Große Blockaden in Gießen
Von Raphael Molter und Zoë Langner
Von einer historisch riesigen Polizeipräsenz, stundenlangen Blockaden und einem breiten bürgerlichen Spektrum an Gegendemonstranten ist am Sonnabend in den Gießener Hessenhallen die Gründung einer neuen Jugendorganisation der AfD begleitet worden. Das bundesweite Bündnis »Widersetzen« hatte zu Blockaden durch Aktionen des zivilen Ungehorsams aufgerufen – und setzte diese trotz Polizeiabsperrungen und Umleitungen großflächig durch.
Die Polizei erwartete vorab die größte Mobilisierung gegen die AfD seit Jahren und nahm dies zum Anlass für den größten Polizeieinsatz in der Geschichte der Stadt Gießen. Nach Angaben des Aktionsbündnisses nahmen mehr als 50.000 Protestierende teil. Die Polizei wiederum will lediglich mehr als 25.000 gezählt haben. Bereits am Freitag hatte Innenminister Roman Poseck (CDU) von einer »herausfordernden Großlage« gesprochen. Die Stadt sperrte auf Druck der Polizei Teile der Weststadt für Demonstrationen – wogegen vergeblich gerichtlich vorgegangen wurde.
Die Gründung der »Generation Deutschland« mit der Wahl des 28jährigen Jean-Pascal Hohm, AfD-Landtagsabgeordneter aus Cottbus, zum Vorsitzenden markiert einen strategischen Neustart bei gleichzeitiger Kontinuität zur bisherigen »Jungen Alternative«. Nach deren vor einigen Monaten erfolgter Selbstauflösung, gegen die sich intern einiger Widerstand geregt hatte, versucht die AfD nun, mit einem neu etikettierten Nachwuchsverband den öffentlichen Druck und die Verbotsdebatten abzuschütteln.
Dagegen hat das Bündnis »Widersetzen« monatelang mobilisiert. Seit Wochen kursierten Aktionskarten, Anreisetipps und Gruppenaufrufe. »Wir kommen von allen Seiten. Wir werden viele sein. Wir werden solidarisch und entschlossen handeln«, hieß es im Aufruf. Blockaden sollten sitzend oder stehend erfolgen, Eskalation laut Bündnis »nicht von uns« ausgehen. Der spätere Versuch einer kleineren Zahl AfD-Gegner, auf das Veranstaltungsgelände vorzustoßen, wurde von der Polizei abgewehrt. Diese war am Sonnabend nicht nur mit Einheiten in Kampfmontur, sondern zusätzlich mit mehreren Wasserwerfern und Hundestaffeln im Einsatz.
Mit mehr als 200 Bussen aus dem Bundesgebiet ist eine große Zahl bürgerlicher Akteure eines breiten Spektrums in Gießen vertreten gewesen: Gewerkschaften, Kirchen, Kultur- und Studierendeninitiativen, Parteien, aber auch lokale Bündnisse. Für die Landesregierung stand bereits vorab fest, welches Bild dominierte: Es handle sich »überwiegend um bürgerlichen Protest«. Problematisch sei lediglich eine »kleine Gruppe Linksextremer« – ein Hinweis, der noch vor dem Wochenende mehrfach wiederholt wurde, gestützt auf ein einziges Onlineschreiben aus dem Schweizer Raum.
Ein Großteil der Proteste befand sich jedoch außerhalb der Hör- und Sichtweite des geplanten Gründungstreffens. Während Zehntausende auf dem Anlagenring zur Musik von Juli oder Kraftklub tanzten, wurden die Blockaden durch die Polizei geräumt und die Gründung der AfD-Jugend konnte mit nur etwa zwei Stunden Verspätung nahezu ungehindert stattfinden.
Auffällig ist: Ein Teil der antifaschistischen Linken mobilisierte nicht zu den Großprotesten – und begründete das ausdrücklich politisch. Die Antifaschistische Revolutionäre Aktion Gießen, kurz: ARAG, die Gießener KP-Ortsgruppe, Kunstklasse, die Gießener DKP sowie Teile des SDS haben im »Roten Herbst« eine eigene Veranstaltungsreihe durchgeführt, die bewusst in Distanz zur breiten Mobilisierung steht.
Ihr Vorwurf: Der dominierende Antifaschismus sei hilflos und wirke strukturell systemstabilisierend. Die Fixierung auf die AfD verdecke, dass autoritäre Formierungsprozesse längst vom liberalen Parteienblock selbst betrieben würden; durch Militarisierung, Repression und Sozialabbau. Blockaden gegen die AfD würden diese letztlich disziplinieren und als berechenbare Oppositionskraft regierungsfähig machen, statt sie zu schwächen. Ein ernsthafter Antifaschismus müsse »über die Verteidigung des neoliberalen Status quo hinaus« eine gesellschaftliche Alternative entwickeln. Ein weithin sichtbares Banner dieser Gruppen fasste ihre Kritik zusammen: »Ob CDU, ob SPD – das ist uns ganz egal. Ob Grüne oder AfD: Es herrscht das Kapital«.
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Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude (1. Dezember 2025 um 00:34 Uhr)»Mit mehr als 200 Bussen aus dem Bundesgebiet ist eine große Zahl bürgerlicher Akteure eines breiten Spektrums in Gießen vertreten gewesen: Gewerkschaften, Kirchen, Kultur- und Studierendeninitiativen, Parteien, aber auch lokale Bündnisse.« Der gleiche Personenkreis und die gleichen Organisationen unterstützen die Ukraine, welche Faschisten und Rassisten wie Bandera, Judenmörder zu Staatshelden erklärt, ihre Taten verklärt und die Geburtstage der ehemaligen »Führer« feiert. Daher kann ich allen Demonstranten dieser merkwürdigen Bewusstseinsspaltung, ich meine wohlgemerkt nur die, auf die solche doppelten Standards zutreffen, aber das dürfte die Mehrheit sein, nicht als aufrechte Antifaschisten betrachten. Sie rollen mit den gleichen 200 Bussen an und schwenken Ukraine-Fahnen. Das gleiche gilt für die Bundesregierung und alle Abgeordneten, welche mit Vehemenz die AfD bekämpfen und gleichzeitig die Regierung in Kiew unterstützen, eine Regierung welche gezielt alle Minderheiten im Land diskriminiert, eine nazistische und rassistische Vergangenheit glorifiziert, Weltliteratur aus den Bibliotheken entfernt, in einem Ausmaß, wie er zuletzt im sogenannten Dritten Reich zu vermerken war. Die Heuchelei hat ein unerträgliches Ausmaß angenommen.
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Leserbrief von Johannes Feldner aus Gießen (3. Dezember 2025 um 15:09 Uhr)Lieber Fred Buttkewitz, danke für Deine eingehende Analyse! Sicher hast Du in Ulan viel Bildmaterial des Gießener Geschehens analysiert. Ich gestehe: Ich hab das Ukarine-Fahnenmeer glatt übersehen. Die Sache mit dem Kopf, nehme ich an. Soli-Grüße aus Mittelhessen!
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Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude (4. Dezember 2025 um 11:37 Uhr)Lieber Johannes Felder, ich hab nichts von Ukraine-Fahnen in Gießen geschrieben, sondern vom gleichen Personenkreis und den gleichen Organisationen, welche die Jugendorganisation der AfD für gefährlicher hält als den Faschismus in der Ukraine, welche sie mehrheitlich unterstützen, indem sie mit den gleichen Bussen zu Demos für die Ukraine anreisen und ukrainische Fahnen schwenken. In Gießen ging es ja um den Faschismus, den es nach Meinung dieses Personenkreises in der Ukraine höchstens in zu vernachlässigenden Einzelfällen gibt. Und das geschieht durch simple Tatsachenverdrehung und Umetikettierung, wie sie eindrucksvoll Simon Neuhaus bei der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen in Hannover unter großem Beifall verkündete: »Wir sind die Partei, die das Bollwerk der Demokratie gegen den Faschismus im Osten ist, gegen den Faschismus im eigenen Land, gegen das faschistoide Regime in Putin.« Also dort konnte ein rechtsradikaler Faschist Parlamentspräsident werden, nicht etwa in Kiew. Russland hat diskriminierende Apartheidsgesetze erlassen, nicht die Ukraine. In Moskau werden Denkmäler von Klassikern gestürzt und deren Bücher verbrannt, nicht in Kiew. Also in Moskau werden Hitlerkollaborateure und nazistische Massenmörder zu Staatshelden erklärt, ebenfalls nicht in Kiew. Na das muss ja so sein. Denn wenn dies umgekehrt der Fall wäre, dann würde Russland in der Ukraine ja tatsächlich gegen den Faschismus kämpfen. Und das kann ja nicht sein, meinen linke oder bürgerliche Demonstranten, die sich dann mit einer Banderafahne auf die Karl-Marx-Allee stellen und bei der nächsten Demo gegen die AfD wieder mit dabei sind. Übrigens brauche ich keine Fotos. Erinnerungen genügen mir. Ich habe bei meinen Besuchen in Deutschland die allgegenwärtigen Ukraine-Fahnen gesehen, auf dem Reichstagsgebäude, auf vielen öffentlichen Gebäuden und bei Demos. Und ich habe die Zerstörungen ziviler Einrichtungen durch gezielten ukrainischen Beschuss in Donezk gesehen anlässlich meiner Gastdirigate in der dortigen Philharmonie. Das war mehrere Jahre vor (!) dem »russischen Angriffskrieg«.
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Leserbrief von Wolfgang Doster aus Erding (1. Dezember 2025 um 17:52 Uhr)Da kann ich bis ins Detail zustimmen. Der Antifaschist Silone sagte 1945: Wenn der Faschismus wiederkommt, sagt er nicht, ich bin der Faschismus, er sagt, ich bin der Antifaschismus! In Deutschland kommt der Faschismus gewöhnlich aus dem Zentrum der Macht, selten aus der Peripherie. Und er will Krieg! Das zeigt die Geschichte der BRD. Unsere Neu-Nazis der Mitte führen die Opfer ihrer kognitiven Kriegsführung am Nasenring durch die Manege. Nicht der Rechtsextremismus der AfD macht mir Angst. Schlimmer ist ihr primitiver Neoliberalismus und die dummdreiste Verleugnung der Klimakrise. Bei allen Parteien kann man eine radikale Realitätsverweigerung bis zur Wahnhaftigkeit diagnostizieren. Sie spielen blinde Kuh gegen ein virtuelles Russland, das sich dem Atomwaffenverbotsvertrag angeschlossen hat. Der Putin ist ihre fabrizierte Angstfigur fürs Volk, bei dem alle Kanäle für einen Realitätscheck sorgsam abgedichtet wurden.
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Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude (3. Dezember 2025 um 10:25 Uhr)»Der Putin ist ihre fabrizierte Angstfigur fürs Volk, bei dem alle Kanäle für einen Realitätscheck sorgsam abgedichtet wurden.« Es fällt natürlich auf, dass man nach dem Vorbild des Pawlowschen Hundes versucht, bei der Bevölkerung durch unablässige Wiederholung bestimmte Gedankenverbindungen zu erzeugen, die zuverlässig funktionieren. Statt neutral »Ukraine-Krieg« zu sagen, denn daran sind ja sehr viele Länder und mehrere Seiten beteiligt, muss es heißen: »Putins Krieg« oder »völkerrechtswidriger russischer Angriffskrieg«. Es scheint ja leider Anlass zu geben, den Schuldigen immer wieder durch solche Wortkombinationen hervorzuheben. Haben das etwa immer noch nicht alle begriffen, wer Schuld an Putins Krieg ist? Das wäre dann allerdings nach vier Jahren wahrheitsgemäßer Berichterstattung aus neutralen ukrainischen Informationsquellen oder Geheimdienstkreisen ein Armutszeugnis für unsere Qualitätsmedien. Das Wort USA oder der Name eines US-Präsidenten tauchen dagegen im Zusammenhang mit Kriegen niemals auf. Wozu auch, da die grundsätzlich keine Angriffskriege führen, weshalb wir uns ja in der NATO beruhigt ihrem Oberbefehlshaber unterordnen können. Da heißt es niemals »Nixons Krieg« oder »US-amerikanischer Angriffskrieg«, sondern neutral »Vietnamkrieg«, »Koreakrieg«, »Irak-Krieg«, »Afghanistan Mission«, »Operation Freedom«. Auch unser edler Kennedy hat nie den Befehl zur Invasion auf Kuba gegeben. Ja, es gab eine Kuba-Krise, wo er die aggressiven Russen durch geschickte Verhandlung in die Schranken wies. Hat es je einen US-Präsidenten gegeben, der den Befehl zum Angriff gab? Laut Kriegsbezeichnungen nie. Da ist es dann auf einmal erwünscht, dass das Gehirn von Liese Müller funkt: »Na wer weiß, wer da angefangen hat. Das wird sicher die andere Seite gewesen sein.« Auf diesem Schema basiert die gesamte Berichterstattung der Mainstreammedien, eben nicht nur zu Kriegszeiten, sondern immer. Es ist so einfach und wirkt.
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