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Aus: Ausgabe vom 01.12.2025, Seite 5 / Inland
Lebensmittelindustrie

Fleischbosse an Schlachterplatte

Nach Veto von Bundeskartellamt: Keine Tönnies-Übernahme süddeutscher Vion-Standorte. Nun will Westfleisch einspringen – und ein weiterer Konkurrent
Von Oliver Rast
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Leckerbissen am Haken: Industrielle Produktion für den Gaumenschmaus

Die Halle liegt in kaltem Licht. Klinisch und steril ist es hier. Ein Streckennetz von Schienen unter der Decke, an denen Haken hängen. Ein metallisches Rattern, ein schräges Quietschen, fast rhythmisch. Langsam gleiten Kolonnen von hin und her wiegenden Schweinehälften mit gestreckten Spitzbeinen vorwärts. Ohne Unterlass. Alles ist mechanisch, automatisiert – Betriebsalltag in der Fleischindustrie.

Routine im Werk, aber Unruhe auf deutschem Schlachtmarkt. Im Juni 2024 hatte die niederländische Vion Food Group begonnen, »das Deutschland-Geschäft strategisch zu überprüfen«, so ein Firmensprecher am Freitag gegenüber jW. Das Ergebnis: Rückzug, fast komplett. Die Gründe: Konzentration auf Benelux-Staaten, sinkende Schlachtzahlen, Überkapazitäten, veränderte Nachfrage. Und seitdem pokern Konkurrenten um verbliebene, vor allem süddeutsche Vion-Standorte.

Allen voran die Premium Food Group (PFG, vormals Tönnies), der Branchenprimus hierzulande. Bereits im September vergangenen Jahres hatte der deutsche Marktführer mit Vion eine Absichtserklärung zur Übernahme etwa der Produktionsstätten in Buchloe (Schwerpunkt Rinderschlachtung), Crailsheim (Schwerpunkt Schweineschlachtung) und Waldkraiburg (Schwerpunkt Rinderschlachtung) unterzeichnet, »um die Beef-Kompetenzen in Süddeutschland zu erweitern«, sagte Fabian Reinkemeier von der PFG-Kommunikationsabteilung gleichentags zu jW.

Aber das Bundeskartellamt durchkreuzte die Expansionspläne im Juni des Jahres. Eine solche Fusion hätte die Marktposition von PFG unzulässig gestärkt – zum Nachteil von Landwirten und kleineren Wettbewerbern. Schon jetzt ist das Konglomerat von Clemens Tönnies größter Schweineschlachter in Deutschland. Mit den Vion-Standorten wäre PFG auch im Rindfleischbereich in die Pole-Position gerückt. Eine Behördenentscheidung, mit der sich der Fleischmagnat nicht abfinden wollte – und Rechtsmittel beim Oberlandesgericht Düsseldorf einlegte. Parallel erwog das Unternehmen eine Ministererlaubnis beim Bundeswirtschaftsministerium, um die Übernahme trotz Kartellamtsentscheidung durchzusetzen. Beides ist nun hinfällig. Denn, so Reinkemeier: »Die Hängepartie muss ein Ende haben.«

Bloß wie? Indem die genossenschaftlich organisierte Westfleisch einspringt. Die Platzhirsche saßen unlängst wie vor einer Schlachterplatte zusammen – beim »Herbstdialog« des Bayerischen Bauernverbands (BBV) in Herrsching im Landkreis Starnberg. Der Dialog ist laut Handelsblatt wie folgt übermittelt: »Wenn du hier vor versammelter Mannschaft versprichst, dass du die drei Betriebe übernimmst, treten wir mit sofortiger Wirkung von dem Vertrag mit der Vion zurück«, so Tönnies zum Dauerrivalen Wilhelm Uffelmann. Der Westfleisch-CEO antwortete: »Gut, dann machen wir das.«

Ist das so? Westfleisch halte Wort und sei bereit, »gemeinsam mit Vion an einer tragfähigen Lösung im Sinne der bayerischen Landwirtschaft zu arbeiten«, teilte deren Pressesprecher auf jW-Anfrage mit. Konkrete Aussagen könne er aber nicht treffen, »da uns eine detaillierte Einsicht in die Unterlagen bislang nicht möglich war«. Was sagt Vion? Der Weg sei nun frei »für einen neuen strukturierten Verkaufsprozess«. Einige Interessenten hätten sich gemeldet, ernstgemeinte Vorschläge würden sorgfältig geprüft. Weitere Details zu Kaufanwärtern oder zur Zeitplanung blieben aber vorerst unter Verschluss.

Nicht ganz – weil: Der Schweineverarbeiter Boeser Frischfleisch hat Interesse bekundet, jedenfalls für den Crailsheimer Vion-Standort. Das bestätigte Geschäftsführer Christian Boeser am Freitag gegenüber jW. Zuvor hatte die Lebensmittelzeitung darüber berichtet. Das Familienunternehmen aus Frechen bei Köln gehört zu den 15 größten Zerlegebetrieben hierzulande, hat aber keine eigene Schlachtung mehr. Mittels Übernahme wolle Boeser in der Wertschöpfungskette die Lücke zur Landwirtschaft schließen »und Crailsheim als eigenständiges Kompetenzzentrum für Fleischqualität in Baden-Württemberg sichern«. Oder: ein moderner Schlachthof mit eingespieltem Team, in dem rohe Schweinehälften an schweren Metallhaken routiniert ihre Bahnen ziehen durch die sterile Kälte in der Werkshalle.

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