Billig, praktisch – schlecht
Von Oliver Rast
Sie sind bunt, grell – und wirken verführerisch: Verpackungen von Lebensmitteln in Supermarktregalen. Der Inhalt verspricht Genuss bei geringem Aufwand. Mikrowelle anschalten, zwei Minuten warten – und verzehren. Bequem und günstig.
Doch die Folgen des Dauerverzehrs von hochverarbeitetem Essen (englisch »ultra-processed food«, UPF) sind gravierend, berichtete die FAZ am Mittwoch online unter Berufung auf eine dreiteilige Studie im Fachjournal The Lancet. Denn die Multis aus der Nahrungsmittelbranche verdienen mit billigen Zutaten und aggressivem Marketing Milliardensummen – und setzen dabei die Gesundheit der Konsumenten geflissentlich aufs Spiel. Tiefkühlpizza, Dosengemüse und Softdrinks machen krank. Langfristig jedenfalls. »Wir brauchen eine globale Antwort, ähnlich wie im Kampf gegen die Tabakindustrie«, mahnt Studienmitautor und Ernährungsforscher Phillip Baker.
Die Konzerne wissen, wie sie ihre Ware unters Volk bringen: Zucker getarnt als Glukosesirup, Fett als »pflanzliches Öl«, künstliche Aromen und Farbstoffe sorgen für Geschmack und Optik. Was wie Vielfalt wirkt, ist monopolisiert – Nestlé, Unilever, Coca-Cola und Mondelez kontrollieren die Lebensmittel- und Getränkeherstellung, dominieren den Großteil des Angebots. »Wir leben in einer Illusion von Auswahl«, hatte der Gründer der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch, Thilo Bode, einmal gesagt. Und während die Werbung Bauernhöfe zeigt, stammen die Rohstoffe aus industrieller Landwirtschaft, Monokulturen und globalen Lieferketten. Mit einem Umsatz von 1,9 Billionen US-Dollar im Jahr 2023 ist der Sektor der profitabelste Teil der globalen Lebensmittelbranche. Tendenz steigend. »Die Lebensmittelsysteme sind so gebaut, dass hochverarbeitete Produkte Vorrang haben«, betonen die Studienautoren. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis gezielter Lobbyarbeit.
Ein Konsum, der Fettleibigkeit, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigt. In Deutschland ist bereits ein Viertel der Erwachsenen adipös. Die Kosten für das Gesundheitssystem steigen. Besonders Kinder sind gefährdet: UNICEF spricht von einer »dringenden Bedrohung für die Gesundheit im 21. Jahrhundert«. Schulen und Freizeiteinrichtungen werden von Sponsoringverträgen überschwemmt, die den Konsum von Fertigprodukten normalisieren, monieren die Studienautoren.
Gleichzeitig verschärfen Multis »die soziale Schieflage«. Während Fertigprodukte billig bleiben, sind Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte für viele unerschwinglich. Die WHO warnt vor einer »stillen Krise der Ernährungsarmut«: Millionen Menschen können sich gesunde Lebensmittel schlicht nicht leisten. Ernährungsarmut bedeutet nicht nur Hunger, sondern auch eine einseitige Versorgung mit minderwertigen Kalorien. In einkommensschwachen Ländern steigt der Absatz von UPFs besonders stark, während in reichen Ländern wie in den USA oder in Großbritannien bereits rund die Hälfte der täglichen Nahrung aus solchen Produkten besteht. Deutschland liegt im internationalen Vergleich ebenfalls weit vorn: Fastfood, Snacks und »Billigfleisch« verdrängen frische Lebensmittel aus dem Alltag.
Was tun? Steuern auf ungesunde Produkte, Werbeverbote, Qualitäts- und Frischestandards für Kantinen – fordern die Studienmacher. Einfach wird das nicht. Denn die Branchenriesen blockieren behördliche Regulierungen – mittels eines Netzwerkes von Tarnorganisationen, Multi-Stakeholder-Initiativen und Forschungspartnern, die etwa Zweifel an wissenschaftlichen Erkenntnissen hinsichtlich ultraverarbeiteter, nährstoffarmer Lebensmittel schüren. Mit Erfolg.
Und deshalb bleibt es im Discounter dabei: Neongelbe Preisschilder mit knallroten Lettern prangen in prallgefüllten Regalen: »Aktion!« oder »Jetzt noch billiger!« steht auf ihnen – sie locken, statt zu warnen.
Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug
Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
-
Leserbrief von Joachim Becker aus Eilenburg (20. November 2025 um 10:27 Uhr)Sicher sind Bioprodukte gesünder als die Billigprodukte aus dem Supermarkt. Tatsache ist aber, dass Bioprodukte dafür auch entschieden teurer sind und viele, besonders arme Menschen, sich diese einfach finanziell nicht leisten können. Wenn das Geld für gesunde Lebensmittel nicht reicht, ist man eben auf Billigprodukte angewiesen.
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim Seider aus Berlin (20. November 2025 um 16:46 Uhr)Das wirklich entscheidende Problem ist doch aber: »Das Kapital ist gleichgültig gegenüber dem Gebrauchswert« (Karl Marx). Die Mehrheit kann sich also nicht nur die Bioprodukte nicht leisten, sondern auch die Verhältnisse, die sie zwingen, jeden Dreck zu fressen, den man ihr andreht.
-
Mehr aus: Inland
-
Draußen vor der Tür
vom 20.11.2025 -
Gipfel der Einflussnahme
vom 20.11.2025 -
Datenschutz war gestern
vom 20.11.2025