Brücke zur Barbarei
Von Matthias Rude
Die »echte« Revolution sei die völkische, ihr Banner das Hakenkreuz, schrieb Ernst Jünger 1923 im Völkischen Beobachter. Wer heute Krieg und Faschismus schmackhaft machen will, nimmt gerne einen Umweg über die Rehabilitierung von Figuren wie Jünger. In der Nazizeit habe dieser eine »moralische Haltung« eingenommen, »unzählige Belege« zeigten ihn als »empathischen Autor«, jedenfalls bleibe der Schriftsteller weiter relevant: »Mit Jünger ist weiterhin zu rechnen.« Derlei liest man nicht etwa in notorischen rechten Blättern, sondern in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). »Als ich erwähne, das zitierte Material stamme durchweg aus der FAZ, erntete ich großes Erstaunen«, schreibt Klaus Weber über verschiedene »Laborversuche«.
Dieses Erstaunen über die Inhalte des Leitmediums des deutschen Bürgertums – des »Kampf- und Beruhigungsblatts des deutschen Kapitals und der bürgerlichen herrschenden Klasse«, wie Weber sich ausdrückt – ist für den Autor zum Ausgangspunkt einer systematischen Analyse geworden, die in diesen Tagen im Hamburger VSA-Verlag erscheint. Weber will auch zeigen, »dass liberale, kritische und linke Menschen der Täuschung unterliegen, es gebe eine deutliche Barriere, eine klare Grenzziehung, zwischen bürgerlicher und völkisch-nationalistischer, faschisierender Ideologieproduktion«.
Ein Jahr lang hat der Autor Leitartikel, Kommentare und Berichte der FAZ ausgewertet. Das so entstandene »FAZ-Tagebuch 2023« macht über die Hälfte des Buches aus. Das Tagebuch wird komplettiert durch eine umfangreiche Einführung. Im Resultat der Analyse Webers erscheint die FAZ als publizistischer Motor der deutschen »Kriegstüchtigkeit« gegen den Feind im Osten; die Zeitung habe eine Scharnierfunktion für den ideologischen Zusammenschluss. Sie betreibe die ideologische Vorbereitung eines Krieges gegen Russland, während sie den autoritären Umbau der Republik absichere: »Wir erleben, wie der Kriegshetze gegen den ›Feind im Osten‹, der laut FAZ vor den Toren Berlins steht, die massive Feindbekämpfung im Inneren folgt.«
Ein zentraler Aspekt ist für Weber die Verdrängungsleistung der FAZ im Umgang mit der deutschen Geschichte. Das Blatt stehe für ein »sanftes Vergessen« der faschistischen Verbrechen. Dass das FAZ-Feuilleton, in dem auch linke Autoren zu Wort kommen, dabei eine Ausnahme bildet, ist, wie Weber unter Rückgriff auf Wolfgang Fritz Haugs Begriff des »Komplementaritätsprinzips« erklärt, kein Widerspruch, im Gegenteil: Herrschaftsideologie sichere sich, indem sie sich selbst partiell widerspreche. »Scheinbar linke Stimmen« im Feuilleton dienten der FAZ dazu, sich den Anschein kritischer Pluralität zu geben, während der Grundkonsens aus Kapitalismus, Staatsräson und NATO-Treue – auch im Feuilleton – unangetastet bleibe. Kritik werde so funktional für die Herrschaft. Die Zeitung stehe »fest im bürgerlich-reaktionären Lager«.
Ein Gastbeitrag des Politikwissenschaftlers Wolfram Adolphi präzisiert diese Diagnose. Er zeigt, wie die FAZ in ihrer Ukraine-Berichterstattung an lange überwunden geglaubte Traditionslinien deutscher Ostpolitik anknüpft, und zieht eine Linie von der »Dienststelle Rosenberg« über den »Antibolschewistischen Block der Nationen« bis zur heutigen Verharmlosung ukrainischer Faschisten. Der Bellizismus sei heute der zentrale Faschisierungstreiber – und die FAZ gehöre zur publizistischen Avantgarde dieser Entwicklung.
Der Psychologe Weber richtet in seiner Untersuchung den Blick auf das (noch) Unsagbare, die latenten Bedeutungen hinter dem scheinbar harmlosen Wort. Am Ende ist der Befund unmissverständlich: »Barbarei – Krieg und Faschismus – ist für die Herrschenden kein Problem, solange das Geschäft boomt.« Die FAZ sei »medialer Verstärker« dieser Entwicklung, ein Medium des »Brückenbaus zu einem neuen Faschismus«. Webers Analyse zeigt nicht nur, wie diese Brücken gebaut werden, sondern auch, warum sie weithin unbemerkt bleiben – weil sie hinter der brüchiger werdenden Fassade des Liberalismus errichtet werden.
Klaus Weber: Kampfblatt des autoritären Liberalismus. Die Frankfurter Allgemeine als Wegbereiterin von »Kriegstüchtigkeit«. VSA, Hamburg 2025, 168 Seiten, 14,80 Euro
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