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Aus: Ausgabe vom 01.12.2025, Seite 3 / Ansichten

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Mutmaßungen zum Nord-Stream-Anschlag
Von Reinhard Lauterbach
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Ein mutmaßlicher Drahtzieher des Nord-Stream-Anschlags wird nach der Haftprüfung zum Hubschrauber gebracht (Karlsruhe, 28.11.2025)

Das öffentliche Gerede über den Anschlag auf die Ostseepipeline Nord Stream im September 2022 hat eine Konstante: Es dürfen keine der offiziellen BRD nahestehenden Staaten belastet werden. Nicht die Ukraine, geschweige denn gar die USA oder andere »NATO-Verbündete«. Am Wochenende zog dafür die Sonntags-FAZ (FAS) den ältesten Hut hervor, der schon im Herbst 2022 kurz gelüftet wurde, dann aber doch wieder in die Requisite zurückkam: Russland habe seine milliardenbringende Pipeline selbst in die Luft gesprengt.

Die Zeugenliste der FAS ist beeindruckend: lauter übliche Verdächtige wie der CDU-Scharfmacher Roderich Kiesewetter und der Grüne Konstantin von Notz. Außerdem ein dänischer Exgeheimdienstler, also jemand aus einem Land, das die Ermittlungen mit beeindruckender Schnelligkeit bereits nach wenigen Monaten beendete, sich aber weigerte, der Bundesanwaltschaft Ermittlungsergebnisse zur Verfügung zu stellen. Teilweise wurden sogar ernsthafte Einwände aufgegriffen, die auch in dieser Zeitung seinerzeit gegen die These von der ukrainischen Urheberschaft vorgebracht worden sind: Was sind das für Attentäter, die im Tatfahrzeug Sprengstoffspuren hinterlassen?

Stimmt ja sogar, aber es dient nur dazu, die immerselbe Sau durchs Dorf zu treiben: Russland, wen sonst. Das habe sich, so suggeriert der Aufmacher der FAS, milliardenschweren Schadenersatzforderungen deutscher Abnehmer russischen Gases ausgesetzt gesehen und habe diesen mit Hilfe von »höherer Gewalt« einen Riegel vorschieben wollen. Nur, dass sich diese Schadenersatzforderungen auf Lieferausfälle vor der Zerstörung der Pipelines bezogen und daher auch durch ein später eingetretenes Ereignis wie deren Sprengung nicht vom Tisch geschafft werden können. War es im übrigen nicht die FAZ selbst, die, sogar in einem Beitrag desselben Autors Konrad Schuller, erst im November 2024 durch ein Exklusivinterview mit einem in Hausarrest sitzenden ukrainischen Geheimdienstler namens Roman Tscherwinskij, die These von der ukrainischen Urheberschaft untermauert hatte? Nach Lage der Dinge vermutlich, um von der Hypothese des US-Journalisten Seymour Hersh von der amerikanischen Urheberschaft des Anschlags abzulenken. Selten wurde deutlicher, dass Schuller höchstwahrscheinlich Auftragsarbeiten abliefert.

Genau an die Hersh-These knüpfen jetzt laut Welt übrigens amüsanterweise die Verteidigerinnen des in Italien inhaftierten und inzwischen in Deutschland einsitzenden Sergij K. an: Die Ukrainer hätten auf Anweisung der CIA und mit deren logistischer Vorbereitung gehandelt und seien daher von den USA vorgeschoben worden. Polen hielt die ukrainische Spur dagegen offenbar für hinreichend plausibel, um einen bei Warschau ausgemachten weiteren mutmaßlichen ukrainischen Attentäter im Oktober nicht an die BRD auszuliefern. Und denen soll man noch ein Wort glauben?

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  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (1. Dezember 2025 um 15:31 Uhr)
    Ein Volk, das sich seiner Geschichte nicht mehr erinnert, ist wie ein Mensch, der sein Gedächtnis verloren hat. Und beiden kann man die dicksten Lügen erzählen sowie die absonderlichsten Zumutungen auftischen.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (1. Dezember 2025 um 10:54 Uhr)
    Dass an dieser Geschichte etwas nicht stimmt, ist offensichtlich. Erstens: Ein deutsch-russisches Milliardenprojekt wird gesprengt – und dennoch gelingt es den führenden Mächten der Welt bis heute nicht, Täter oder Auftraggeber zweifelsfrei zu benennen. Zweitens: Die Operation scheint so angelegt gewesen zu sein, dass mögliche Kleintäter – sollten sie gefasst werden – als Sündenböcke dienen könnten, während die eigentlichen strategischen Verantwortlichen im Dunkeln bleiben. Drittens: Unter den potenziellen Auftraggebern erscheinen die USA für viele Beobachter besonders plausibel – nicht zuletzt, weil Präsident Biden kurz vor dem russischen Einmarsch erklärte: »Wenn Russland einmarschiert, wird es kein Nord Stream 2 mehr geben«, und auf die Frage, wie er das erreichen wolle, antwortete: »Ich verspreche Ihnen, dass wir es schaffen werden.« Solche Aussagen lassen zumindest die Möglichkeit offen, dass die USA erheblich mehr über die spätere Sabotage wussten oder damit zu tun hatten, als sie öffentlich einräumen. Fazit: Wer solche ‚Freunde‘ hat, braucht keine Feinde mehr.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Christoph H. (30. November 2025 um 21:34 Uhr)
    Der polnische Staat (Justiz/Regierung) muss gar nicht wissen, wer es war – er würde jeden Verdächtigen decken. Aber immer noch lustig, sich daran zu erinnern, wie die Russenfresser die Sprengung bejubelten und gleichzeitig Moskau in die Schuhe schieben wollten. Und übrigens sollte auch die jW allmählich dem Gedanken nähertreten, dass Täter an Tatfahrzeugen unabsichtlich Spuren hinterlassen. Soll schon vorgekommen sein.

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