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Aus: Ausgabe vom 11.07.2024, Seite 12 / Thema
Queere Bewegung

Dürfen die das?

Mehr als eine Ausdifferenzierung von Identitäten: Queere Bündnisse für eine umfassende Emanzipation
Von Detlef Grumbach
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Pride Parade in Mexiko-Stadt (29.6.2024)

Am 27. Juni vor 55 Jahren haben sich Schwule, Lesben und Transsexuelle in der New Yorker Christopher Street erstmals gegen die immer wiederkehrenden Übergriffe der Polizei zur Wehr gesetzt. Die Prügelei, die sich die aufgebrachten Kneipengäste mit den Ordnungskräften lieferten, machte Schlagzeilen. Im Jahr darauf fand am selben Ort eine Gedenkdemonstration statt, über die sogar die FAZ berichtete: »Mit seidenen Bannern und trotzigen Plakaten zog kürzlich eine eigentümliche Parade durch New York …« Das war der Beginn dessen, was mittlerweile Sommer für Sommer in Metropolen und auch kleineren Städten Amerikas, Europas und weit darüber hinaus als CSD-Paraden durch die Innenstädte zieht – hie begleitet von der örtlichen Politprominenz und gesponsert von finanzkräftigen Unternehmen, die das Ereignis als Werbefläche für sich nutzen, dort – noch immer – von Verboten, Polizeischlagstöcken oder der Gewalt rechter, nationalistischer Gruppen. Traurige Routine sind die Meldungen gewalttätiger Übergriffe auf CSD-Paraden oder Veranstaltungen aus den Transformationsgesellschaften Osteuropas, aber kaum hat hierzulande die CSD-Saison begonnen, erreichen uns vergleichbare Meldungen auch aus Orten wie Köthen, Bernau …

Nebenwidersprüche

Als sich nach dem Signal aus New York und im Windschatten der Frauenbewegung auch in der Bundesrepublik die Lesben- und Schwulenbewegungen formierten, sahen sie beinahe automatisch in den zahlreichen Gruppierungen der Linken ihre natürlichen Verbündeten. Schließlich gehörte man zu den – wenn auch damals von Organisationen wie der VVN noch nicht anerkannten – Opfergruppen des Naziregimes und hatte unter denselben restaurativen politischen Verhältnissen der 1950er und 1960er Jahre gelitten. Auf seiten der Linken blieb man jedoch reserviert. Gerade in den K-Gruppen war – auch den Aktivistinnen der Frauenbewegung gegenüber – häufig vom Nebenwiderspruch die Rede. Ihnen ging es allein um die Lösung des Hauptwiderspruchs zwischen Kapital und Arbeit: Der Rest erledigt sich dann von selbst.

Mit dem Erstarken der Grünen in den 1980er Jahren bekamen die neuen sozialen Bewegungen insgesamt eine Lobby in den Parlamenten. Mit der Kampagne für die Homoehe wurde nach dänischem Vorbild ein Ziel formuliert, mit dem man auf die Sympathie großer Teile eines liberalen Bürgertums rechnen konnte. Immerhin bewegte man sich damit im Rahmen der christlich-abendländischen Beziehungsordnung und wollte nicht mehr als die Ausnahme von der Regel. Es gab aber auch vor allem von Lesben getragene Debatten, die einen schärferen Blick auf patriarchale und heteronormative Strukturen verrieten. Sie forcierten eine Lebensformenpolitik, die eine echte Vielfalt gleichberechtigter Beziehungsformen und Verantwortungsgemeinschaften und damit eine Entprivilegisierung der Ehe bedeutete. Für konservative Kräfte berührte aber schon die Forderung nach der Homoehe den Kern eines heteronormativen Selbstverständnisses und wurde in aller Entschiedenheit zurückgewiesen.

Dennoch: Über die Streichung des Paragraphen 175 StGB im Rahmen der Rechtsangleichung zwischen alten und neuen Bundesländern im Jahr 1994, die Schaffung der Institution Eingetragene Lebenspartnerschaft 2001 und die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare 2017 schien sich der Weg der Grünen zu bestätigen. Der Haken: Bürgerrechte ohne die Überwindung sozialer Ungleichheiten sind nur eine Seite der Medaille: Das Ehegattensplitting bevorzugt die sogenannte Hausfrauenehe, in der einer allein verdient oder Frauen bestenfalls dazuverdienen; Freibeträge bei der Erbschaftssteuer helfen nur jenen, die ein entsprechendes Erbe haben. Neben wichtigen Regelungen des Aufenthaltsrechts bei binationalen Partnerschaften oder des Auskunftsrechts bei Ärzten wurden auch mit der Ehe verbundene soziale Privilegien auf Schwule und Lesben ausgedehnt. Weil sich die öffentliche Wahrnehmung besonders auf solche Erfolge richtet und sich gut ausgebildete Dinks (double income, no kids) flexibel auf einem neoliberalen Arbeitsmarkt bewegen, erschienen sie plötzlich als Gewinner einer (neo-)liberalen gesellschaftlichen Entwicklung. Auch wenn dies mit der Lebensrealität der meisten Lesben und Schwulen nichts zu tun hatte, konnten auf dem Boden gewachsener Vorurteile damit auch Neidgefühle geweckt werden.

Angriffe von rechts …

Die Dichotomie von Mann und Frau, die eindeutige Zuordnung zu einem der vermeintlich zwei Geschlechter und die heteronormative Grundordnung gehören zu den Fundamenten einer staatlichen Ordnung, in der niemand aus der Reihe tanzen darf und die Bevölkerungswachstum als Garantie ihrer Reservearmeen für Militär und Arbeitsmarkt sichern muss. Queere Politiken stellen diese Grundlage in Frage. Wer die bestehende Ordnung dagegen festigen und verteidigen will, greift queere Positionen deshalb an. Da geht es ums Prinzip. Erleichternd kommt hinzu, dass man an bestehende Vorurteile appellieren und sich über jene erheben kann, die gefühlt ganz unten in der Rangordnung stehen. Die Angriffe auf die Errungenschaften lesbisch-schwuler und vor allem jüngst transsexueller Emanzipation kommen deshalb in der Hauptsache von rechts – aus konservativ bis nationalistischen, patriarchal organisierten und kirchlichen Kreisen. Sie beschwören eine traditionelle Männlichkeit und die damit verbundenen Frauen- und Familienbilder von gestern, wenn sie in Wahrheit Law and Order und die Kriegstüchtigkeit von morgen meinen.

In Frankreich formierte sich die Bewegung »La Manif pour tous« und mobilisierte im Frühjahr 2013 Hunderttausende für ihre Demonstrationen gegen die Homoehe. In Deutschland prangerten vergleichbare Bewegungen unter den Namen »Demo für alle« und »Besorgte Eltern« zusätzlich einen zeitgemäßen Sexualkundeunterricht, die sogenannte Frühsexualisierung an. Jüngst erst bildete sich eine nationale Front von Bayerischer Staatsregierung bis zur CDU-unterstützen Volksinitiative »Hamburg ohne Gendern« gegen eine geschlechtsneutrale Sprache und gegen das Selbstbestimmungsgesetz für Transsexuelle. Nach den Wahlerfolgen der AfD bei den EU-Wahlen nennt Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) als Grund dafür ausdrücklich das Selbstbestimmungsgesetz, das es trans-, inter- und nichtbinären Menschen erleichtert, ihren Geschlechtseintrag und Vornamen zu ändern.

… und von links?

Warum aber finden sich genauso ablehnende Positionen gegen die Akzeptanz und Gleichstellung von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen und gegen das Gendern auch bei Linken? Warum tun sich auch linke Organisationen oder einzelne ihrer Vertreter schwer damit, sich hinter deren Forderungen zu stellen und sie mit der Forderung nach sozialen Rechten sogar als ihre eigenen zu begreifen? Es geht doch um Emanzipation und breite queere Bündnisse in dem umfassenden Sinn, wie auch Arbeitslose, Wohnungslose, unterbezahlte und ausgebeutete Lohnabhängige sich nicht auf diesen einen Aspekt ihrer Identität festlegen lassen, und wie auch Lesben, Schwule und trans Personen quer zur kapitalistisch-abendländischen Ordnung stehen.

Doch bei den Grünen flammt in politisch schwierigen Zeiten immer wieder die Debatte auf, ob man es mit der Homopolitik nicht mal gut sein lassen könne, weil das Engagement für sexuelle Emanzipation Wählerstimmen koste. So fühlte sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann zur Selbstkritik genötigt, als in Baden-Württemberg die AfD von den »Besorgten Eltern« profitierte. In der Zeit vom 6. Oktober 2016 gab er zu bedenken, dass die Grünen es »mit dem Glauben an die Erziehbarkeit des Menschen übertrieben« hätten und betont, dass traditionelle Lebensformen nicht abgewertet werden dürften (als ob das jemand getan hätte): »So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – und das ist auch gut so.« Dass er den Nachsatz Klaus Wowereits zu dessen Coming-out hier keck zitiert, verleiht dem Ganzen seine besondere Würze.

Bei den Linken war es Sahra Wagenknecht, die 2021 die Landesliste NRW für die Bundestagswahl anführte und sich zugleich herablassend über »skurrile Minderheiten« äußerte, die »ihre Identität jeweils in irgendeiner Marotte finden, durch die sie sich von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden und aus der sie den Anspruch ableiten, ein Opfer zu sein«. Für den 2022 in Münster totgeschlagenen trans Mann Malte war es jedenfalls zu spät, einen »Anspruch« auf seinen Opferstatus anzumelden.

Wer in diesem Kontext darauf verweist, dass auch Grüne oder Linke nicht frei von den tief verwurzelten Vorurteilen sind, greift zumindest für die Linke, in der sich auch Kretschmann sozialisiert hat, zu kurz. Die politische Linke hat traditionell ein eigenes Problem mit den von der heterosexuellen Norm abweichenden Sexualitäten. In krasser Weise äußerte sich dies im Kampf gegen den Faschismus. »Die Linke und das ›Laster‹« – unter diesem Titel hat sich Klaus Mann, Antifaschist und treibende Kraft der internationalen Volksfront, in Moskau 1934 gegen eine im Exil forcierte Gleichsetzung von Homosexualität und Faschismus zur Wehr gesetzt. In der Exilpresse hieß es bisweilen »Bewegung der Homosexuellen«, wenn man die NSDAP meinte. Maxim Gorki wird das Bonmot nachgesagt: »Man rotte nur die Homosexuellen aus, und der Faschismus ist besiegt.« Wie ist es zu der Assoziation von Homosexualität und Faschismus gekommen und wie wirkte das Stereotyp vom schwulen Nazi in den deutschen Nachkriegsgesellschaften nach?

Das Stereotyp vom schwulen Nazi

Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten auch Medizin, Psychiatrie und Rechtswissenschaft den Homosexuellen als Forschungsobjekt. Sie untersuchten und vermaßen ihn, sprachen ihm – Männern wie Frauen – bestimmte biologische und charakterliche Eigenschaften zu, definierten ihn als den Anderen, Anormalen gegenüber einer Normalität, die damit ebenfalls einer genaueren Bestimmung unterzogen wurde. So entstanden in der Folge auch eine auf Normalität zielende Ratgeberliteratur sowie Ehe- und Sexualberatungsstellen. Schon deshalb geht die Emanzipation der nicht heterosexuellen Sexualitäten von Beginn an auch die Heterosexuellen etwas an. Bis dahin wurden im Namen der göttlichen und irdischen Ordnung lediglich homosexuelle Handlungen bestraft, jetzt wurde der Homosexuelle »zur Spezies herabgedrückt«, wie Michel Foucault es formulierte. Gleichgeschlechtlich liebende Menschen rückten in den Fokus öffentlichen Interesses, konnten sich aber auch gegen das moralische Verdikt auf ihre Natürlichkeit berufen. Sie begannen – 1897 mit der Gründung des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) durch Magnus Hirschfeld – ihre Interessen organisiert zu vertreten.

In diese Zeit fällt eine erste Beschäftigung mit dem »Problem« seitens der Arbeiterbewegung. Eduard Bernstein, einer der theoretischen Köpfe der SPD, weilte während des Oscar-Wilde-Prozesses 1895 in London. Der international gefeierte Popstar und Poet wurde in Folge seiner langjährigen Liaison mit Lord Alfred Douglas vor den Kadi gezerrt und verurteilt. Das erhebliche Interesse veranlasste auch Bernstein, für das SPD-Theorieorgan Neue Zeit darüber zu berichten. Mit Oscar Wilde als »Verfallsmensch« und »Nachäffer« der französischen »Décadence-Literaten«, der seine Befriedigung in der »Überzivilisation, im Kultus des Außergewöhnlichen, des Abnormen, des Kunstsubstrats der Zivilisation« suche und als solcher »mit all seinen Fasern an die bürgerliche Welt gekettet« sei, mochte Bernstein sich nicht solidarisieren. Er folgte aber den Positionen der Wissenschaft und erklärte das Strafrecht zum falschen Mittel gegen solche Leute. Die »Handlung« sei gar nicht das Wesentliche, sondern die »Geistesströmung«, die »in den gesellschaftlichen Zuständen ihre Nahrung« finde. Deshalb lehnte er in einem zweiten Artikel die Kategorie der »Widernatürlichkeit« ab. Er verknüpfte die homosexuellen Ausschweifungen, wie sie Oscar Wilde zugeschrieben wurden, mit den spätfeudalistischen und bürgerlich-kapitalistischen Verhältnissen und erklärte sie zu einer Angelegenheit der herrschenden, zum Untergang verurteilten Klasse, die sich ein Leben in Saus und Braus, mit Völlerei und Ausschweifungen aller Art auf Kosten der Ausgebeuteten leistete und der sich die Arbeiterklasse auch moralisch haushoch überlegen fühlen durfte.

So entstand – als Spiegelbild der herrschenden Moral – die Idee einer Moral der Arbeiterklasse, später die sozialistische Moral, die ebenso genussfeindlich wie prüde war. Die SPD lehnte Homosexualität als Verfallserscheinung der untergehenden Klasse ab, bekämpfte aber den Paragraphen 175 StGB – auch weil er Teil der Klassenjustiz war – und verließ sich darauf, dass sich das »Problem Homosexualität« in einer sozialistischen Gesellschaft von selbst erledigen werde. 1898 brachte August Bebel eine Petition des WhK zur Streichung des Paragraphen 175 in den Reichstag ein.

Mit Akzeptanz hatte diese Haltung nichts zu tun. Im Gegenteil: Die Skandalisierung von Homosexualität wurde zum Instrument des Klassenkampfes und ersetzte teilweise die politische Argumentation. Man konnte auch schon damals an weitverbreitete Vorurteile der Massen anknüpfen. 1902 brachte der Vorwärts die Affäre um den Industriellen Alfred Krupp ins Rollen, machte die Homosexualität des Kaiserfreunds öffentlich und zeichnete damit »ein kapitalistisches Kulturbild krassester Färbung«. Als fünf Jahre später der Eulenburg-Skandal um homosexuelle Beziehungen im unmittelbaren Umfeld des Kaisers das Land erschütterte, räumte die SPD nebenbei ein, dass »homosexuelle Liebe (…) in vielen Fällen ein unwiderstehlicher natürlicher Trieb ist«, betonte in der Hauptsache aber, dass es auch »eine erworbene, oder sagen wir künstliche gibt, die ein Produkt des Verfalls ist«. Ihr entgegenzutreten forderte sie mit den übrigen Parteien im Reichstag, »den bestehenden Gesetzesvorschriften ohne Ansehen der Person unnachgiebig Geltung zu verschaffen«. Die KPD agierte in dieser Frage nicht anders als die SPD.

Im Kampf gegen die NSDAP und ihre Sturmabteilung prangerte zunächt die SPD-eigene Münchner Post die Homosexualität Ernst Röhms an und veröffentlichte dessen Liebesbriefe. Damit sind wir beim Stereotyp vom schwulen Nazi, das sich seit diesem Zeitpunkt im Bewusstsein der Linken festgesetzt hat. Schon vor Klaus Mann hatte Kurt Tucholsky dagegen interveniert: »Das da geht zu weit – es geht unsretwegen zu weit.« Bestätigt wurde die Haltung von SPD und KPD aber in der Sowjetunion, die unter Stalin alle mit der Oktoberrevolution verbundenen sexuellen Freiheiten wieder zurücknahm und Homosexualität ebenso wie Abtreibung erneut unter Strafe stellte.

Neuanfang 1945?

Nach dem Sieg über das Naziregime, das die Strafvorschriften gegen Homosexuelle erheblich verschärft hatte, kehrte die DDR zum Homosexuellenstrafrecht der Weimarer Republik zurück – mehr als dieser Akt von NS-Aufarbeitung war angesichts der Entwicklung nicht möglich. In der BRD galt die Nazifassung bis 1969 weiter. Das Verdikt »Verfallserscheinung« und das Stereotyp vom homosexuellen Nazi behielten weit über linke Kreise hinaus ihre Wirkung: Erinnert sei nur an fiese, sadistische schwule Nazis in der westdeutschen Nachkriegsliteratur – u. a. bei Günter Grass (der Gemüsehändler Greff in der »Blechtrommel«) oder Heinrich Böll (der Wachtmeister in »Der Zug war pünktlich«, der Lehrer Wakiera in »Billard um halbzehn«), an die regelmäßig wiederbelebte Diskussion darüber, ob Hitler schwul war (zuletzt Lothar Machtan) oder an die tiefsitzenden Vorbehalte bei Naziopfern gegenüber Homosexuellen. Lange Zeit verhinderten sie in der BRD genauso wie in der DDR, dass in den KZ-Gedenkstätten der schwulen und lesbischen Opfer gedacht wurde.

Als in der Aufbruchstimmung 1969 der noch 1957 vom Bundesverfassungsgericht bestätigte Naziparagraph 175 reformiert wurde, galt SPD-Justizminister Gustav Heinemann als die treibende Kraft. Als die FDP später in der sozialliberalen Koalition den Paragraphen gänzlich streichen wollte, folgte Helmut Schmidt dem »gesunden Volksempfinden« und erklärte kurz und bündig: »Da müssen sie sich einen anderen Koalitionspartner suchen!« In der DDR wurde der Homosexuellenparagraph (dort in neuer Zählung nunmehr Paragraph 151) Ende 1988 gestrichen. Justizminister Hans-Joachim Heusinger erklärte dazu im Neuen Deutschland, damit werde »dem hohen Stellenwert, den die Verwirklichung der Menschenrechte im gesellschaftlichen Leben der DDR hat, auch durch das Strafrecht Rechnung getragen«.

An der ablehnenden Haltung der Linken gegenüber der Homosexualität hat sich seitdem erst langsam etwas geändert. Sie müssen schließlich beides überwinden: tief verwurzelte reaktionäre Vorurteile von Kirche und nationalen Kräften genauso wie die Tradition ihrer eigenen Ressentiments.

Schwächen der Identitätspolitik

Ein Grund für die Hartnäckigkeit dieser Ressentiments könnte ironischerweise in der Geburtsstunde der Emanzipationsbewegung liegen: in der damals begründeten Identitätspolitik. Zur Spezies herabgedrückt haben Homosexuelle diesen Handschuh übergestreift und für die Emanzipation »der« Homosexuellen gestritten. Der Vorgang wiederholte sich in ähnlicher Weise, als die Schwulenbewegung Anfang der 1970er Jahre das Schimpfwort übernahm und in einen Kampfbegriff umgemünzt hat. Damit hat sie nichts anderes getan als die Frauenbewegung, deren identitätspolitischer Kalender »Wir Frauen« noch heute erscheint. Und doch ist dies ein reduktionistischer Ansatz, der – zunächst in den USA – in Frage gestellt wurde. Der dort herrschende Rassismus beispielsweise fügte dem Strauß der unterdrückten Identitäten nicht einfach eine weitere hinzu, sondern schuf sich überlagernde Aspekte von Unterdrückung (und auch von Privilegien). In der Aidsprävention musste man sich entscheiden, ob sie sich auf Schwule konzentriert oder auch solche (teils schwarze) Männer erreichen sollte, die Sex mit Männern hatten, aber über kein schwules Selbstverständnis verfügten. In solchen Problemen praktischer Politik wurzelte das, was man später »Queer Politics« und »Queer Theory« nannte. Es ging um mehr als um eine Addition unterschiedlicher Identitäten oder mehrfacher Betroffenheit einzelner Personen. Es ging um ein neues Verständnis von gesellschaftlichen Machtverhältnissen und Hierarchien, die sich in unterschiedlichen Situationen immer wieder neu austarieren, und zu denen selbstverständlich auch soziale beziehungsweise Klassenverhältnisse zählen. Und um neue Bündnisse, um diesen Machtverhältnissen entgegenzutreten.

Statt dessen wurde »Queer« hierzulande oft im Sinne einer bloßen Ausdifferenzierung von Identitäten und deren summarischer Bezeichnung missverstanden – inklusive interner Hierarchien und Grabenkämpfe. Dieser Weg führt in eine Sackgasse. Die Parzellen im Garten der Identitäten werden kleiner, die Hecken zwischen ihnen wachsen höher, ein Bündnis für eine umfassende Emanzipation ist kaum noch möglich.

Vielleicht würde eine Historisierung der alten Bewegungen der 1970er und der darauffolgenden Jahre helfen. Sie wären dann Geschichte, und ihre Erfolge und Grenzen könnten aus der Distanz heraus sachlich debattiert werden. An ihre Stelle müsste dann etwas wirklich Neues treten, das dem ursprünglichen Gedanken einer queeren Politik und queerer Bündnisse gegen Lesben-, Schwulen-, Bi- und Transfeindlichkeit, aber auch gegen Rassismus, Antisemitismus und Klassismus näherkommt. In solchen Bündnissen liegt die Chance, heute überholte Abwertungen und die Begrenztheit von Identitätspolitiken zu überwinden und die Kräfte zu bündeln. An solchen Bündnissen zu arbeiten und sie zu stärken, wäre eine Herausforderung an aktuelle, linke Politik. Auch im Kampf gegen rechts.

Von Detlef Grumbach erschien zuletzt der Sammelband »Den Schwulen lass hier mal weg. Aufsätze und Reden zur Literatur« (Männerschwarm Verlag, 2023). An dieser Stelle hat er am 22. Dezember 2023 über Christian Geisslers Roman »Anfrage« geschrieben.

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  • Leserbrief von N. Schreiber aus München (14. Juli 2024 um 11:14 Uhr)
    Oje, danke für diese Aufklärung... auch wenn sie zeigt, dass die Lage, sprich die Bewusstheit der Menschheit, noch viel übler war und ist, als eh schon gedacht … Vielleicht lag und liegt es ja nur an einem häufig anzutreffenden Übersetzungs-/Interpretationsfehler: Das Égalité im Égalité-Prinzip ist doch keinesfalls (!) mit Gleichheit, sondern mit Gleichwertigkeit zu übersetzen. Und im Kontext der jeweiligen Interessen zu interpretieren. Selbstverständlich sind quasi alle Lebewesen individuell, auch innerhalb einer Spezies. Also eben nicht gleich. Allein aufgrund dieser jeweiligen Unterschiedlichkeit andere, auch Spezies übergreifend, abzuwerten, was bis zur extremen Ausbeutung geht – siehe auch: Speziesismus (= »Art-Rassismus«) – ist aber ja nun eine genuin rechte/rechtsextreme Idee und hat entsprechend bei politisch links drehenden Leuten absolut gar nichts verloren. (Daher werden wir sicherlich auch die anscheinend rein narzisstisch angetriebene, entsprechend populistisch u. a. auch bei diesem Thema ideologisch völlig indifferente, d. h. teils auch die miesesten Ideen und Ideologien faschistoider Arschlöcher bedienende Propaganda von Wagenknecht/BSW mittelfristig sicherlich noch sehr teuer bezahlen müssen.
  • Leserbrief von Georg F. aus Heidelberg (13. Juli 2024 um 12:27 Uhr)
    Einseitiger Artikel. Ich kenne nicht eine Linke, die – was wär das auch? – so verbohrt wäre, nicht gleiche Rechte für alle, also: alle zu fordern. Das Problem der letzten 30 Jahre liegt anderswo. Während das, was man links nannte, zusammenschrumpelt und schon lange als »altlinks« abgetan wird, gab es einen postmodern »kulturlinken« Aufschwung. Konservative Medien, FAZ bis TAZ, neoliberale Stadtmagazine, neue Influencerinnen tragen ihn. Leb kapitalistisch, sei divers! Schön daran ist, dass Grüne bis FDP und Bürgerinnen queer rights endlich selbstverständlich finden. Doch außer dem guten Kampf für eigene Rechte wurde das kein linker Kampf für alle. Die Linkspartei z. B. verging, weil sie tatsächlich in ihren guten transgender-fights die Armen, Ausgebeuteten vergaß. Das K-bashing fehlt auch in diesem Artikel nicht, und das verkennt die Realität seit Jahrzehnten. Statt der im Artikel angeregten »Historisierung der alten Bewegungen« (sprich: vergesst sie) wär es für Millionen Menschen im Gegenteil neu zu hören, dass es solche Bewegungen gab! Denn die »neuen« Bewegungen achten peinlich darauf, sich als »nie vorher gab es ähnliches« zu inszenieren. In einer Gesellschaft, in der, da eine Linke fehlt, Rechtsradikale widerliche Erfolge feiern, scheint das vielen wichtig. (Und ist Zeichen des Verfalls, der Streberei.) Genau wie viele Medien (Zeit, Taz) 2018 so taten, als wäre Fridays for future eine »erste« Klimabewegung (die starke von etwa 1977–86 sollte geleugnet werden, die nicht so kapitalistisch wie die heutige war). Die Wenigen, die glauben, Kampf für queeres gutes Leben würden bürgerliche Gesellschaften auch benutzen, um sich als Kapitalisten »links« zu fühlen, haben ja oft recht. Zerstörerischer Rauschkapitalismus des Westens z. B. ist queer und nicht-queer, es gibt keine Unterschiede. Diesen wenigen Kritikerinnen könnte man grade anfangen, zu zeigen: Es gab und gibt wirkliche Linke, die sich für gleiche Rechte für alle einsetzten. Für alle.
  • Leserbrief von Peter Nowak aus Berlin (13. Juli 2024 um 02:10 Uhr)
    Guter Artikel von Detlef Grumbach, der auch kritisch auf die Homosexuellenfeindlichkeit in großen Teilen der linken Bewegung eingeht und auch darauf hinweist, dass der Kampf gegen die Nazis auch mit schwulenfeindlicher Propaganda geführt wurde. Ein weiteres Beispiel wäre die Kampagne gegen Marinus van der Lubbe, den angeblichen Reichstagsbrandstifter. Auch er wurde als Homosexueller im Dienste der Nazis dargestellt. Dabei ist seine Rolle beim Reichsbrand bis heute nicht wirklich aufgeklärt.

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