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Aus: Ausgabe vom 29.11.2025, Seite 10 / Feuilleton
Noiserock

Missratene Welt

Gesäge mit Ausstrahlung: Kreisky spielten im Wiener WUK
Von René Hamann
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Vier laute Murmeltiere: Kreisky

So eine Record-Release-Party ist schon etwas Besonderes, setzt aber die Gruppe auf der Bühne, sagt Franz Wenzl, der Sänger, leicht unter Druck. Gerade in Wien, wenn die geballte Presse vor Ort ist, um zu schauen, wie die Band nach all den Jahren – es sind derer zwanzig mittlerweile – heute so drauf ist. In Bregenz, so Wenzl, wäre das alles furchtbar egal. Da würden Kreisky spielen, und die Leute wären da, weil sie sich auf der Suche nach Pizza in diesen schmucken früh-, jetzt postindustriellen Ort wohl eher auf das Konzert verirrt hätten, und das würden sie dann halt so mitnehmen, so der auch als Austrofred bekannte Sänger. In Hamburg hingegen würden sie sich eher wie Murmeltiere aus den Alpen geben, klein, süß, aber oho.

Tatsächlich waren die Leute am Mittwoch im Wiener WUK der Band ohnehin zugetan. Menschen, die sich rund um die große Fünf bewegen und so oder so eine subkulturelle Vergangenheit haben, etwas mehr Männer als Frauen, sahen aufmerksam nach oben, freuten sich über den Krach und grölten nur allzu gern die alten Schlager mit, von denen Kreisky in diesem Zusammenhang ja schon auch einige haben (man denke an »Scheiße, Schauspieler«). In anderen, bundesdeutschen eher weniger. Sie sind halt nicht so groß wie Wanda oder Bilderbuch, haben nicht die diskursgestählte Ausstrahlung der Hamburger Schule. Vergleichen ließe sich die vierköpfige Band eher mit einer Urkraft wie der Berliner Band Mutter: sägende Gitarre, hammerhartes Schlagzeug, ein Bass, der metalgeschulte Läufe kann, dazu ein schreiender, nichtsdestoweniger einfühlsamer Sänger mit dieser gewissen eigenartigen Ausstrahlung.

Dazu passt denn auch Kreiskys neues Album »Adieu Unsterblichkeit«: Der Name ist Programm. Es ist musikalisch wie textlich mürrisch, düster, dünkelnd; nicht so umwerfend und um sich werfend wie der eher poppig geratene Vorgänger »Atlantis«, von dem sie fast auch konsequent kein Stück spielen an diesem Albumpremierenabend. Auf »Adieu Unsterblichkeit« geht es um den Tod, um die missratene Welt, um versunkene Schiffe, um die Absurdität des Alltags in der digital verstrahlten Gesellschaft. »Ich hatte einst ein gutes Gehirn / heute denkt es immer dasselbe«, das ist so lustig wie morbide, genauso wie die Replik auf »Nichts ist tot« eben »Alles ist untot« lauten muss. Und das kann Wenzl: uneigentliches Singen sozusagen. Bei allem Künstlerego, das ausstrahlt.

Dieses auch das Publikum verachtende Moment, das bei älteren Nummern wie »Bitte bitte« blendend ausgelebt werden kann, fällt bei so einer Albumpremiere natürlich um einiges milder aus. Vielleicht liegt es auch daran, dass allen im Publikum die Welt genauso »abhanden« kommt, alle also den Weltverdruss mitfühlen und das Gesäge und Gerumpel oben auf der Bühne nicht persönlich nehmen müssen. Die Welt ist blöd, zum Glück gibt es Kreisky. Vielleicht kann man einfach sagen, dass die Band sich und ihrem Publikum eine gute Zeit gemacht hat an diesem Wiener Voradventsabend. Draußen wartet eh wieder nur der Irrsinn.

Kreisky: »Adieu Unsterblichkeit« (Wohnzimmer Records)

Konzerte in Österreich:

29.11., Argekultur, Salzburg; 17.12., Treibhaus, Innsbruck; 18.12., Spielbodenkantine, Dornbirn; 20.12., Kulturverein Röda, Steyr

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