Immer mehr Stress
Von Gudrun Giese
Die Bundesbürger fühlen sich zunehmend gestresst. Das ist das zentrale Ergebnis einer aktuellen Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK), die am Mittwoch in Berlin präsentiert wurde. Für die Erhebung wurden im Mai dieses Jahres 1.407 Männer und Frauen ab 18 Jahren zu ihrem Stressempfinden und den dafür verantwortlichen Auslösern befragt.
Insgesamt sagen 66 Prozent der Befragten von sich, oft oder manchmal unter Stress zu leiden. Lediglich acht Prozent der Menschen empfinden keinerlei Stress. 26 Prozent der Befragten berichten, selten gestresst zu sein. Gegenüber den drei Vorgängerauswertungen von 2013, 2016 und 2021 zum Thema Stress stieg das Belastungsniveau kontinuierlich um insgesamt fast zehn Prozentpunkte an: Bei der ersten Befragung hatten noch 57 Prozent über regelmäßigen Stress geklagt, 2016 waren es 60 Prozent und im Coronajahr 2021 bereits 64 Prozent.
Interessant sind die erheblichen Unterschiede, die sich zwischen den Geschlechtern, den Altersgruppen sowie den Regionen auftun: 71 Prozent der Frauen geben an, sich gestresst zu fühlen, gegenüber 60 Prozent der Männer. Immens sind die Unterschiede je nach Alter: Während 83 Prozent der unter 40jährigen sich oft oder manchmal überlastet fühlen, sind bei der Kohorte der Älteren über 60 Jahre nur 38 Prozent belastet. Sehr stark unter Stress stehen mit 88 Prozent Familien mit Kindern. Und die Region mit den am stärksten gestressten Menschen ist Berlin-Brandenburg; 78 Prozent fühlen sich hier überlastet.
Zu den Ursachen: Männer belasten der Erhebung zufolge insbesondere die Arbeit, Frauen und der hohe Anspruch an sich selbst. Deutlich gestiegen ist die Nennung der (vorgegebenen) Stressfaktoren politische und gesellschaftliche Polarisierung, Angst vor Terrorismus und um die innere Sicherheit, Sorgen um den Wirtschaftsstandort sowie den eigenen Wohlstand. Der Klimawandel als starker Stressor rangiert hingegen an letzter Stelle.
Für eine Krankenkasse sei überbordender Stress ein wichtiges Thema, erklärte bei der Ergebnisvorstellung vor der Bundespressekonferenz der TK-Vorstandsvorsitzende Jens Baas. Denn auch wenn ein gewisses Maß an Stress zum Leben gehöre, führten ausufernde Belastungen und Sorgen zu gesundheitlichen Folgen wie Schlafstörungen, Rückenbeschwerden, Muskelverspannungen, innerer Unruhe und Erschöpfung. Gerade wenn Menschen keinen Einfluss auf die stressauslösenden Faktoren hätten – etwa auf Krieg oder Wirtschaftskrisen – sei der Umgang mit den Belastungen besonders schwierig.
Befragt wurden die Teilnehmer gleichwohl zu ihren Strategien zur Stressbewältigung, die sehr vielfältig und ebenfalls je nach Geschlecht unterschiedlich ausfallen. So machten Frauen eher Yoga oder träfen sich mit Freundinnen zum Einkaufsbummel oder zu Gesprächen, während Männer einem Hobby nachgingen oder Sport trieben. Genannt wurden zudem Kochen und Essen, Fernsehen, Lesen, Internet und Musizieren. Politischer Protest, Streik oder Demonstrationen gegen die bestehenden Zustände tauchten bezeichnenderweise nicht in der Liste auf.
Vorschläge zum noch besseren individuellen Umgang mit Stress kamen von Judith Mangelsdorf, Professorin für positive Psychologie an der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport. Erwartungsgemäß hielt sie sich bei ihren Vorschlägen nicht mit den Stressauslösern auf, also beispielsweise mit der zunehmenden Belastung durch die Erwerbsarbeit, der Angst vor Arbeitslosigkeit, den Sorgen vor Krieg, Katastrophen und Klimawandel, sondern setzte beim Individuum an, das vor allem lernen solle, mehr Resilienz zu entwickeln. Doch gesellschaftspolitische Probleme und Konflikte sind noch nie durch individuelle Verhaltensänderungen gelöst worden. Der zunehmende Stress könnte insofern als sehr gesunde Reaktion vieler Menschen auf reale Sorgen und Nöte begriffen werden. Positives Denken zur Abwehr von Negativentwicklungen darf man dagegen als gänzlich verkehrtes Rezept ansehen.
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