Bis aufs Blut
Von Marc Hairapetian
»Leben, ohne zu verletzen. Das ist mein Leitsatz«, sagte Udo Kier mir im Interview während der Berlinale 2015, bei der er den Special Teddy Award entgegennahm. Hinter seinen stechenden, blau-grünen Augen verbarg sich eben doch eine sanfte Seele. Vor der Kamera konnte sich der Sohn einer Schneiderin, der seinen leiblichen Vater nie kennenlernte, freilich ganz schön austoben.
Das Durchsetzungsvermögen hatte Udo Kierspe, so sein Geburtsname, wohl von seiner Mutter geerbt. Diese hatte nach seiner Geburt am 14. Oktober 1944 einen Bombenangriff auf das Krankenhaus in Köln-Lindenthal überlebt und sich mit ihrem Säugling unbeschadet aus den Kriegstrümmern befreit. Vom Messdiener avancierte der Heranwachsende mit den fast mädchenhaften Zügen zum männlichen Mannequin. Nach einem Abstecher als 19jähriger ins Swinging London, wo er tagsüber kellnerte und abends die Schauspielschule besuchte, mischte er in Rom und New York die Undergroundszene auf.
Zurück in Europa gab Kier, wie er sich bald nannte, in »Hexen bis aufs Blut gequält« (1970) einen sich auflehnenden Lehrling eines Inquisitors. Im Horrorgenre wurde er immer wieder besetzt, etwa in »Andy Warhols Frankenstein« (1973) und dem Nachfolger »Andy Warhols Dracula« (1974), jeweils in der Titelrolle. In Dario Argentos poppigem Gruselmeisterwerk »Suspiria« (1977) war er als unheimlicher Psychiater dabei. Nach seiner Rolle als schwuler Freier in Gus Van Sants Roadmovie »My Private Idaho« (1991) eroberte Udo Kier auch Hollywood. Der »Kölsche Jung«, der seinen Akzent nie ganz verbergen konnte, spielte in insgesamt über 200 Filmen mit, von denen nach eigenem Bekunden »100 schlecht, 50 nur mit ein paar Gläsern Wein zu ertragen und 50 gut« gewesen seien. Kier war auch selbstironisch. Meistens brillierte er in Nebenrollen.
In Todd Stephens’ Independentproduktion »Swan Song« (2021) dagegen übernahm Kier die Hauptrolle als aus dem Seniorenheim entfliehender, ehemaliger Promifriseur. Dafür gab es viel Wertschätzung von den Feuilletons. Mit dessen Lieblingen Rainer Werner Fassbinder und Lars von Trier arbeitete Kier oft zusammen, mit Christoph Schlingensief schuf er einige Trash-Perlen wie »100 Jahre Adolf Hitler« (1989). Schlingensief drehte 1992 für den WDR das fiktive Porträt »Udo Kier – Tod eines Weltstars«, in dem er als »Kultur extra«-Moderator die letzten Stunden des Schauspielers begleitet. Zum Glück für das Publikum dauerte es bis zu dessen Tod noch über drei Jahrzehnte. Nun ist Udo Kier am 23. November in Palm Springs 81jährig verschieden. »Ich bin im Film schon so oft gestorben. Ich weiß wirklich, wie das geht«, hatte er einmal gesagt. Der internationale Film ist ärmer ohne ihn.
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