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Aus: Ausgabe vom 01.12.2025, Seite 7 / Ausland
Fragile Waffenruhe

Pakistan droht Taliban

Grenzüberschreitende bewaffnete Aktionen dauern an, Vermittlung bislang ohne Erfolg. Islamabads Rhetorik gegen die Führung in Kabul wird schärfer
Von Knut Mellenthin
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Nach dem mutmaßlich pakistanischen Luftangriff sind von dem Familienhaus in Khost nur Trümmer übrig (25.11.2025)

Pakistan hat den Taliban, die seit August 2021 das Nachbarland Afghanistan beherrschen, am Wochenende mit einer Ausweitung des bewaffneten Konflikts gedroht, der trotz der Vermittlungsbemühungen Katars, der Türkei und Saudi-Arabiens andauert. Die »gewaltsamen Zwischenfälle« nähmen nicht ab, sondern sogar zu, klagte Außenminister Ishaq Dar am Sonnabend.

Katar habe sich im Oktober eingeschaltet, nachdem es Kenntnis davon erhalten habe, dass Pakistan für die nächste Nacht eine umfangreiche Militäroperation auf afghanischem Boden geplant und vorbereitet habe. Die in Doha, der Hauptstadt des Fürstentums, und im türkischen Istanbul geführten Gespräche hätten aber zu nichts geführt. »Technisch« gebe es keine Waffenruhe, obwohl eine solche am 19. Oktober vereinbart und seither auch von keiner Seite formal beendet worden sei. Die Taliban befänden sich im Irrtum, wenn sie glaubten, Pakistan könne die Probleme zwischen beiden Ländern nicht militärisch lösen. Es sei dazu sehr wohl stark genug, zögere aber, »zum Haus unseres Bruders zu gehen, es zu betreten und ihn zu töten«, wie Dar sich bildhaft ausdrückte.

Kern des Streits sind die grenzüberschreitenden bewaffneten Aktionen der »pakistanischen Taliban«, die vor allem aus den direkt der Regierung unterstehenden sogenannten Stammesgebieten in Nordwestpakistan kommen und Zuflucht auf afghanischem Boden haben. Die größte ihrer Organisationen ist die 2007 gegründete Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP). Mehrere Jahre lang scheiterten alle von den USA unterstützten Versuche, die mit der örtlichen Bevölkerung verbundenen fundamentalistischen Rebellen durch eine unstete Mischung aus Militärangriffen, Repression und Kooperationsangeboten unter Kontrolle zu bringen.

Die Wende brachte schließlich im Jahr 2014 die monatelange »Operation Zarb-e-Azb« der pakistanischen Streitkräfte, mit der durch systematische Flächenbombardements eine Entvölkerung der umkämpften Gebiete erzwungen wurde, in die Zehntausende Soldaten nachrückten, um deren vollständige »Säuberung« abzuschließen. Nicht nur Tausende von bewaffneten Rebellen, sondern auch mehrere hunderttausend andere Bewohner, vor allem aus den Stammesgebieten, flüchteten über die Grenze nach Afghanistan. Im Juli 2014, als die Militäroperation noch nicht einmal beendet war, schätzten die pakistanischen Behörden die Zahl der Vertriebenen schon auf fast eine Million.

Dauerhaft war aber auch diese »Lösung« nicht. Auf afghanischem Boden konnten sich die »pakistanischen Taliban« regenerieren. Der Zusammenbruch der zuletzt nur noch von den USA und ihren Verbündeten militärisch gestützten Regierung in Kabul, der hastige Abzug der ausländischen Truppen im August 2021 und die Übernahme der Macht durch die Taliban verbesserten schlagartig auch die Existenz- und Kampfbedingungen der TTP und der aus ihr hervorgegangenen kleineren Gruppen. Friedensgespräche zwischen der pakistanischen Regierung und der TTP, zunächst unter Vermittlung der afghanischen Taliban, begannen. Es gab schon damals mehrmals Waffenruhevereinbarungen, die aber keinen Bestand hatten.

Die gegenwärtige Intensivierung der Kämpfe, bei denen Pakistan seine Militärangriffe immer mehr auch gegen Einheiten und Stützpunkte der regulären afghanischen Streitkräfte richtet, wird mit Luftangriffen am 9. Oktober gegen Ziele in Kabul und in den grenznahen Provinzen Khost, Paktika und Nangarhar in Zusammenhang gebracht. Daraufhin griffen die afghanischen Taliban mehrere pakistanische Militärposten an und erklärten anschließend ihre »Vergeltungsaktionen« für abgeschlossen, was aber von der Regierung in Islamabad nicht akzeptiert wurde. Vor allem Katar und die Türkei schalteten sich als Vermittler ein, ohne aber ein definitives Ende der Kämpfe zu erreichen. Vorerst letzter »Zwischenfall« war in der Nacht zum Dienstag voriger Woche ein mutmaßlicher Luftangriff auf ein Wohnhaus in der Provinz Khost, bei dem neun Kinder und eine Frau getötet wurden. Ein Sprecher des pakistanischen Militärs bestritt aber, für diesen Angriff verantwortlich zu sein.

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