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Aus: Ausgabe vom 11.07.2024, Seite 7 / Ausland
Konflikt in Osteuropa

Wessen Rakete war es?

Ukraine: Russland bestreitet, Krankenhaus beschossen zu haben. UNO macht Moskau verantwortlich
Von Reinhard Lauterbach
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Das getroffene Kinderkrankenhaus in Kiew nach dem Angriff am Montag

Russland hat bestritten, das am Montag von einer Rakete getroffene Kinderkrankenhaus »Ochmatdit« in Kiew beschossen zu haben. Vielmehr sei das Hospital von einer vom Kurs abgekommenen ukrainischen Flugabwehrrakete aus US-Produktion getroffen worden. Man greife grundsätzlich keine zivilen Ziele an, gab der russische Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow an. Er warf der Ukraine gleichzeitig vor, bewusst Flugabwehrstellungen und andere militärische Ziele in nichtmilitärischer Umgebung zu stationieren und so zivile Opfer in Kauf zu nehmen. Allein in Kiew sind bei dem heftigen Beschuss vom Montag 33 Menschen getötet und 110 verletzt worden. Der Militärkorrespondent von Bild, Julian Röpcke, schrieb am Dienstag von allein fünf Treffern auf das Rüstungswerk »Artjom« im Westen der Kiewer Innenstadt. Er gewinne den Eindruck, dass die ukrainische Luftabwehr an der Kapazitätsgrenze sei und es nicht mehr schaffe, angreifende Raketen abzufangen. Russland feuerte zuletzt in der Regel gleichzeitig verschiedene Raketen und Marschflugkörper ab, die sich in Flughöhe und Geschwindigkeit unterscheiden. Dies erschwert die Abwehr und erhöht den Munitionsverbrauch.

Der Raketenangriff auf Kiew und andere ukrainische Städte war am Dienstag auch Thema einer Sondersitzung des Weltsicherheitsrates. Dort warfen westliche Vertreter Russland vor, schwerste Kriegsverbrechen zu begehen; hierfür werde sich das Land noch verantworten müssen. Die britische Botschafterin nannte es eine Schande für den Rat, dass Russland noch darin vertreten sei. Der Vertreter Chinas sprach von einer »großen Beunruhigung« seines Landes über die Eskalation in der Ukraine. Die in der Ukraine tätige Menschenrechtsdelegation der UNO erklärte, nach der Analyse von Videomaterial und vor Ort gesicherten Spuren sei das Krankenhaus »mit hoher Wahrscheinlichkeit« von einem russischen Marschflugkörper des Typs Ch-101 getroffen worden.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij nahm die Angriffe zum Anlass, von der NATO erneut mehr Flugabwehrsysteme und andere Waffen zu fordern. Die 56 US-Kampfflugzeuge des Typs F-16, die die Niederlande und Dänemark bereits zugesagt hätten, reichten bei weitem nicht aus, sagte Selenskij am Rande des NATO-Gipfels in Washington laut Strana. news. Sein Land brauche mindestens 128 dieser Maschinen, und das schnell.

Auch die Nachlieferung von »Patriot«-Flugabwehrbatterien aus vor allem europäischen NATO-Staaten verzögert sich offenbar. Aus Stellungnahmen westeuropäischer Politiker auf dem Gipfel geht hervor, dass es schwierig wird, die Unterstützung der ­Ukraine im bisherigen Umfang aufrechtzuerhalten. So sagte Bundesverteidigungsminister Boris ­Pistorius (SPD), im nächsten Jahr könne die ­Ukraine aufgrund der Haushaltsplanung in Berlin nur mit einem geringeren Unterstützungsbetrag rechnen als im laufenden. Es gebe aber »keine Lücke in dem Sinn« bei der Finanzierung des Krieges. Die Bundesregierung hat allein drei der vier »Patriot«-Batterien geliefert, die die Ukraine zuletzt zusätzlich bekommen hat. Eine vierte soll aus Beständen verschiedener europäischer NATO-Staaten zusammengestellt werden. Der neue britische Premierminister Keir Starmer sagte am Rande des Gipfels, sein Land gebe der Ukraine freie Hand, mit aus Großbritannien stammenden Waffen auch Ziele im Innern Russlands anzugreifen, solange dies mit »dem humanitären Völkerrecht« vereinbar sei.

Die westliche Eskalationsbereitschaft hat aber offenbar Grenzen. Nach einem Bericht der Financial Times bleibt die Produktion von Artilleriemunition in den europäischen NATO-Staaten weit hinter den Mengen zurück, die der Ukraine zugesichert worden sind. Das Blatt zitiert nicht namentlich genannte Insider der europäischen Rüstungsindustrie, darunter des deutschen Rheinmetall-Konzerns, mit der übereinstimmenden Aussage, anstelle der zugesagten 1,5 Millionen Granaten pro Jahr könne die Industrie nur 500–600.000 Geschosse des Standardkalibers 155 Millimeter liefern. Die russischen Produktionskapazitäten werden auf mehrere Millionen Schuss pro Jahr geschätzt.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz P. aus Wien (11. Juli 2024 um 15:35 Uhr)
    Fakten leugnen, in einer Illusionswelt leben lassen … Jeder Leser möge die Videos, die von der ukrainischen Seite, sofort nach dem Angriff im Internet veröffentlicht, selbst ansehen. Auch das »Lagezentrum« der Bild-Zeitung zeigt diese drei Videos, aufgenommen von verschiedenen Handys einiger Bewohner Kiews. Also sicher kein Russen-Fake. Videos starten, dann anhalten und im Einzelbild die involvierten Raketen, die von oben auf ihr Ziel zurasen, ansehen. Zwei Standbilder klären das: Vergleichen sie selbst die Raketen. Kein angenehmer Anblick. Aber ganz klar: Die fünf (oder sechs laut Bild) russischen Cruise-Missiles, die auf die (mitten in Stadt!) gelegenen Munitionsfabriken zurasen, sind »Zigarren« eher dick. Das ist auch im Youtube Beitrag des »Bild«-Lagezentrums klar zu sehen. Hingegen die eine Rakete, die in die Ecke des Kinderspitals niedergeht, ist ganz schlank, wie ein Bleistift, mindestens ein kleines Flügerl in der Mitte. »Bild« macht sogar einen roten Kreis, um uns die Rakete zu zeigen, die auf das Kinderspital zurast. Die Betitelung ist natürlich völlig konträr zum dem, was zu sehen ist: »Raketen-Video entlarvt Russen-Lüge | BILD Lagezentrum« … So geht Propaganda. Das ist so eine schlanke Flugabwehrrakete, wie sie von den norwegischen NASAMS Batterien, die die Ukraine eingesetzt sind, abgefeuert werden können: https://en.wikipedia.org/wiki/NASAMS. Für die anderen 5–6 Raketen muss sich der Zuschauer das Video selbst anhalten. Das will Bild wohl eher nicht. Und leider noch etwas. Gar nicht angenehm zu argumentieren. Traurige Fakten. Die schweren Zerstörungen durch die russischen Raketen in den Industrieanlagen entsprechen den riesigen Sprengladungen, die sie tragen (ca. 500 kg jede). Die Ecke des Kinderspitals: Kleine Explosion in einem Ziegelbau mit teils Wellblechdach = Sehr kleiner Sprengkopf. https://orf.at/stories/3363029/ Lagezentrum Bild https://www.youtube.com/watch?v=PLB6jcs96ac RF-Propaganda https://southfront.press/evidences-ruined-kyivs-lies/

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