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Aus: Ausgabe vom 22.11.2025, Seite 2 / Ansichten

Bloß kein Frieden

Mit den Bedingungen, die die USA für ein Ende des Sterbens an der Ostfront vorschlagen, sind bellizistische Journalisten unzufrieden
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In der EU und ihren Mitgliedstaaten ist man in hellem Aufruhr: Schon wieder droht in der Ukraine ein Frieden auszubrechen, dessen Bedingungen nicht zum eigenen Vorteil sind. Am Donnerstag haben die USA der Ukraine einen 28 Punkte umfassenden Friedensplan präsentiert, der unter anderem Gebietsabtretungen, Demilitarisierung und eine Absage der angepeilten NATO-Mitgliedschaft vorsieht.

»Der Versailler Vertrag lässt grüßen«, titelte die FAZ rigoros. Nur würde nun vom »Überfallenen« verlangt, was damals dem »Aggressor« aufgenötigt worden sei. Dass für die Bedingungen eines Friedens nicht halbgare historische Analogien, sondern die Kräfteverhältnisse auf dem Schlachtfeld ausschlaggebend sind, scheint man in Frankfurt am Main nicht wissen zu wollen. Oder man hält es wie viele EU-Spitzenpolitiker: Russland muss geschwächt werden, und zwar bis zum letzten Ukrainer. Das legt zumindest der obligatorische Vergleich von Putin und Hitler nahe: »Auch das Münchner Abkommen lässt grüßen.« Der Plan sei »für ein souveränes Land« wie die Ukraine jedenfalls »unerträglich«. Wie unsouverän die Ukraine tatsächlich ist, zeigt allerdings schon die Umschreibung »Trump-Friedensplan« an, die man bei der Frankfurter Rundschau nebenan pejorativ gebraucht.

Bei Le Figaro in Paris ist man schon einen Schritt weiter und weiß: »Die diplomatischen Annalen sind voll von großartigen Friedensplänen, die nie umgesetzt wurden. (…) Selbst der Kreml scheint kaum daran zu glauben und hält sich zurück.« Der Krieg geht also weiter – hurra! Ein »dauerhafter Frieden« müsse »gerecht sein«. So hat gut reden, wer sich selbst und seinem Publikum seit 2022 einbläut, dass es sich beim Ukraine-Konflikt um einen gerechten Krieg und nicht um die militärische Aufteilung von Einflusssphären handelt. Folgerichtig stellt man die Frage: »Glaubt Trump wirklich, dass der Weg zur ›Befriedung Europas‹ darin besteht, Kiew der Gnade Wladimir Putins zu überlassen?« Zwei Hinweise für die Redaktion: Erstens ist Trump gar nicht der Friedensstifter, der er vorgibt zu sein, zweitens hat die Ukraine des Präsidenten Gnade offenbar verspielt.

Je kürzer die Ostfront vom eigenen Schreibtisch entfernt ist, desto schriller werden die Töne. »Dieser Plan ist verrückt«, hieß es in der Aktuálně aus Prag. »Einzige Hoffnung« der Ukraine sei nunmehr Putin, der womöglich »noch mehr will«. Denn: »In seinen Augen ist ein russisches Imperium ohne die Ukraine kein Imperium.« Und jeder anständige Schreibtischtäter weiß doch, dass das EU-Imperium ohne die Ukraine kein echtes Imperium ist.(nu)

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (23. November 2025 um 17:37 Uhr)
    Blinde Kuh des Tages: Medien. Diese Journalistinnen und Journalisten sind nicht nur bellizistisch, sondern auch historisch erstaunlich blind. Der Versailler Vertrag »grüßt« hier ganz bestimmt nicht. Deutschland und die Mittelmächte hatten den Ersten Weltkrieg zwar begonnen, aber sie verloren ihn in einer Lage, in der kein einziger feindlicher Soldat auf deutschem Kernterritorium stand – eine völlig andere strategische und militärische Ausgangssituation als heute. Gegenwärtig sieht die Lage nämlich umgekehrt aus: Der »Aggressor« Russland verfügt auf dem Schlachtfeld sowie territorial, wirtschaftlich und demografisch über klare Vorteile. Genauso wenig taugt jedoch die USA zur Rolle des neutralen Friedensstifters oder »Richters«, da sie selbst in den Krieg involviert ist. Nach meiner Einschätzung ist der US-Plan deshalb weder für die Ukraine noch für die strategischen Interessen der EU problemlos akzeptabel. Hinzu kommt die jüngste Rhetorik aus Moskau: Putin verkündet in Militäruniform die Einnahme weiterer Städte im Osten der Ukraine und bezeichnet die Führung in Kyjiw als »kriminelle Bande«. Damit entsteht ein mediales Gesamtbild, das nahezu apokalyptisch wirkt.
    • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude (24. November 2025 um 13:06 Uhr)
      »Hinzu kommt die jüngste Rhetorik aus Moskau: Putin verkündet in Militäruniform die Einnahme weiterer Städte im Osten der Ukraine und bezeichnet die Führung in Kyjiw als ›kriminelle Bande‹.« Sehr geehrter Herr Hidy, sie ist nicht nur korrupt, sondern auch völkerrechtlich kriminell, weil sie den Gebrauch der russischen Sprache im Alltag teils unter Strafe stellt, einer Sprache, die von der Bevölkerung mehrheitlich verwendet wird. Ihr Satz beinhaltet allerdings ebenfalls eine vielsagende Rhetorik. Die russische Hauptstadt Moskva darf man selbstverständlich eingedeutscht Moskau nennen, so wie wir ja auch »Warschau, Prag und Paris« nicht in den dortigen Landessprachen gebrauchen. Das wiederum geht gar nicht bei der ukrainischen Hauptstadt, die sie pflichtbewusst »Kyjiw« nennen, obwohl da nach ukrainischen Erhebungen 80 Prozent der Schüler auf dem Schulhof und im Alltag über 50 Prozent der Gesamtbevölkerung russisch sprechen und die Stadt wie schon seit Jahrhunderten zuvor Kiew nennen, zufällig gleich lautend wie auf deutsch. Na, wir wollen doch hier nicht gegen die Auflagen der ukrainischen Sprachpolizei verstoßen.
  • Leserbrief von Reinhold Schramm aus Berlin (23. November 2025 um 09:40 Uhr)
    Der Bürgerkrieg kommt in den Westen. Ein Auszug aus der Schlussfolgerung eines Beitrags von David Betz in der Zeitschrift für Militärstrategie: »Die Anerkennung der Möglichkeit eines Bürgerkriegs im Westen findet sich in der Politik und verwandten Kommentatoren sowie in einer Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten. Viele Menschen leugnen es immer noch oder sind zögerlich, darüber zu sprechen. Vielleicht fürchten sie eine Art ›Sicherheitsdilemma‹, das auftreten könnte; Wenn Menschen überzeugt werden, dass ein Bürgerkrieg bevorsteht, weil wichtige Personen es sagen, könnten sie sich so verhalten, dass sie ihn verursachen oder beschleunigen. Ebenso könnte man vermuten, dass manche die Wahrheit kennen, aber fraktionsgebunden in den Konflikt investiert sind und sich lediglich positionieren, wer von der Geschichte als der erste Schuss angesehen wird. (…) Das Ergebnis ist gesellschaftlich gesehen eine verstärkte Spirale, die an die Eröffnungszeilen von Yeats’ berühmtem ›The Second Coming‹ erinnert. Drehen und drehen sich im sich verbreiternden Wirbel. Der Falke kann den Falkner nicht hören; die Dinge blieben auseinander; das Zentrum kann nicht halten. Tatsache ist, dass die Werkzeuge des Aufstands in Form verschiedener Zubehörteile des modernen Lebens einfach herumliegen, das Wissen darüber, wie man sie einsetzt, weit verbreitet ist, Ziele offensichtlich und unverteidigt sind, und immer mehr ehemals gewöhnliche Bürger scheinen bereit zu sein, den Schuss zu schießen.« Autoreninfo: David Betz ist Professor für Krieg in der modernen Welt am Department of War Studies am King’s College London, wo er das MA-Programm für Kriegsstudien leitet. Vgl. Quelle: Bürgerkrieg kommt in den Westen – Zeitschrift für Militärstrategie – – – 23.11.2025
  • Leserbrief von B.S. aus Ammerland (22. November 2025 um 13:30 Uhr)
    Die pekuniären Zuwendungen sind bereits geflossen, und eine Rückzahlung belastet das Konto, aber nicht das schlechte Gewissen! Kalte Krieger, wie Wüterich Kiesewetter, »werden immer nach ein paar Promille richtig mutig, aber aufpassen, dass man nicht bei den Anonymen strandet!« Auch die EU-Phantasten um Kallas und von der Leyen, besser bekannt als »Uschi von der Kavallerie«, die nur weinen kann, wenn ihr Pony von Bösen Wolf gerissen wurde, Tote Soldaten/innen im Kriegsgebiet fallen da nicht ins Gewicht. Und tote Russen schon gar nicht, sind ja Untermenschen. Das EU-NATO-Establishment kennt nur einen Frieden, und der heißt: die Einnahme Moskaus und Einvernahme der Rohstoffe des Landes. Aber bis dahin wird China nicht warten. Es wäre das nächste Ziel der angloamerikanischen Kriegshetzer.

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