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Aus: Ausgabe vom 01.12.2025, Seite 12 / Thema
Literaturgeschichte

Die heilige Familie

Im Jahr 1900 starb der Schriftsteller Oscar Wilde an den Folgen seiner Haftstrafe wegen »homosexueller Unzucht«. Sein Roman »Das Bildnis des Dorian Gray« gilt bis heute als Klassiker der Weltliteratur
Von Stefan Ripplinger
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Als im Jahr 1895 der Prozess wegen »Unzucht« gegen Wilde begann, war der Schriftsteller auf dem Höhepunkt seines Ruhms (Aufnahme von 1882)

Oscar Wilde wurde 46 Jahre alt. Der irische Schriftsteller starb vor 125 Jahren an den Folgen seiner Zuchthaushaft wegen »homosexueller Unzucht«. Über eine kurze historische Spanne von vielleicht dreißig oder vierzig Jahren galt, wenigstens bei uns, nicht Wildes Sexualität, sondern das Verfahren gegen ihn als das Verbrechen. Diese Zeiten sind seit der Deklaration der »Kriegstüchtigkeit« vorüber. Militarisierung ist immer auch Maskulinisierung.

Gern zeigen die Liberalen mit dem Finger auf diejenigen muslimischen Staaten, in denen auf Schwulsein die Todesstrafe steht, aber auch im Westen holt inzwischen nicht nur Julia Klöckner die Regenbogenfahne ein. Schon vor einigen Jahren empörte sich der heutige Kulturstaatsminister Wolfram Weimer darüber, dass sich Elternvertreter als homosexuell outen. »Der Comment ›Das gehört sich nicht‹ ist verloren.« Verloren? Keineswegs. Derzeit vollzieht sich die »geistig-moralische Wende«, die Helmut Kohl vor über vierzig Jahren angedroht hat. Zu ihr gehört, nicht nur für Weimer, dass die »Familie immer ein Vaterland des Herzens« oder, wie wir einst sagten, eine Keimzelle des Staates ist. Einem Konservativen, schreibt Weimer, sei die »biologische Verschiedenheit zwischen Mann und Frau keine Frage individueller Wahlfreiheit. Sie ist ihm schiere Realität. Wenn ihm die Familie das Heiligtum des Lebens ist, der Ort, wo das Leben hervorgebracht und gehütet wird, dann kann man sie von biologischer Evidenz nicht radikal abkoppeln« (»Das konservative Manifest«, 2018).

Wilde, der das Heiligtum des Lebens geschändet, die schiere Realität missachtet und sich von der biologischen Evidenz, vulgo der »Natur«, abgekoppelt hat, verstieß gegen jeden Comment. Er tat das, was »sich nicht gehört«. Der Prozess gegen ihn wird gerade wieder aufgenommen. Er ist nicht nur aus historischer Perspektive interessant, er wirft auch politische und klassentheoretische Fragen auf, von denen die simpelste die ist: Weshalb wird Wilde für seinen Sex bestraft, sein Partner, Lord Alfred Douglas, aber nicht?

Phallisches Gemüse

Der Grund dafür ist, dass zwischen ­Wilde (1854–1900) und dem Lord (1870–1945) nicht nur ein Altersunterschied von 16 Jahren, sondern auch ein Klassenunterschied liegt. Wilde entstammt dem gehobenen Bürgertum Irlands, der Vater ist Arzt, die Mutter Dichterin. Douglas, den alle »Bosie« (von »Boysie«, »Jungchen«) nennen, gehört einem der ältesten Adelsgeschlechter Schottlands an.

Großbritannien wird damals von den Liberal Imperialists geführt, einer Sektion der liberalen Partei, die sich mit unseren Grünen vergleichen lässt: aggressiv nach außen, pädagogisch nach innen, streng antikommunistisch. Es besteht – und das ist die wahre Ursache für Wildes Martyrium – eine Verbindung der einflussreichen Familie Douglas mit dem Staatsapparat, also zur liberalen Partei: Bosies Bruder Francis, der Viscount Drumlanrig, wird vom Premierminister, dem Earl of Rosebery, zum Privatsekretär ernannt. Bosies und Francis’ Vater, der Marquess of Queensberry – eine Sportskanone, der das Boxen die »Queensberry-Regeln« verdankt –, wittert, wohl nicht zu Unrecht, hinter dieser Verbindung eine schwule Affäre. Der Marquess reist dem Premierminister und seinem Sekretär nach Bad Homburg hinterher und kündigt an, die beiden zu züchtigen, wovon ihn allein die deutsche Polizei und der Prince of Wales abhalten können. Kurz, der Marquess of Queensberry fungiert in dieser Geschichte als Wolfram Weimers Hüter des »Heiligtums« Familie.

Wie unter patriarchalischen Verhältnissen üblich, nimmt sich der Marquess alle Freiheiten heraus und ist abwechselnd auf Fuchs- und Schürzenjagd. Als er die Stirn hat, mit einer Mätresse bei seiner Familie aufzukreuzen, reicht seine Frau die Scheidung ein. So mächtig ist er, dass er ungestraft selbst hochgestellte Persönlichkeiten beleidigen kann. So spricht er von »hochnäsigen Tunten wie Rosebery«, der außerdem ein »jüdischer Lügner« sei. Queensberrys erstes Opfer ist, im Jahr vor dem Wilde-Prozess, sein Sohn Francis, der Privatsekretär des Premiers.

Am 18. Oktober 1894 – eine Woche nachdem er sich mit einer vornehmen Dame verlobt hat – geht Francis auf Fasanenjagd. Unter dem Vorwand, einen erlegten Fasan zu bergen, läuft er zurück ins Feld. Seine Freunde hören einen Schuss und finden den jungen Mann tot, mit der Flinte auf dem Bauch; eine Kugel ist in die Mundhöhle abgefeuert worden. Die Familie spricht von einem »Unfall«, tatsächlich handelt es sich um den Selbstmord eines Homosexuellen, dem es davor graut, wie alle andern in verlogene Verhältnisse einzuwilligen. Nachdem er diesen Sohn in den Tod getrieben hat, wendet sich der sportliche Marquess gegen Bosie, der seit 1892 mit Wilde liiert ist.

Zuerst bedrängt er den erwachsenen Sohn brieflich, sofort mit dem Wüstling zu brechen, dann versucht er, den beiden aufzulauern. Mit einem Preisboxer erscheint er im Juni 1894 unangemeldet bei Wilde in der Londoner Tite Street, bedroht ihn und wird von ihm vor die Tür gesetzt. Der Irre hat Humor: Mit Gemüse in phallischer Form (Karotten, Steckrüben) will der Marquess im Februar 1895 die Uraufführung von Wildes erfolgreichstem Stück, »Ernst muss man sein«, sprengen, doch lässt man ihn nicht ins Theater. Kurz darauf erreicht er sein Ziel mit einer simplen Visitenkarte, die er in Wildes Klub hinterlässt, wo sie zehn Tage lang unbeachtet liegt.

Auf die Karte hat der Marquess einige Wörter geschmiert. Wilde selbst liest: »An Oscar Wilde, Schwuchtel und Sodomit«. Queensberry hingegen erklärt, auf der Karte stehe »An Oscar Wilde, der als Sodomit posiert«. Wie auch immer, Wilde, der »Lord of Language«, der sich gerade als Publikumsliebling fühlen darf, reicht eine Beleidigungsklage gegen den Marquess ein. Die enormen Anwalts- und Gerichtskosten kann er zwar nicht aufbringen, aber Bosie und andere sagen ihm finanzielle Unterstützung zu. Wilde glänzt in diesem ersten Verfahren und antwortet etwa auf die Frage, ob er schöne junge Männer bewundere: »Bewunderung habe ich noch niemandem außer mir selbst gezollt.« Zum Ärger des Richters erfreut sich das Publikum an Wildes Bonmots, er fühlt sich obenauf und begeht dann den entscheidenden Fehler.

Höchststrafe

Queensberrys Detektive haben über ein Dutzend junge Männer, durchweg aus dem proletarischen Milieu, ausfindig gemacht, die mit Wilde Verkehr hatten. Einige finden sich gegen Bezahlung zu einer Aussage bereit. Unter ihnen ist ein damals 19jähriger Dienstbote namens Walter Grainger, der angibt, von Juni bis August 1893 verschiedene Male Sex mit Wilde gehabt zu haben. Als Queensberrys Verteidiger amtiert Sir Edward Carson, ein Gegner Wildes schon seit der gemeinsamen Studienzeit in Dublin. Carson fragt ihn, ob er Grainger geküsst habe, und Wilde gibt lässig zur Antwort, der Junge sei ihm zu hässlich gewesen. Hätte er ihn also geküsst, wäre er hübsch gewesen? Wilde versucht, sich herauszuwinden, sagt, er küsse auch keinen Türpfosten. Aber Carson lässt nicht locker. Über ein Dutzend Mal hakt er nach, ob Wilde das Verbrechen begangen habe, junge Männer zu küssen. Mit dem Holzhammer lässt sich jeder Witz plattklopfen.

Den noch größeren Fehler begeht Sir Edward Clarke, Wildes hochbezahlter Anwalt. Um zu illustrieren, was für ein Gewaltmensch Queens­berry ist, verliest er einen von dessen Schmähbriefen. Doch in diesem Brief fallen die Namen des früheren und des amtierenden Premierministers, William Ewart Gladstone und Earl of Rosebery. Von diesem Augenblick an ist allen Nüchternen klar, dass das Verfahren gegen Queensberry verloren ist und eines gegen Wilde folgen wird. Der sozialistische Schriftsteller George Bernard Shaw und andere raten ihm, sofort das Land zu verlassen, was etliche seiner Freunde, auch seine Frau samt den neun und zehn Jahre alten Knaben, Vyvyan und Cyril, bereits getan haben, doch er weigert sich – auch auf Wunsch seiner Mutter – und wird am 5. April 1895 verhaftet. Am 26. April beginnt ein Prozess gegen ihn und den Zuhälter Alfred Taylor, der ihm manchen Strichjungen vermittelt hat.

In diesem Prozess wendet sich das Blatt. Im Jahr 1885 hat der Liberale Henry Labouchère ins britische Recht ein Gesetz gegen Homosexualität eingebracht, das auch diejenigen Schwulen unter Strafe stellt, denen keine »Sodomie« (Analverkehr) nachgewiesen werden kann (das Gesetz wird 1956 kassiert). Es bedarf nicht der Aussage von Zimmermädchen über Flecken auf Wildes Bettwäsche, um zu erkennen, dass er nach diesem Gesetz schuldig ist. Nun geht alles sehr schnell. Seine Verehrerinnen und Verehrer fallen scharenweise von ihm ab, seine Theaterstücke werden abgesetzt. Weil er die Gerichtskosten nicht mehr begleichen kann, wird sein Besitz versteigert. Bei der Gelegenheit verwüstet man seine Wohnung. Mob und Presse feiern Queensberry als einen Kerl von altem Schrot und Korn, der einen »Parasiten der Aristokratie«, einen Entarteten und Effeminierten »Comment« lehre. Wilde wagt die Flucht nach vorn und nennt die Liebe unter Männern »die vornehmste Form der Zuneigung« – Applaus von der Zuschauerbank. Auch das Plädoyer des Verteidigers verfehlt seine Wirkung nicht. Die Geschworenen können zu keinem Urteilsspruch gelangen.

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Mit Lord Alfred Douglas (r.), genannt Bosie, hatte sich Oscar Wilde einen Partner aus den höchsten Kreisen gewählt, was ihm zum Verhängnis wurde (Aufnahme von 1894)

Doch so darf die Sache nicht ausgehen, der Innenminister H. H. Asquith hat bereits erklärt, wenn Wilde nicht schuldig gesprochen werde, sei das Ende der liberalen Partei gekommen. Der Generalstaatsanwalt persönlich, Sir Frank Lockwood, strengt ein zweites Verfahren an. Als Carson, Queensberrys Verteidiger im Beleidigungsprozess, Lockwood beiseite nimmt und ihn fragt, ob man den armen Teufel nicht laufenlassen könne, erhält er zur Antwort, das sei nicht mehr möglich, die Causa sei bereits zu politisch geworden. Richter Sir Alfred Wills, der wortreich beklagt, dass er Wilde nicht härter peinigen kann, verhängt die Höchststrafe von zwei Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit.

Im Kerker und in Ketten

Ein Sturz im Zuchthaus führt zu einer Vereiterung des Innenohrs und später zu einer Hirnhautentzündung, die Wilde drei Jahre nach seiner Entlassung das Leben kostet. Ohnehin ist seine Gesundheit ruiniert, er ist bankrott. Erst in den letzten drei Monaten seiner Haft wird ihm erlaubt, etwas Längeres zu Papier zu bringen. Es entsteht eine zwar glänzend geschriebene, aber zutiefst ungerechte Anklage gegen Bosie, die Wilde selbst »In Carcere et Vinculis« (Im Kerker und in Ketten) nennt. Bekannt wird der Text unter dem Titel »De Profundis« (Aus der Tiefe). Er verrät viel von den Schwierigkeiten, die auf der Verbindung eines Bürgers mit einem Adeligen lasten.

Wilde beschreibt seinen Partner als einen Gecken, der auf seine Kosten gelebt habe, und ist kleinlich genug, aufzulisten, welche Summen er jeweils für ihn aufgewendet hat. Der Bürger ist einer, der arbeiten und jeden Groschen umdrehen muss, der arbeitsscheue Aristokrat lässt sich verwöhnen. Das gemeinsame Leben soll nur noch »Tand und Torheit« (Deutsch von Hedda Soellner) gewesen sein, der Geliebte habe ihn von wichtigen Werken abgehalten und »in mir alles geistig und sittlich Gute zerstört«. Interessanterweise nennt er Bosie einen »jungen Mann meiner eigenen Gesellschaftsschicht«, was die wahre Kluft zwischen ihnen verkennt.

Anders als Wilde ihn porträtiert, ist Bosie mehr als ein Müßiggänger. Er hat inzwischen in Frankreich Gedichte veröffentlicht, die von dem Symbolisten Stéphane Mallarmé gelobt werden, der allerdings stets freigiebig mit Lob ist. In Briefen und Eingaben setzt sich Bosie für seinen Freund ein. Es ist Wilde, der verhindert, dass er ihn mit einem Artikel im Mercure de France verteidigt. Grund für diese Abweisung dürfte Wildes Versuch sein, sich mit seiner Frau, Constance, zu versöhnen und so gewissermaßen in Weimers heilige Familie zurückzufinden.

Doch Wilde macht sich bloß etwas vor, und nach seiner Freilassung hält er es nicht lange ohne den Geliebten aus, sie leben sogar für einige Monate glücklich in Neapel zusammen. Darauf stellen sowohl Constance als auch Bosies Mutter unter Protest ihre finanzielle Unterstützung ein. Constance stirbt nach einer Operation im Jahr darauf, Wilde beendet seine Tage in einem schlichten Pariser Hotel. Zu seiner Beerdigung erscheinen nur wenige Mutige, darunter der Schriftsteller Pierre Louÿs; der Besitzer des Hotels legt ein Blumengebinde mit der Widmung »Meinem Mieter« aufs Grab.

Dorian als Ding

Es ist die Ironie von Oscar Wildes Werk, dass er zwar, wie er in »Der Verfall der Lüge« (1889) schreibt, seine Kunst als »schöne Lüge« ansieht und doch fortwährend die Wahrheit spricht. Das hat auch damit zu tun, dass er das Übel in Erinnerung bringt, indem er ihm weiträumig ausweicht. So wünscht er den Sozialismus herbei, um den Anblick der Armen und der Krämer loszusein. Wäre erst einmal das Privateigentum abgeschafft, argumentiert er in »Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus« (1891), gäbe es kein Elend der Unteren und keine humanistische Heuchelei der Oberen mehr. Die Literatur könne endlich das Büßerhemd des Realismus ablegen, das sie noch bei Charles Dickens oder Émile Zola trägt. Doch zeigt sich, dass Wilde der Realismus auf den Fersen ist wie anderen der Gerichtsvollzieher.

Man nehme das schon erwähnte Boulevardstück »Ernst muss man sein« (auch »Bunbury«). Es ist bloß Zufall, dass es in dem Drama von einer Gestalt heißt, sie treibe ihre Unsittlichkeit so weit, partout in Paris beerdigt werden zu wollen. Kein Zufall ist es aber, dass vom ersten bis zum letzten Akt des Stücks Heirat und Ehe mit Spott überzogen und nebenbei die urkommunistischen Frühchristen gepriesen werden. Das steht einerseits im Einklang mit den politischen Überzeugungen des Autors, der festgestellt hat: »Der Sozialismus hebt zum Beispiel das Familienleben auf. Mit der Abschaffung des Privateigentums muss die Ehe in ihrer gegenwärtigen Form verschwinden« (Deutsch von Christine Koschel und Inge von Weidenbaum). Andererseits spiegelt sich darin die bereits angedeutete schwierige Familiensituation des Autors und seiner Freunde. Wie es in dem Roman »Das Bildnis des Dorian Gray« heißt, gibt es »Temperamente, die Ehen komplexer werden lassen als andere«.

Aus der ersten veröffentlichten Version des Romans, 1890 in Lippincott’s Monthly Magazine, sind 500 Wörter des Manuskripts vorsichtshalber gestrichen worden. Sätze wie »Er ist so reizend zu mir, gewöhnlich gehen wir Arm in Arm vom Klub nach Hause« oder »Wie immer es auch gekommen sein mag, ich habe noch nie eine Frau geliebt« erscheinen aber im Druck, was zu etlichen Verrissen führt. Etwa ekelt sich der Daily Chronicle (30.6.1890) vor der »weibischen Frivolität, vor dem gesuchten Unernst, dem theatralischen Zynismus, dem geschmacklosen Mystizismus, der leichtfertigen Philosophie« des Textes und der Scots Observer (5.7.1890) spricht von einem unnatürlichen, ungesunden Buch. Adel und Bourgeoisie fehlt Weimers »biologische Evidenz«.

Nicht ohne Grund zitiert Queensberrys Verteidiger aus dieser kaum gesäuberten Version, denn das ein Jahr später erscheinende Buch ist bereits entschärft, die vollständige Manuskriptfassung erscheint erst 2011. Interessanterweise ist die Titelfigur des Schauerromans gerade nicht homosexuell – obwohl »Dorian« auf die dorische Knabenliebe und »Gray« auf den von Wilde umschwärmten Dichter John Gray verweist. Dorian Gray, dessen Schönheit alle in ihren Bann schlägt, ist, wenigstens zu Beginn der Erzählung, eine recht banale Gestalt, ein verwöhnter Jüngling, der wie die meisten verwöhnten Jünglinge der Epoche eine Affäre mit einer hübschen, aber drittklassigen Schauspielerin beginnt. Genauer gesagt ist Dorian eine Leerstelle, die allein von den beiden anderen Protagonisten gefüllt wird. Der eine ist ein verklemmter Schwuler namens Basil Hallward, der das Bildnis des Jünglings malt, der andere ist der Libertin Lord Henry, der nach dem von Wilde verehrten Freigeist Walter Pater (1839–1894) gestaltet ist.

Kein Original

Henry zitiert Pater mit dem Aufruf zu einem neuen Hedonismus. Dorian folgt dem Aufruf, indem er ein Buch nachinszeniert, das ihm Henry zugesteckt hat – angespielt wird auf »Gegen den Strich« (1884) des schwarzromantischen Katholiken Joris-Karl Huysmans. Nun setzen verschiedene Ausschweifungen ein, die sich auszumalen der Leserschaft überlassen bleibt. Reihenweise ruiniert Dorian junge Damen und Herren der adeligen Gesellschaft – womit, bleibt ungesagt. Drogenexzesse sind ebenso möglich wie schwarze Messen. Bemerkenswert ist an diesem Erzählstrang, dass Dorian ein Blaubart aus zweiter Hand ist; er folgt nicht irgendeinem perversen Drang, sondern literarischen und malerischen Vorbildern. Er muss seine Leere füllen, indem er ältere Modelle nachahmt. Es gibt in Wildes Welt keine Originale.

Kein Original findet sich auch im titelgebenden Strang der Erzählung; es findet sich darin lediglich ein »Bildnis«, ein Abbild. Der unglücklich in Dorian verliebte Maler kompensiert seine Sehnsucht, indem er sie in einem Gemälde festhält. Das hat dreierlei zur Folge: Der Porträtierte entdeckt im Bild seine Schönheit, wird vom Naiven zum Narziss und so zum Vorläufer ganzer Generationen von Selfie-Fotografen. Perspektive und Stil des Gemäldes verraten, zweitens, die verbotenen Vorlieben des Künstlers. Aber das Gemälde ist, drittens, auch eine Verdinglichung des Begehrens, worin man mit dem Queer-Theoretiker Kevin Floyd (»The Reification of Desire«; 2009) eine Vorbedingung von Befreiung erkennen kann: Die Verdinglichung des schwulen Begehrens müsse »als soziale und historische Macht mit vielfältigen und widersprüchlichen objektiven Effekten betrachtet werden, als eine Macht, die zweifellos viele Aspekte von Verblendung besitzt, aber niemals ganz in Verblendung aufgeht«.

Aus diesem Grund wird der Maler Basil einerseits unwiderstehlich zu seinem eigenen Werk hingezogen, das er andererseits vor aller Welt verbergen muss. Wilde gibt der Geschichte eine nur genial zu nennende Wendung, indem er das Porträt, nicht aber den Porträtierten altern lässt. Damit siegt das Sekundäre über das Primäre, das Bild über das Abgebildete, das Medium über die Botschaft, und es ist bereits zu ahnen, wie die künstliche Intelligenz über die natürliche siegen wird. Wir befinden uns in einer höchst unbequemen kapitalistischen Moderne, in der sich kitschige Reaktionäre an den »Ort, wo das Leben hervorgebracht und gehütet wird«, zurückträumen, und es rigorosen Denkern wie Oscar Wilde vorbehalten bleibt, der Realität ins Auge zu schauen.

Stefan Ripplinger schrieb an dieser Stelle zuletzt am 14. November 2025 über Jean Paul: »Das grause Wort ›Ich‹«

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