Neue Nähe, alte Brüche
Von Thomas Berger
Die Annäherung zwischen Bangladesch und Pakistan schreitet schneller voran, als viele Beobachter erwartet hatten. Mehr als fünf Jahrzehnte nach dem blutigen Unabhängigkeitskrieg von 1971 suchen beide Staaten den Schulterschluss. Etwas jedenfalls. Jüngstes Beispiel war ein Treffen am Mittwoch (Ortszeit) in Dhaka zwischen Pakistans Botschafter Imran Haider und Bangladeschs Innenminister der Übergangsregierung, Jahangir Alam Chowdhury. Im Mittelpunkt stand die polizeiliche Zusammenarbeit – von Auslieferungen über gemeinsame Ausbildungsprogramme bis hin zur Lieferung von Ausrüstung wie gepanzerten Fahrzeugen.
Doch die sicherheitspolitische Kooperation ist nur ein kleiner Teil einer breiteren Agenda. Islamabad und Dhaka wollen ihre wirtschaftlichen Beziehungen deutlich ausbauen. Der bilaterale Handel, lange Zeit kaum existent und zuletzt bei rund einer Milliarde US-Dollar stagnierend, soll neuen Schwung erhalten. Ende Oktober tagte nach 20 Jahren Pause erstmals wieder das Joint Economic Forum (JEF) in Dhaka. Ölminister Ali Pervaiz Malik führte die pakistanische Delegation, Finanzminister Salehuddin Ahmed die Gastgeber. Diskutiert wurden Projekte in Handel, Energie, Landwirtschaft, Luftfahrt, IT, Schiffahrt und Pharmaindustrie.
Von einer »bemerkenswerten Entwicklung« ist auf beiden Seiten die Rede. Für Bangladesch markiert die Öffnung Richtung Pakistan einen deutlichen Kurswechsel: Jahrzehntelang orientierte sich das Land eng an Indien. Doch seit dem Sturz von Langzeitpremier Scheich Hasina im August 2024 und den darauffolgenden Spannungen mit Neu-Delhi sucht Dhaka neue Partner. Pakistan reagiert mit offenen Gesten, bietet etwa die Nutzung des Hafens Karatschi für bangladeschische Exporte an und zeigt Interesse an Jute-Importen. Indien hatte seine Einfuhren zuletzt stark reduziert – die Erlöse Bangladeschs brachen dadurch um mehr als 70 Prozent ein.
Ob beide Länder gleichermaßen profitieren, bleibt fraglich. Bangladesch verzeichnet seit Jahren Wachstumsraten von mehr als sechs Prozent und strebt für 2025 sogar 7,5 Prozent an. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 411 Milliarden US-Dollar liegt es inzwischen vor Pakistan, dessen Wirtschaft mit 347 Milliarden stagniert und stark vom Internationalen Währungsfonds (IWF) abhängig ist. Dhaka verfügt über 31 Milliarden US-Dollar an Devisenreserven und erzielt jährliche Exporteinnahmen von 52 Milliarden, vor allem durch die Textilindustrie. Pakistan dagegen kämpft mit hohen Schulden und muss jährlich rund 25 Milliarden US-Dollar bedienen – eine Last, die seine ökonomische Handlungsfähigkeit deutlich einschränkt.
Hinzu kommt die politische Dimension: Während Bangladesch nach dem Machtwechsel im Sommer 2024 innenpolitisch turbulente Monate durchlebt, versucht die Übergangsregierung, außenpolitisch neue Stabilität zu gewinnen. Pakistan wiederum sieht in der Annäherung die Chance, seine internationale Isolation zu durchbrechen und sich als verlässlicher Partner in Südasien zu präsentieren. Für beide Seiten ist die Kooperation daher nicht nur ökonomisch, sondern auch symbolisch bedeutsam. Sie signalisiert, dass alte Konflikte nicht zwangsläufig ewig bestehen müssen.
Dennoch bleibt Skepsis angebracht. Die strukturellen Unterschiede sind groß, die Interessen nicht deckungsgleich. Während Bangladesch auf Exportsteigerungen und neue Absatzmärkte setzt, hofft Pakistan vor allem auf Investitionen und finanzielle Entlastung. Das bedeutet: Die neue Nähe könnte das geopolitische Gefüge in Südasien verändern – und die Entwicklung könnte Indien weiter unter Druck setzen, seine eigene Rolle in der Region neu zu definieren.
Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug
Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
Mohammad Ponir Hossain/REUTERS27.02.2025Eine symbolträchtige Schiffsladung Reis
Mohammad Ponir Hossain/REUTERS18.11.2024Wettlauf gegen die Zeit
Akhtar Soomro/REUTERS05.12.2023Demontierte Öltanker
Regio:
Mehr aus: Kapital & Arbeit
-
Ohne Kommentar
vom 20.11.2025 -
Warum ist Holz beim Heizen kein nachhaltiger Rohstoff?
vom 20.11.2025 -
Der Iran verdurstet
vom 20.11.2025