten Missverständnis: Der Neoliberalismus wird oft mit einer bestimmten Wirtschaftspolitik identifiziert, deren Kern der Rückzug des Staates aus der Wirtschaft ist. Aber schon bei einem Vergleich der Wirtschaftspolitik des englischen »Thatcherismus«, der US-»Reaganomics« und der »geistig-moralischen Wende« von Helmut Kohl bzw. von Schröders »Agenda 2010« fallen eher Unterschiede als Gemeinsamkeiten ins Auge: Der Neoliberalismus ist – heute mehr denn je – durch eine enorme Bandbreite wirtschaftspolitischer Maßnahmen gekennzeichnet.²
Demokratie als Gefahr
In einem 1953 an der Universität Köln gehaltenen Vortrag machte Friedrich August von Hayek, Hauptfigur des Neoliberalismus und Gründer seines wichtigsten »Hegemonialapparates«, der Mont Pelerin Society (MPS), deutlich, dass das »neuliberale Programm« keineswegs mit einer bestimmten Wirtschaftspolitik gleichzusetzen sei – bei den Neoliberalen gäbe es gegensätzliche Ansichten darüber, »in welchem Sinne eine Wettbewerbsordnung eine laufende Kontrolle durch die Wirtschaftspolitik erfordert«³. Das von der Neoklassik propagierte Ideal der »vollkommenen Konkurrenz« sei wirklichkeitsfremd. Tatsächlich steht im Mittelpunkt des Neoliberalismus der Unternehmer und dessen Gestaltungsfreiheit – nicht der Wettbewerb an sich. Neoliberalismus im Sinne Hayeks meint die Verteidigung der unternehmerischen Entscheidungsfreiheit (als Ausdruck »persönlicher Freiheit«) durch staatliche Politik, deren konkrete Ausgestaltung aber situationsbedingt und kontextabhängig ist. In seiner Antrittsvorlesung an der Freiburger Universität von 1962 betonte er: »In der Wirtschaftspolitik sind Grundsätze ziemlich alles, was wir zu bieten haben.«
Das hielt ihn nicht davon ab, bestimmte wirtschaftspolitische Maßnahmen zu verurteilen: »(E)chte Eingriffe unter Verwendung der Zwangsgewalt des Staates dürfen nicht als ›soziale Tat‹ gepriesen, sondern müssen als Unrecht gebrandmarkt werden, auch dann, wenn sie zugunsten wirklich bedrängter Gruppen gemeint sind.« (S. 88) Abgelehnt werden nicht staatliche Eingriffe schlechthin, sondern nur solche, die die Verteilungsverhältnisse zuungunsten der »Unternehmerklasse« beeinflussen. Vorstellungen einer »distributiven Gerechtigkeit« hätten zwangsläufig einen totalitären Charakter. Dazu gehören Hayek zufolge sowohl die progressive Besteuerung (S. 259) als auch eine »Politik der sozialen Sicherheit«, die es dem einzelnen abnimmt, für Alter, Krankheit oder andere Notfälle vorzusorgen. Lediglich die Sicherung eines »Minimums« für Nahrung und Obdach sei zulässig, diese müsse aber »außerhalb des Marktes« (S. 88) erfolgen. Auch der Einfluss der Gewerkschaften, die ihre Macht aus staatlichen Sonderregelungen zu ihren Gunsten bezögen, sei »verderblich«: Unter bestimmten Bedingungen liefe eine Beteiligung der Arbeiter am Produktivitätszuwachs »auf nichts weniger als einen Versuch der Enteignung (des) Kapitals hinaus«. (S. 36)
Der Kern des Neoliberalismus besteht in der Ablehnung aller wirtschaftspolitischen Eingriffe, die die marktwirtschaftlich generierten Gewinne und die Entscheidungsfreiheit der Unternehmer beschränken, die doch allein Einblick in wirtschaftliche Zusammenhänge hätten. Auch die Zusammenballung wirtschaftlicher Macht bis hin zu Monopolen, so Hayek, sei als Ergebnis von Wettbewerbsprozessen hinzunehmen, solange diese nicht zu politischen Zwecken missbraucht würde. »Dass tatsächlich meist nur eine kleine Minderheit (…) Einsicht in die Natur der wirtschaftlichen Probleme erwirbt, wäre nicht so bedenklich, wenn es nicht in einer demokratischen Gesellschaftsordnung unvermeidlich wäre, dass es die Mehrheit ist, die die Wirtschaftspolitik bestimmt. Das heißt aber, dass diese Wirtschaftspolitik ständig bemüht ist, die Klasse der unselbständig Erwerbenden relativ zu den Selbständigen, und meist auf deren Kosten, zu begünstigen.« (S. 117) Die Frage der Vereinbarkeit staatlicher Interventionen in die Wirtschaft mit dem Neoliberalismus ist also nicht quantitativer, sondern qualitativer Art.
Infolgedessen hat der Neoliberalismus ein Problem mit der Demokratie⁴: Der Kapitalismus habe »eine Klasse geschaffen, die kein Produktivkapital besitzt«, die – hier ist Hayek nah bei Marx – »in gewissem Maße andere Anschauungen, andere Wertungen, einen anderen Lebensstil und eine andere Wirtschaftsethik erwirbt als der Selbständige« (S. 117). Die Lohnabhängigen – die Mehrheit – werden damit zu einer permanenten Gefahr für die »freiheitliche« Gesellschaft.
Der organisierte Neoliberalismus
Bei der Beurteilung der Lebensfähigkeit des Neoliberalismus ist auch ein organisatorischer Aspekt zu beachten: Die MPS als internationale »Vereinigung neoliberaler Intellektueller, Politiker und Geschäftsleute«⁵ war und ist eine höchst effiziente internationale Elitenorganisation. Derzeit hat sie gut tausend Mitglieder, die als Individuen einflussreich und gut vernetzt sind. Zudem ist die MPS Zentrum eines Konglomerats von Thinktanks, Stiftungen, Netzwerken, Bildungsinstituten und Basisorganisationen – derzeit gehören dem mit dem MPS verbundenen »Atlas Network« mehr als 500 liberale und libertäre Organisationen an, von denen sich viele dem Kampf gegen den Klimaschutz verschrieben haben.
Ziel der MPS ist es nicht, wie Hayek 1984 zum Abschluss einer Sitzung der MPS erklärte, die Massen direkt anzusprechen, »sondern die Meinungsmacher, die (…) politische Entwicklungen beeinflussen«. Dabei gilt das Prinzip »Einheit in Vielfalt« – die einzelnen Mitglieder sind frei, ihre politischen Initiativen den jeweiligen Bedingungen anzupassen. Unter dem Namen prominenter Neoliberaler, darunter vor allem Hayek und Ludwig von Mises, gibt es weltweit Institute und Gesellschaften, die neoliberale bzw. libertäre Lobbyarbeit und Meinungsbildung betreiben. »Die Verbindungen der MPS durchziehen die Wissenschaften und erstrecken sich in die Hegemonialapparate des Hightechkapitalismus, reich(t)en in Regierungen sowie ihre Apparate und in die Medien« (S. 288).
Die mit der organisatorischen Verwurzelung des Neoliberalismus in den kapitalistischen Machtzentren verbundene Gefahr autoritärer Entwicklungen ist nicht zu unterschätzen: Rechtsautoritäre Parteien, die sich anschicken, in vielen westlichen Ländern die Macht zu ergreifen, sind in diesen Einflussorganisationen oft gut verankert. In der deutschen Friedrich-A.-von-Hayek-Gesellschaft kam es 2015 zu einem Konflikt, weil sich Teile der Mitgliedschaft gegen die Unterwanderung durch die AfD stellten. Als ein Abgrenzungsbeschluss scheiterte, verließen circa 60 Mitglieder die Gesellschaft. Heute ist sie besonders eng mit dem Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) verbandelt.
Es ist davon auszugehen, dass viele der elitär strukturierten neoliberalen Lobbyorganisationen, die meist unter dem Radar der Öffentlichkeit arbeiten und sich als rein wissenschaftliche Vereinigungen darstellen, tatsächlich als Einfallstore für rechte und extrem rechte Organisationen fungieren und durch die Besetzung einflussreicher Posten in Wissenschaft, Journalismus, Politik und Wirtschaft hegemonial werden könnten.
Freiheit und Rechtspopulismus
Auf den ersten Blick könnte es überraschen, dass der Neoliberalismus, der die Freiheit des Individuums und den »mündigen Bürger« in den Mittelpunkt stellt, insbesondere seit den 1990er Jahren so attraktiv ist für rechtspopulistische und rechtsextreme Bewegungen und Parteien. Diese kritisieren traditionellerweise die Verabsolutierung der individuellen Freiheit und bekämpfen liberales Gedankengut im klassischen Sinne. Die Freiheit des einzelnen wird beschränkt durch Gruppenzwänge von »Arbeit, Familie, Vaterland«⁶. Aktueller Ausdruck ist die Ablehnung von allem, was entfernt mit LGBTQ-Rechten und dem Kampf gegen die Diskriminierung von »Minderheiten« zu tun hat – sowohl Trump wie der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen sehen darin einen »eliminatorischen Rassismus gegen Weiße« (Deutschlandfunk, 18.2.24)
Wirtschaftspolitisch verstehen sich rechtspopulistische Parteien allerdings mehrheitlich als neoliberal – so legte zum Beispiel die AfD im Bundestag (22.10.25) einen steuerpolitischen Antrag vor, demzufolge die progressive Einkommenssteuer im Sinne von Hayek durch einen »Flat Tax«-Tarif von 25 Prozent abgelöst werden sollte –, wobei sie sich explizit auf das »Kirchhof-Modell« von April 2011 bezog. Dies war ursprünglich gedacht als Teil des CDU-Wahlkampfkonzepts, wurde dann aber nach einem »Machtwort« Angela Merkels zurückgezogen.
Die Existenz von Berührungspunkten zwischen Neoliberalismus und der politischen Rechten ist schon länger bekannt. 1997 untersuchte Herbert Schui die Beziehungen zwischen der extremen Rechten und dem Neoliberalismus unter dem Titel: »Wollt ihr den totalen Markt?« Im Kern geht es um die Attraktivität des neoliberalen Elite- und Auslesegedankens und der Ablehnung von Egalitarismus für extrem rechte Bewegungen. Der Neoliberalismus fordert vom Individuum, sich klaglos den letzten Endes nicht durchschaubaren Bewegungen des Marktes unterzuordnen – der Markt belohne die Besten. So bietet der neoliberale Ungleichheitsdiskurs rechten Bewegungen Anknüpfungspunkte. »Ungleichheit ist nötig« war ein Interview überschrieben, das Hayek in März 1981 der Wirtschaftswoche gab. Der ehemalige Bundesbanker Thilo Sarrazin stellte den direkten Bezug zur Vererbungs- und Rassenlehre her: Intelligenz sei »zu 50 bis 80 Prozent erblich«⁷. Da die weniger Begabten eine höhere Geburtenrate hätten als die Intelligenten, folge daraus ein kontinuierlicher Rückgang des intellektuellen Potentials einer Gesellschaft.
So platte rassistische bzw. biologistische Positionen sind bei Hayek zwar nicht zu finden, er argumentierte als kultureller Evolutionstheoretiker. Schon sein Unternehmerbild aber enthält kulturalistische/biologistische Elemente: Wie das obige Zitat zeigt, gibt es die unaufgeklärten, unselbständigen Massen einerseits und die Minderheit von »Unternehmerbegabungen« andererseits. Im Aufsatz »Alte Wahrheiten und neue Irrtümer« von 1963 räumt er ein, dass »große Vermögen kaum je durch Sparen in gewöhnlichem Sinn« gebildet wurden, sondern »fast ganz aus Kapitalgewinnen stammen«. Die »erste Sprosse der Leiter (…) (aber) sind (…) gewöhnliche kleine Ersparnisse« (S. 113). Unternehmerbegabungen sind demnach ebenso wie die Vermögen erblich – wobei offenbleibt, ob biologische oder kulturelle Faktoren die Hauptrolle spielen.
Die Meinung, dass die Einsicht in den Wert von Individualismus, Ungleichheit und freien Märkten und die Unternehmerpersönlichkeit kulturell und/oder biologisch geprägt seien, gewann bei Hayek selbst und in der MPS seit den 1980er Jahren zunehmend an Bedeutung. Der ökonomische Erfolg des Westens, die »Dominanz der westlichen Welt«, so erklärte Hayek 1984 in einer Rede zum Abschluss eines MPS-Treffens, »der Glaube an Eigentum, Anstand und Familie« sei der »moralischen Tradition des christlichen Westens« zu verdanken.⁸ Schon in seinem Hauptwerk »Der Weg zur Knechtschaft« von 1944 hatte er die Meinung vertreten, dass die »individualistische Kultur« abendländischer Natur sei. Aus dem Kontext seiner kulturevolutionistischen Position ergibt sich, dass manche Völker eher als andere reif für freie Märkte seien.
In der MPS finden sich dazu unterschiedlich radikale Positionen: Fritz Machlup meinte 1969, dass es für »politisch und intellektuell unreife Völker« keine Freiheit geben könne.⁹ Wilhelm Röpke, wie Machlup Gründungsmitglied der MPS, verteidigte das südafrikanische Apartheidsystem: »Die Neger Südafrikas (sind) nicht nur Menschen von einer geradezu extrem anderen Rasse, sondern (gehören) zugleich einer völlig anderen Art und Stufe der Zivilisation (an).«¹⁰ Zwar war die Apartheid in der MPS umstritten, es war aber weitgehend Konsens, dass die weiße Vorherrschaft erhalten bleiben müsse.
Plebejische Varianten
Ebenso wie der Siegeszug biologistischer und rassistischer Positionen könnte die – vor allem in den USA erfolgreiche – Verankerung libertärer bzw. anarchokapitalistischer Positionen im neoliberalen Milieu auf den ersten Blick erstaunen: In Hayeks Hauptwerk heißt es: »Kein vernünftiger Mensch kann sich ein Wirtschaftssystem vorstellen, in dem der Staat ganz untätig ist.« Genau das aber tun die Libertären.
Ein genauerer Blick zeigt, warum solche Positionen politisch an Gewicht gewinnen, zuletzt mit dem Machtantritt des erklärten Anarchokapitalisten Javier Milei in Argentinien.¹¹ Dieser wird trotz Kettensäge und plebejischen Gehabes – wie vor ihm der Brasilianer Jair Bolsonaro – nicht nur von den »seriösen« liberalen bzw. konservativen Medien mit Lob überhäuft, sondern (von den USA und dem Internationalen Währungsfonds) auch mit Milliarden US-Dollar unterstützt. Der ideologische Siegeszug des Libertarianismus hängt indirekt mit dem Zusammenbruch des Sozialismus nach 1990 zusammen. Dieser hätte die Neoliberalen eigentlich in Feierlaune versetzen müssen. Doch das war nicht der Fall. Denn: »Kommunismus ist ein Chamäleon.« Im Verständnis der Neoliberalen wie der Rechten hat er bloß die Farbe gewechselt, von rot zu grün. »Nachdem wir die rote Flut gebrochen haben, sind wir nun in Gefahr, von der grünen verschluckt zu werden«, hieß es auf der 2000er MPS-Tagung. Nach der Niederlage des Sozialismus tauchten neue Feinde in Gestalt von Umweltbewegungen, Feminismus und Bürgerrechtsbestrebungen auf, die neue Formen von Egalitarismus und Staatseinmischung propagierten.¹²
Für Karl-Heinz Paqué, Geschäftsführer der Friedrich-Naumann-Stiftung, sind die drei Hauptfeinde der Liberalen: »ökologische Rettung der Welt; soziale Gerechtigkeit, national und global; ein Lebensstil ohne Diskriminierung«. Aber: »Das Ende des grünen Zeitalters« naht, und zwar, so Martin Hagen, Geschäftsführer der FDP-Denkfabrik R 21, in Gestalt von Javier Milei, der es geschafft habe, »Menschen für die Idee der Freiheit zu begeistern«¹³.
Milei steht für neue Strategien der Neoliberalen im Kampf um die Macht: Während sich Hayek und seine MPS an die Eliten wandten und glaubten, dass die lohnabhängigen Mehrheiten quasi naturwüchsig zum Sozialismus tendierten, gewannen im Herzen der neoliberalen Netzwerke nach 1990 neue Protagonisten an Bedeutung, die behaupteten, dass die Hauptgefahr des »Kollektivismus« von den Eliten selbst ausginge: Sie nannten sich – oft mit Bezug auf Hayeks marktliberalen Lehrer Ludwig von Mises – Libertäre oder Anarchokapitalisten und plädierten dafür, alle staatlichen Funktionen, einschließlich des staatlichen Gewaltmonopols, zu privatisieren.
David D. Friedman, Sohn von Milton Friedman, versuchte, eine Gesellschaft ohne Staat zu entwerfen, in der Individuen auf der Basis des Privateigentums nach dem Tauschprinzip miteinander agieren. In einem Gespräch mit der FAZ (15.10.25) erklärte Federico Sturzenegger, ehemaliger Zentralbanker Argentiniens und heute Minister für Deregulierung und Transformation des Staates unter Milei (eigentlich ein klassischer Wirtschaftsliberaler), um was es eigentlich geht: Die Abschaffung des Staates sei »eine eher theoretische Frage«. Konkret sei die Beschneidung des »allgegenwärtigen Schutzstaates« das Ziel. Dies ist aber ein klassisches neoliberales Konzept. Entscheidender Unterschied ist der politische Weg zur Durchsetzung neoliberaler Ziele: Nicht mehr Hayeks indirekter Weg über die Eliten, sondern die direkte Ansprache der Massen ist heute angesagt. »Jede realistische libertäre Transformationsstrategie muss populistisch sein. Libertäre müssen die dominanten Eliten umgehen, die Massen direkt ansprechen und deren Empörung und Verachtung schüren gegen die regierenden Eliten«, schreibt Hans-Hermann Hoppe, einer der führenden libertären Ideologen.¹⁴
Dabei stört kaum, dass die meisten Politiker und Ideologen, die diese Strategie propagieren, selbst Teil der Eliten sind – es genügt, entsprechende Themen zu bedienen: Angst vor Migration, Ablehnung »grüner« Veränderungen, von Feminismus, Genderpolitik und Schutz von Minderheiten. Ergänzt werden solche Strategien oft durch scheinbar plebejisches Auftreten, wirre Haartrachten, die Ablehnung von Wissenschaft und die demonstrative Darstellung von Unwissenheit seitens der führenden Politiker: So möchten sie »volksnah« erscheinen, zeigen damit aber in Wirklichkeit nur ihre Verachtung der Massen, die sie ansprechen wollen. Von einer Abschaffung des Staates bzw. des staatlichen Gewaltmonopols ist natürlich keine Rede: Rechtspopulistische Strategien propagieren in exzessiver Weise staatliche Gewalt.
Libertarismus und Stamokap
Viele Politiker der Rechten, von extrem rechten bis hin zu klassisch konservativen Ansätzen, bedienen sich heute mehr oder weniger offen »libertärer« Mobilisierungsformen, obwohl sie alles andere als eine Abschaffung des Staates und seines Gewaltmonopols anstreben. Prominentester Vertreter ist US-Präsident Donald Trump, der, so Andreas Fisahn, »exemplarisch (…) für die Aufhebung der Trennung zwischen Politik und Ökonomie« steht.¹⁵ Der Spiegel sieht eine »Verschmelzung von Wirtschaft und Regierung« (23.10.25), eine Kurzbeschreibung von staatsmonopolistischem Kapitalismus. Gleichzeitig hofiert Trump die Libertären, zuletzt im Mai 2024 durch einen Auftritt beim Parteitag der libertären Partei in den USA.
Wie die Verbindung von Oligarchentum und Neoliberalismus funktioniert, hat Trump unlängst vorgeführt, als er die gegen die Schweiz verhängten Zölle von 39 Prozent korrigierte: Zunächst empfing er eine Delegation Schweizer Großindustrieller, die ihm – unter Überreichung von Geschenken (Rolex-Uhr, Goldbarren) – den Wunsch nach Rücknahme der Zollentscheidung vortrugen. Erst danach wurden Verhandlungen mit der Schweizer Regierung aufgenommen, die dann zu einer Absenkung der Zölle auf 15 Prozent führten. (vgl. junge Welt vom 22./23.11.25)
Ganz dem Drehbuch des staatsmonopolistischen Kapitalismus folgend baut die US-Regierung ihre direkten Beteiligungen in strategisch bedeutenden Wirtschaftsbereichen aus: Finanzminister Scott Bessent kündigte während eines Investitionsforums am 15. Oktober direkte Staatsbeteiligungen in Schlüsselbranchen wie Pharma, Schiffbau, Halbleiter- und Stahlindustrie an. Im Kontext der Aufrüstungsprogramme ist der Staat verstärkt gefragt – und zwar auch von Politikern, die ihre Wahlkämpfe mit neoliberalen bis libertären Parolen bestreiten.
In Deutschland sind das IfW und sein Präsident Moritz Schularick besonders aktive Propagandisten einer etatistischen Industriepolitik. Zusammen mit dem US-amerikanischen Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson entwarf Schularick ein Programm, das im Interesse der Aufrüstung faktisch die gesamte deutsche Industrie unter staatliche Aufsicht stellen möchte. Ein »Defence Industrial Board« soll die Kompetenz erhalten, »Verteidigungs- und zivile Lieferketten zu verzahnen, Engpässe zu beseitigen und die Finanzierung an Lieferpläne sowie Kapazitätsausweitungen zu knüpfen«. Für die Koordination von Rüstungsindustrie und ziviler Produktion, zwischen militärischer Planung und Industriepolitik sei »politische Steuerung (…) unerlässlich«. (FAZ, 3.11.25)
Gleichzeitig schlägt Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums des IfW und Präsident der Hayek-Gesellschaft, vor: »Können wir uns (nicht) an Argentiniens Präsident Javier Milei ein Beispiel nehmen?« (Cicero online) Dies zeigt die außerordentliche Flexibilität des modernen Neoliberalismus. Man kann etatistische Projekte wie den Aufbau einer Kriegswirtschaft entwerfen und gleichzeitig mit libertären Parolen Bürokratieabbau, Reduktion des Wohlfahrtsstaats und Deregulierung der Arbeitsmärkte fordern. Man kann dem Anarchokapitalisten Milei die Medaille der Hayek-Gesellschaft verleihen (2024) und doch für die staatliche Kontrolle der deutschen Industrie plädieren: Staatliche Interventionen sind immer erwünscht, wenn sie dem Kapital eine entsprechende Rendite sichern.
Anmerkungen
2 Jörg Goldberg: Neoliberalismus und Etatismus: Gegensatz oder Variantenwechsel? In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung (2005), Nr. 143
3 F. A. Hayek: Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Aufsätze zur Wirtschaftspolitik. Tübingen 2001, S. 4. Die folgenden Seitenangaben beziehen sich auf dieses Buch.
4 Die Unterstützung der Pinochet-Diktatur durch die Wirtschaftsnobelpreisträger Hayek (1974) und Friedman (1976) wird hier als bekannt vorausgesetzt.
5 Bernhard Walpen: Die offenen Feinde und ihre Gesellschaft. Hamburg 2004, S. 32. Die folgenden Seitenangaben beziehen sich auf dieses Buch.
6 So der Staatschef des französischen Vichy-Regimes Philippe Pétain; Varianten: »Ordnung, Familie, Vaterland« oder »Gott, Familie, Vaterland« (Fratelli d’Italia)
7 Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab. München 2010, S. 93
8 www.margaretthatcher.org/document/117193
9 Zit. n. Quinn Slobodian: Globalisten. Das Ende der Imperien und die Geburt des Neoliberalismus. Berlin 2023, S. 211
10 Zit. n. Schweizer Monatshefte, Mai 1964, S. 104
11 Der Begriff stammt von Murray Rothbard, wie Hayek Schüler Ludwig von Mises
12 Quinn Slobodian: Hayeks Bastards. The Neoliberal Roots of the Populist Right. New York 2025, S. 11
13 Die Zukunft des Liberalismus, R-21-Konferenz, 11.11.25
14 Hans-Hermann Hoppe: Getting Libertarianism right. Mises Institute 2018, S. 89, https://cdn.mises.org/Getting%20Libertarianism%20Right.pdf
15 Andreas Fishan: Vampirkapitalismus und Rüstungskeynesianismus. In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung (2025), Nr. 143, S. 44
Jörg Goldberg ist Ökonom und wird am 10. Januar 2026 bei der 31. Rosa-Luxemburg-Konferenz über »Die Epochenkrise des westlichen Kapitalismus und die politischen Folgen in der BRD« sprechen. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 10. Mai 2025 gemeinsam mit André Leisewitz und Jürgen Reusch über die Merz-Regierung und deren Programm: »Primat des Militärischen«
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