Russe
Von Jürgen Roth
Ein Leser aus Berlin beanstandet und mäkelt herum: »Ziemlich oft sind die Nachrichten aus der Provinz gut lesbar und amüsant. Sie sind es nicht mehr, wenn die Sauferei zu offensichtlich die Regie über den Inhalt der Geschichten übernimmt. Also: Mehr Nüchternheit wagen!«
Also: Zum einen nehme ich keine Befehle entgegen. Zum anderen ist der Haupthandlungsort dieser Serie, wie schwerlich zu übersehen, weder ein Dritte-Welt-Laden noch eine Teestube, sondern eine Schrammelbude, in der der Pflege der abendländischen Kultur gefrönt und folglich gesoffen wird (siehe Josef H. Reichholf: »Warum die Menschen sesshaft wurden«, S. Fischer, 2008).
Ohnehin wundere ich mich bisweilen darüber, warum manche Leser – erstens – Autofiktion, die aus vielerlei Erfahrungs- und Beobachtungsfragmenten komponiert ist, nicht von der planen Realität unterscheiden und – zweitens –, statt zu meckern, nicht selber Texte verfassen, mit denen sie die Zeitung, die sie kaufen, füllen.
Freund Kapielski schreibt mir: »Meine Kneipen ertrage ich nicht mehr – sie glotzen alle ins Händi und erzählen sich, was sie im Fernsehn verlautbart bekommen haben.« Hier das gleiche. Rundherum pausenlos Gewische, und ungefragt trägt man mir nichtige Unfallgeschehnisse zu oder zeigt mir Videos, in denen Leute übertölpelt und ihnen Torten ins Gesicht gedrückt werden.
Christoph Türcke hat die Deformation und Abstumpfung durch Bildmaschinen, die mittels »eskalierender Wiederholung« ein amorphes Leben erzeugen, bereits 2012 in seinem Buch »Hyperaktiv!« (C. H. Beck, 2012) als »Kulturstörung« und als Symptom einer phylogenetischen Phase analysiert, »in der sich menschliche Aufmerksamkeit als ein verlierbares Gut herausstellt«.
Immerhin spielen der Dirk, der Josef und ich seit einiger Zeit ziemlich unnachgiebig entweder Schnauz oder Lügenmäxchen. Dass die Bildmaschinen zudem propagieren, weiß man. Aber neulich rastete Dirk richtig grässlich aus, nachdem ich den Fehler begangen hatte, auf den Ukraine-Krieg zu sprechen zu kommen. Der Russe gehöre radikal bekämpft, ausgebombt, ausradiert, schrie Dirk, schmiss die Karten hin, brüllte: »Diese Scheiße tue ich mir nicht mehr an!« und stampfte davon. Auch mein unparteiischer Einwand, ein Krieg gegen eine Atommacht führe zwangsläufig zur totalen Vernichtung, hatte nichts genützt. Nach Corona nun der Russe. Im Volksleben herrscht eine einzige Gewalt: der mediale Indoktrinationsapparat, die Kirche der Gegenwart. Sogar der besonnene Josef, der nette Kerl, meinte: »Der Russe muss weg, aber werggli.«
Zum Glück schneite Chris der Trucker herein. Er klemmt sich selten ans Smartphone und erzählt lieber, zum Beispiel, die Polizei habe ihn vorgestern am Sternplatz gestoppt und ihm auf Grund von »Joyriding« einen Strafzettel über dreißig Euro verpasst.
»Weswegen?« fragte ich ihn. »Cruisen! Ich musste dreimal nach Windsbach, Sachen hinbringen und abholen, und die hatten mich observiert und behaupteten, ich sei zum Spaß herumgegurkt.«
»Na und? Das wäre ja nicht strafbar!« sagte ich. »Doch«, sagte Chris. »Nie und nimmer!« Ich glaubte ihm das nicht.
Er kramte sein Telephon raus und zeigte mir die StVO: § 30 Abs. 1 unnützes Hin- und Herfahren erfülle den Tatbestand einer Ordnungswidrigkeit.
»Wo leben wir denn?« murmelte ich. »Weißt du doch«, nuschelte Chris in seinen Holzfällerbart.
Zu Hause schaute ich Christopher Nolans avanciert gebauten, brillanten und bedrückenden Film »Oppenheimer« von 2023. »Ich lehre etwas, von dem hier niemand zu träumen wagt. Aber wenn bekannt wird, was man damit machen kann, gibt es kein Zurück mehr«, sagt der Protagonist.
Die unausgesetzte »entsetzliche Offenbarung göttlicher Macht«, dargestellt in einer mathematischen Formel, berührt die heutigen Betäubten nicht einen Moment. Ich erinnerte mich an unsere Bonner Jahre, in denen ich einmal Leonid Breschnew getroffen hatte, der 1978 an der Godesberger Redoute mit Helmut Schmidt im Mercedes Pullman an mir vorbeigerollt war – jener Russe, der 1973 auf dem Petersberg einen Benz, ein Geschenk von Gastgeber Willy Brandt, besoffen zu Schrott gecruist hatte.
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