General Winter des Tages: Moorlandschaft
Von Felix Bartels
»Gar schaurig ist, übers Moor zu gehn, / Wenn’s wimmelt vom Heidenrauche, / Lafetten sich wie Phantome drehn, / Und der Russe häkelt am Strauche.« – Verse einer Zeit, da Natur noch ein Faktor war, die Schneekönigin in die Wand biss, und die Mutter heulenden Windes da draußen vom »handlosen Mann« fabulierte. Heute, im Zeitalter universeller Regression, sind wir wieder dort.
Umweltbewusstsein wird Weltunbewusstsein. Ökologie hat ihren Zweck nicht mehr in sich, sie wird unter vermeintlich höhere Zwecke geordnet. Die Zeitenwende besteht nicht zuletzt darin, Alltagsdenken durchzumilitarisieren. Selbst Brechts berühmtes Gespräch über Bäume kann nicht mehr unpolitisch sein, da der Wald geeignet ist, sich vorm herannahenden Iwan zu verstecken. Inmitten gewendeter Zeiten tickern Agenturen beinahe täglich von zivilen Akteuren, die dieses oder jenes Detail unseres Alltags aufs Militärische hin kämmen. Europa ist Helms Klamm geworden.
Als die ukrainischen Truppen 2022 einen nordwestlich von Kiew gelegenen Damm brachen, entstand eine renaturierte Moorlandschaft, die den russischen Angreifern das Vorrücken erschwerte. Heute gerät Oleksii Vasyliuk, die militärische Notmaßnahme romantisierend, ins Schwärmen. »Die Überschwemmung des Irpintals ist zum Symbol dafür geworden, wie die Natur eingesetzt werden kann, sich gegen Angreifer zu verteidigen«, sagt der Zoologe von der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften. Und während Umweltschützer fordern, den Irpin zum »Heldenfluss« zu erklären, machen Wissenschaftler in Europa sich über eine umfassende »natürliche Verteidigungsstrategie« Gedanken. Ein Tausende Kilometer breites Feuchtgebiet soll die Russen hindern, irgendwann am Brandenburger Tor zu stehen. Europa, mit anderen Worten, in einen Sumpf verwandelt werden. Als ob es das nicht längst schon ist.
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Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude (15. Juli 2025 um 03:32 Uhr)»Ein Tausende Kilometer breites Feuchtgebiet soll die Russen hindern, irgendwann am Brandenburger Tor zu stehen.« Selbst, wenn das technisch möglich wäre, würde ein solcher Vorschlag garantiert nicht vom Westen umgesetzt werden. Dann wäre ja Napoleon nie bis Moskau gelangt, nie die franzöischen und britischen Truppen 1853 auf die Krim. Die Völkerschlacht bei Leipzig hätte man sich sparen können. Das hätten die Sümpfe ( und Mücken) erledigt. Da würde man ja in Russland endlich aufatmen, allerdings bedauern, dass es das nicht schon 1941 gegeben hat. Das hätte die Wehrmacht gehindert, so schnell und so dicht vor Moskau zu stehen und anschließend gestört, ihre kläglichen Reste wieder zurückzuziehen. Russland hätte jetzt viele Millionen Einwohner mehr und sein demografisches Problem gelöst. Breite Feuchtgebiete sind nie förderlich für Truppen, die vordringen wollen, höchstens eine schnelle Lösung, nachdem sie vorgedrungen sind. Das Aushungern der Bevölkerung Moskaus nach dem Vorbild Leningrads war den Planern des »Dritten Reiches« immer noch zu aufwändig. Vorgesehen war, die Staudämme zu sprengen und Moskau in einen großen See zu verwandeln.
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Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (15. Juli 2025 um 00:13 Uhr)»Europa« in einen realen Sumpf zu verwandeln, das dürfte wohl gar recht schwierig werden bei den zunehmenden und immer länger andauernden Niedrigpegeln der meisten Flüsse (s. z. Z. der Rhein). Allerdings hat sich die geistige Versumpfung unter den derzeitigen Politikern und Medienlakaien bereits in einem erschreckenden Maße ausgebreitet.
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