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Aus: Ausgabe vom 27.08.2025, Seite 12 / Thema
Sport

Auf dem Weg in die Sitzgesellschaft

Bewegungsmangel beim Nachwuchs. Von Nichtschwimmern, Sportmuffeln und viel zu frühem Übergewicht
Von Andreas Müller
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Selbst wenn es die Kinder raus und ins Nasse geschafft haben, übt das Smartphone mitunter noch eine größere Anziehung aus als die sportliche Betätigung

Wenn dieser Tage die neuen ABC-Schützen ihre süßen Tüten schleppen, sind darin unsichtbare Erwartungen von Mama, Papa, Oma und Opa enthalten. Ihre Erstklässler sollen in der neuen Umgebung bitte nicht nur aus der Fibel lernen und das kleine Einmaleins, sondern zugleich ihren kindlichen Bewegungsdrang gründlich ausleben dürfen. Ein schlichter Wunsch, schließlich sollten Sport und Spiel in der Grundschule und darüber hinaus ein dauernder, natürlicher Begleiter sein. Die Schulzeit als ideale Gelegenheit, sportliche Betätigung als Lebenselixier zu entdecken und individuell herauszufinden, welche Disziplinen ganz besonders viel Spaß bringen, welche eher nicht zu den Favoriten gehören und in welchen ungeahnte Talente sichtbar werden. Sportliche Selbsterkenntnis als Lernziel fürs Leben, wenn geturnt, gerannt, gesprungen oder ins Schwimmbecken eingetaucht wird.

Apropos: So manches Kind betritt die Grundschule als wasserscheues Wesen, weiß Christopher Dolz von der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG). »Da haben die Eltern zu Hause einiges versäumt«, berichtet er gegenüber jW. »Das ist erstaunlich. Kopf und Körper unter Wasser, so etwas kann man locker zu Hause in der Badewanne ausprobieren.« Ohne solche Vorübungen muss der Schwimmunterricht doppelt schwerfallen – falls das »nasse Element« überhaupt im Lehrplan vorkommt. Die Konferenz der Kultusminister (KMK) verabschiedete 2017 »Handlungsempfehlungen« für die Bundesländer mit dem Ziel, dass alle Zehn- bis Zwölfjährigen sicher schwimmen können sollen. Die Realität sieht anders aus.

Laut DLRG hat sich die Quote jener Kids, die gar nicht schwimmen können, von zehn Prozent im Zeitraum zwischen 2010 und 2017 bis zum Jahr 2022 verdoppelt. In der Altersgruppe zwischen sechs und zehn Jahren gelten sogar 37 Prozent als Nichtschwimmer. Insgesamt geht die DLRG davon aus, dass zirka sechs von zehn Kindern nach der vierten Klasse »keine sicheren Schwimmer« sind. Zwar könne mehr als die Hälfte von ihnen das »Seepferdchen« vorweisen, was jedoch kein Prädikat für »sicheres Schwimmen« sei. Dafür brauche es mindestens das Schwimmabzeichen in Bronze.

Die Vorgaben der KMK werden klar verfehlt. Ein Fiasko, das primär nicht dem ungenügenden Willen der Grundschulen anzulasten ist, sondern einem katastrophalen Umfeld, das von der »Bäderallianz« Anfang Juli skizziert wurde. Als wundesten Punkt nannte das Bündnis aus 16 Organisationen – vom Bundesverband Deutscher Schwimmeister bis zur Deutschen Vereinigung für Sport- und Freizeitbauten – das unaufhaltsame Bädersterben.

Das Bädersterben

Während zur Jahrtausendwende bundesweit rund 7.800 Schwimmbäder existierten, weist der jüngste Bäderatlas der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen (DGfdB) nur noch rund 6.000 Hallen- und Freibäder aus. Hinzu kommen rund 570 Naturbäder und mehr als 2.430 Badestellen. Bleiben umfassende Sanierungen aus, droht in den nächsten drei Jahren laut »Bäderallianz« weiteren rund 800 Schwimmbädern das Aus, fast jedem siebten. Um dies zu verhindern, brauche es ein nationales Bäderförderprogramm. Dafür solle der Bund über zwölf Jahre hinweg jährlich mindestens eine Milliarde Euro bereitstellen. Als Fernziel wurde formuliert: Jedem Einwohner soll es bis 2041 möglich sein, binnen einer halben Autostunde ein Hallenbad zu erreichen, das für den Schul- und Vereinssport sowie fürs gesundheitsorientierte Schwimmen taugt.

Waren die KMK-Politiker, als sie 2017 gemeinsam ihr schwimmerisches Lernziel ausgaben, so weltfremd, dass sie nichts vom reihenweisen Bädertod wussten? Hatte ihnen niemand verklickert, dass um so weniger Kinder das Schwimmen erlernen können, je weniger Wasserflächen es gibt? Solch Realitätsferne erinnert an andere Versprechen von überforderten, naiven oder einfach dreist lügenden Politikern gegenüber jungen Eltern. So wurde ihnen auch der Anspruch auf einen Kitaplatz garantiert, obwohl es viel zu wenige davon gab.

Der Deutsche Schwimmverband (DSV) hat dem Bädersterben ebenfalls taten- und hilflos zugeschaut. Hat man je gehört, dass der große DSV mit seinen fast 600.000 Mitgliedern sich dieses gesellschaftspolitischen Themas vernehmbar annahm? Und das, obwohl immer mehr Menschen ertrinken. Im Vorjahr starben 411 in den heimischen Gewässern, 31 mehr als noch 2023. Unlängst kamen an einem einzigen Wochenende 15 Menschen zu Tode, die Bilanz für das laufende Jahr 2025 lässt also nichts Gutes erwarten. Opferzahlen scheinen den DSV wenig zu kratzen und nicht zu zeitgemäßer Profilierung anzuregen. Kein Mucks zur Nichtschwimmernation. Wie wäre es zum Beispiel, Lukas Märtens, Paris-Olympiasieger über 400 Meter Kraul und jüngst erstmals Weltmeister in dieser Disziplin, und Florian Wellbrock, im Juli viermal mit WM-Gold im Freiwasser dekoriert, als nationale Botschafter ihres Sports zu gewinnen? Schwimmen ist mehr als ein Badespaß, es ist lebensrettend und fast schon Bürgerpflicht! Wer könnte das überzeugender vermitteln als Stars der Szene, erst recht für Kids?

Mängel bei 80 Prozent

Sorgen bereiten ebenfalls die motorischen Fähigkeiten des Nachwuchses. Ob Springen, Laufen oder Werfen, das elementare Grundrecht auf Bewegung ist ausgehöhlt, natürliche Bewegungsformen verkümmern. Professor Alexander Woll, Chef des Instituts für Sport und Sportwissenschaft (IfSS) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), benannte auf einem Kongress in diesem Jahr das Kernproblem: »Wir beobachten eine systematische Erziehung zur Sitzgesellschaft, brauchen aber genau das Gegenteil, nämlich eine Erziehung zu einer Bewegungsgesellschaft.« Aktuelle Erkenntnisse besagen, dass 80 Prozent aller Kinder und Jugendlichen zuwenig in Bewegung sind – vier von fünf. Alexander Woll weiß bestens um dieses Drama. Von seinem Institut werden seit 2003 in regelmäßigen Abständen großflächig standardisierte Tests im »Motorikmodul« durchgeführt, die sogenannten »Momo-Studien«. Demnach bringen es Mädchen im Alter zwischen sechs und zehn Jahren zum Beispiel im Weitsprung aus dem Stand auf durchschnittlich 1,19 Meter und schaffen 10,8 Liegestütze. Jungen im selben Alter schaffen im Schnitt 1,28 Meter und 11,3 Liegestütze. Nachgelassen haben die koordinativen Fähigkeiten bei den Vier- bis 17jährigen beim Balancieren oder dem Rückwärtslaufen.

In der »dritten Welle« wurde in 167 Städten und Gemeinden zwischen 2018 und 2020 die sportliche Gesamtaktivität ermittelt. Das Resultat: Vier- und Fünfjährige bewegen sich pro Woche 120 Minuten, davon 42,2 Minuten im Verein sowie 54,9 Minuten in der Schule; Sechs- bis Zehnjährige sind pro Woche 222,6 Minuten aktiv, davon 100,4 Minuten im Verein und 78,8 Minuten in der Schule; bei den Elf- bis 13jährigen sind es wöchentlich 280 Bewegungsminuten, davon 134,4 Minuten im Verein und 66,2 Minuten in der Schule; 14- bis 17jährige sind pro Woche 303,8 Minuten körperlich aktiv, davon 136,8 Minuten im Verein und 69,1 Minuten in der Schule.

WHO-Empfehlung verfehlt

Allein diese wenigen, doch repräsentativen Daten sind ein Politikum und lassen aufhorchen. Die Bundesrepublik Deutschland ist weit davon entfernt, die Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu erfüllen. Deren Empfehlung sieht für Fünf- bis 17jährige körperliche Aktivitäten von täglich mindestens einer Stunde bei »moderater bis hoher Intensität« vor, dazu dreimal in der Woche »kräftigende Einheiten«. Zudem ernüchternd: Der Bewegungsmangel bei Heranwachsenden wäre ohne das Angebot der Sportvereine noch weitaus dramatischer. Wie aus den Statistiken hervorgeht, treiben Kinder und Jugendliche in der Schule deutlich weniger Sport als im Verein, der getrost als »Lückenbüßer« für den völlig vernachlässigten Sportunterricht und damit für staatliche Versäumnisse gelten kann.

Das »unorganisierte Sporttreiben« im Freien, auf Straßen, Wiesen, im Wald oder auf Bolzplätzen, mit dem Jugendliche früher jeden Tag stundenlang ihre Freizeit ausfüllten, kommt bei der »Generation Smartphone« kaum noch vor. »Momo« fand heraus: Von etwas mehr als 83 Minuten pro Woche zu Beginn der 2000er Jahre sank die Quote des spontanen Spiels mit Klassenkameraden oder Nachbarskindern binnen 15 Jahren auf jetzt klägliche 49 Minuten. Tendenz weiter fallend.

Wie unbefriedigend die Lage ist, schilderte Daniel Möllenbeck, Vizepräsident für Schulsport beim Deutschen Sportlehrerverband (DSLV), voriges Jahr gegenüber jW so: »Würde man den allgemeinen Zustand des Sportunterrichts mit einer Note bewerten, dann könnte das nur auf ›mangelhaft‹ hinauslaufen. Drei Stunden pro Woche stehen oft nur auf dem Papier, vor allem die dritte ist reine Makulatur. Bestenfalls finden zweimal 45 Minuten abzüglich der Zeit fürs Umziehen statt. Neulich habe ich von einer 7. Klasse gehört, die nach zwei Jahren des Totalausfalls von Sportstunden erstmals überhaupt eine Sporthalle von innen sah. So etwas tut uns als Sportlehrerverband natürlich extrem weh. Vor allem wenn man weiß, dass der Sportunterricht über sämtliche Klassen- und Altersstufen hinweg bei Schülerinnen und Schülern nach wie vor das beliebteste Fach und darüber hinaus das einzige Bewegungsfach in der Schule darstellt. Dies wird konterkariert.«

Teure Platzhalter

Neben gekappter Sportstunden – oft genug maroden Hallen geschuldet – steht wegen fehlenden Personals zugleich die Qualität des Unterrichts in der Kritik. »Wir gehen davon aus, dass im Grundschulbereich etwa 50 bis 80 Prozent fachfremd unterrichtet wird. In den Klassenstufen darüber in den verschiedenen Schulformen wissen wir es nicht.« Die hohe Quote in den Grundschulen resultiere aus dem »Prinzip Klassenlehrer«. Daniel Möllenbecks Verband beklagt seit längerem eine »Geheimniskrämerei der Länder«. Sie weigern sich seit Jahren, das Ausmaß ausgefallener Sportstunden und fachfremden Personals offenzulegen. Niemandem gelang es bisher, ihr beharrliches Schweigen zu beenden. Dem Bundesbildungsministerium scheinen die Missstände egal zu sein bzw. kann es sich bequem hinter dem Argument verstecken, dass Bildung ja Ländersache ist. Was zur logischen Frage führt, warum wir uns ein solches Ministerium leisten, wenn es im föderativen System nichts zu melden hat.

Ein weiterer, sehr naheliegender Gedanke: Warum gibt es in Berlin unter dem Dach des Justizressorts ein Verbraucherschutzministerium, das bloß zusieht und keinen Finger rührt, wenn es Kinder und Jugendliche vor höchst ungesunden Lebensmitteln und perfiden Manipulationen zu schützen gilt? Wer braucht ein solches Ministerium, wenn es sich partout weigert, zum Beispiel völlig überzuckerte Getränke mit Gebühren zu belegen (wie in Großbritannien), und Kinder nicht davor bewahrt, ernährungstechnisch auf die »schiefe Bahn« zu geraten?

Die Ernährung gehört zum Thema Bewegungsmangel wie die zweite Seite einer Medaille – nicht nur mit Blick auf den Nachwuchs. Wie akut der Handlungsbedarf ist, wie geschickt und vorsätzlich die Lebensmittelindustrie den globalen Trend zur Fettleibigkeit vorantreibt, verdeutlichte unlängst eine Studie aus den USA. Wissenschaftler der Duke University im US-amerikanischen Durham untersuchten den Körperfettanteil und den Energieverbrauch von 4.213 Menschen. Sie wollten genauer wissen, was sich hinter der Binsenweisheit verbirgt, dass Menschen übergewichtig werden, wenn sie mehr Kalorien aufnehmen, als sie verbrauchen. Denn bis dato war unklar gewesen, ob Menschen übergewichtig sind, weil sie zu viele Kalorien zu sich nehmen oder weil sie zu wenige davon verbrauchen, sich also nicht genug bewegen.

Mehr Fettleibigkeit

Primär ausschlaggebend für das Übergewicht, so das Ergebnis der Studie, ist die zu hohe Kalorienaufnahme über ungesunde, weil hochverarbeitete Lebensmittel, wie sie in den Industrieländern besonders verbreitet sind. Dazu zählen vor allem Wurst, Fertigprodukte und Süßigkeiten. Die erhöhte Energiezufuhr über diese Art von »Verführern« und der so verursachte höhere Körperfettanteil trugen zehnmal mehr als der zu geringe Energieverbrauch zum Übergewicht bei. Was die adipösen Treiber besonders gefährlich macht: Sie sind stets verfügbar, vergleichsweise preiswert und werden – dank steter und aggressiver Werbung – übermäßig konsumiert. Hier tut sich ein weites Feld für ein Verbraucherschutzministerium auf, um sich im Sinne aller potentiellen Opfer nützlich zu machen und seinem Namen gerecht zu werden.

Welche Folgen die Mischung aus falscher Ernährung und Bewegungsmangel gerade für Heranwachsende und damit für die Gesellschaft zeitigt, ist zum Beispiel am neuesten »Fitnessbarometer« der Kinderturnstiftung Baden-Württemberg für Jungen und Mädchen im Alter zwischen drei und zehn Jahren abzulesen. Als besorgniserregend stellte Studienautor Klaus Bös insbesondere die zunehmende Fettleibigkeit schon bei Grundschülern heraus: »Im Jahr 2024 wurde ein neuer Höchststand erreicht.« Von den getesteten Kindern seien 15 Prozent übergewichtig, 6,5 Prozent gar adipös oder krankhaft fettleibig. Binnen eines Jahres nahm deren Anteil um 2,8 Prozent zu – und das, obwohl den Kids im »Ländle« attestiert wird, sie seien »fitter« als Gleichaltrige im Bundesdurchschnitt.

Vorbild Norwegen

Hier geht es um mehr als um Diagnosen einer übergewichtigen Gesellschaft, es geht zugleich um handfeste ökonomische Faktoren. Die volkswirtschaftlichen Kosten, die Adipositas aufgrund von medizinischen Behandlungen, Arbeitsausfall und Frühverrentung verursacht, schätzte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) 2023 auf satte 60 Milliarden Euro pro Jahr. Eine gewaltige Summe, die inzwischen vermutlich nach oben korrigiert werden müsste in einem Land, in dem die tägliche Gehstrecke seiner Einwohner nur noch rund 700 Meter beträgt. Für Martin Engelhardt, Vizepräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und ärztlicher Direktor am Klinikum Osnabrück, ein »unhaltbarer Zustand«. »Diese horrenden Ausgaben als Folge von Fehlernährung und Bewegungsmangel können wir uns unmöglich leisten. Dagegen müssen wir energisch ankämpfen«, betont der renommierte Orthopäde gegenüber jW, der tagtäglich mit den Folgen von Übergewicht konfrontiert ist.

Entsprechend wirbt der 65jährige, im Hauptberuf wie im Ehrenamt, unermüdlich für eine Trendumkehr. Versäumnisse gelte es ehrlich zu bekennen, die Sportstättenmisere mit ihrem milliardenschweren Investitionsstau energisch anzupacken, den Sportunterricht aufzuwerten und mit genügend fähigem Personal auszustatten, die Sportvereine samt ihren vielen Ehrenamtlern zu stärken – und den Blick auf andere zu richten, die es besser machen. »Norwegen ist für mich ein Paradebeispiel«, sagt Martin Engelhardt und gerät dabei regelrecht ins Schwärmen. Die tägliche Sportstunde unter profunder Anleitung ist dort längst so normal wie die Steigerung des außerschulischen Bewegungspensums für den Nachwuchs, sogar unter Einbeziehung der Eltern. Nahezu paradiesische Zustände in einem Land, das sich über den hohen Wert von körperlicher Aktivität im Allgemeinen sowie bei Kindern und Jugendlichen im Besonderen einig ist – und diesen Konsens in moderne, zeitgemäße Politik umformte, statt wie hierzulande in Sonntagsreden zu erstarren.

Norwegen nachzueifern wäre ein guter Ansatz, um aus all den Analysen, Untersuchungen und Erhebungen endlich eine vernünftige Schlussfolgerung zu ziehen: dieses Land gesünder und zukunftsfähig zu machen. Man könnte auch nach Osnabrück schauen: Dort, wo das staatliche Schulsystem versagt, der organisierte Vereinssport nur bedingt erfolgreich ist und das spontane Spiel im Freien nur noch in Ansätzen gelebt werden kann, sprang das bürgerliche Engagement in die Bresche.

Schon vor 25 Jahren wurde das Projekt »Kinder-Bewegungs-Stadt« als Bürgerstiftung ins Leben gerufen, mit einem Startkapital von damals noch 120.000 D-Mark. Heute kommen jährlich Hunderttausende Euro aus Spenden zusammen. Mit dem Geld werden in der Stadt mit ihren rund 165.000 Einwohnern aktuell vier eigene Projekte gefördert und acht weitere unterstützt.

Es muss nicht immer die Turnhalle sein, ist Susi Kriemler, Mitglied im Beirat der Gesellschaft für Pädiatrische Sportmedizin, überzeugt. Die Kinder könnten sich täglich ebenso gut eine Stunde auf dem Schulhof, in einem Garten oder Park auf freier Fläche bewegen. Unerlässlich dabei: alle Kinder einer Klasse erreichen und niemanden ausschließen. Einmal so begonnen, trete in der Regel ein Effekt wie bei einem Perpetuum mobile ein. Das sei von Studien belegt, so die Professorin von der Universität Zürich in der Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin. »Rund 95 Prozent der Teilnehmer wollten unbedingt weitermachen.« Wichtig bei alledem sei der Spaßfaktor, der »Fun mit Freunden«. »Denn kindgerecht ist, sich gemeinsam mit anderen zu bewegen. Ansonsten hört die Begeisterung schnell wieder auf und verfliegt.«

Laut Susi Kriemler zeuge es von einer Geringschätzung und einem zu niedrigen Stellenwert von Sport und Bewegung in der Gesellschaft, wenn aktuell nur jeder fünfte Heranwachsende ausreichend aktiv ist und die anderen 80 Prozent Spielkonsole oder Handy bevorzugen. Dem gelte es gesellschaftlich und ganz praktisch gegenzusteuern. Neueste Idee hierzulande: Seit Jahresbeginn gibt es für den übergewichtigen oder zu Übergewicht neigenden Nachwuchs das »Rezept für Bewegung«. »Dabei handelt es sich um eine Empfehlung und keine Verordnung im klassischen medizinischen Sinne«, so Jakob Maske, Pressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte, auf jW-Anfrage. Die Neuerung basiere auf einem vom DOSB erstellten Bewegungsatlas. Dort könne buchstäblich jedes Kind gemeinsam mit seinen Eltern im Internet anhand der Postleitzahl des Wohnortes herausfinden, wo in der Nähe passgenaue sportliche Angebote warten. Überdies gebe es »gezielte Empfehlungen« von ärztlicher Seite. »So werden die Kinder und Jugendlichen aktiv ermuntert, nach Angeboten zu suchen und sie regelmäßig wahrzunehmen.« Besser wäre es, wenn es Rezepte dieser Art gar nicht bräuchte.

Andreas Müller schrieb an dieser Stelle zuletzt am 10. September 2024 über die Krise des sportlichen Ehrenamtes: »Wir brauchen dieses Engagement«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (27. August 2025 um 18:51 Uhr)
    Der Artikel verweist zurecht auf eine Vielzahl von Problemen und ihnen angemessene Lösungsmöglichkeiten. Allerdings ist es nicht der gesunde Menschenverstand, der gegenwärtig die Regeln der Politik setzt. Die werden von der Logik des Kapitals bestimmt, dass nur das sinnvoll und zu machen ist, was übermorgen schon Profit bringt. Dass man durch falsches Tun Wachstumsquellen auch austrocknen kann, reicht dem Kapital längst nicht als Argument dafür, Geld herauszurücken. Vor allem dann, wenn damit erst überübermorgen zu rechnen ist. Und es wird ihm auch nichts ausmachen, wenn es wie in diesem Artikel für sein destruktives Verhalten noch so stark gescholten wird. Sehenden Auges verspielt es die Zukunft nicht nur auf dem Feld der Gesunderhaltung der Menschen. In der Hoffnung, dass die Gesellschaft morgen ja auch noch irgendwie funktionieren werde. Alles was danach kommt, ist ihm – geradeheraus gesagt - ohnehin schnurzpiepegal.

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