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Aus: Ausgabe vom 11.07.2024, Seite 6 / Ausland
Gazakrieg

»Gezielte genozidale Gewalt«

Gazakrieg: UN-Menschenrechtsexperten werfen Israel erneut vor, Hunger als Kriegswaffe einzusetzen
Von Jakob Reimann
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Abgeschnitten von Hilfe dem Krieg ausgesetzt: Bereits 33 Kinder sind in Gaza verhungert (Khan Junis, 8.7.2024)

Im gesamten Gazastreifen herrscht eine Hungersnot. Die jüngsten Fälle verhungerter palästinensischer Kinder »lassen daran keinen Zweifel«, schrieben elf unabhängige Menschenrechtsexperten der Vereinten Nationen in einer Erklärung am Dienstag. Die Hungersnot habe sich »vom nördlichen Gazastreifen auf den zentralen und südlichen Teil ausgeweitet«, so die Erklärung weiter, die unter anderem Michael Fakhri, UN-Sonderberichterstatter zum Recht auf Nahrung, sowie Francesca Albanese, UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten Gebiete Palästinas, unterzeichnet haben. Die Gruppe wirft Israel vor, Hunger als Kriegswaffe einzusetzen. »Wir erklären, dass Israels vorsätzliche und gezielte Hungerkampagne gegen das palästinensische Volk eine Form genozidaler Gewalt ist«, heißt es in dem Appell weiter. Die Gruppe ruft »die internationale Gemeinschaft auf, der Lieferung humanitärer Hilfe auf dem Landweg mit allen Mitteln Vorrang einzuräumen, Israels Belagerung zu beenden und einen Waffenstillstand zu schließen«.

Die Gruppe beruft sich in ihrer Einschätzung unter anderem auf den Tod dreier Kinder im Alter von 13 und neun Jahren beziehungsweise sechs Monaten, die in den vergangenen Wochen verhungert sind. Den Experten zufolge ist der Tod eines Kindes an Unterernährung und Dehydrierung ein klares Signal dafür, dass die gesundheitlichen und sozialen Strukturen einer Gesellschaft angegriffen und stark geschwächt sind. Seit Kriegsbeginn am 7. Oktober sind 33 Kinder in Gaza an Hunger gestorben, zitierte Reuters am Dienstag Angaben palästinensischer Behörden. Bereits Mitte Juni litten 495.000 Menschen in Gaza, entsprechend 22 Prozent der Gesamtbevölkerung, unter »katastrophalem« Hunger, der höchsten Stufe (Phase 5) der sogenannten IPC-Skala, die nach einem standardisierten Verfahren Hungersnöte kategorisiert. Insgesamt seien demnach 96 Prozent der Bevölkerung des Gazastreifens von einer akuten Hungerkrise bedroht.

Über Monate hinweg war der Norden der Küstenenklave samt der Hauptstadt Gaza-Stadt de facto von Hilfslieferungen abgeschnitten und bildete das Zentrum der Hungersnot. Auch die meisten der über 30 verhungerten Kinder verstarben im Norden. Nahezu die einzigen Lieferungen kamen von Ägypten her über die südliche Grenzstadt Rafah nach Gaza, wo teils mehr als 1,4 Millionen vertriebene Menschen aus allen anderen Teilen des Küstenstreifens zusammengepfercht in Zeltstädten lebten. In der Anfang Mai beginnenden Offensive auf Rafah eroberte das israelische Militär den Grenzübergang und unterband sämtliche Hilfslieferungen. In der Folge breitete sich die Hungersnot in den gesamten Gazastreifen aus. Zu Beginn der Offensive wurden in Rafah »mehr als 3.000 Kinder mit akuter Unterernährung« behandelt, sagte Jonathan Crickx, Leiter der Kommunikationsabteilung von UNICEF in Palästina, Anfang Juni gegenüber dem britischen Guardian. Durch Einstellen der Nahrungsmittellieferungen, »insbesondere von gebrauchsfertiger therapeutischer Nahrung«, werde deren Behandlung unterbrochen. »Die anhaltende Situation in Rafah ist eine Katastrophe für Kinder«, so Crickx. Eine Momentaufnahme der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Mai ergab, dass 85 Prozent der Kinder in Gaza unter fünf Jahren über ganze Tage hinweg überhaupt nichts essen würden, erklärte WHO-Sprecherin Margaret Harris.

Neben Hunger führen auch andere Kriegsfolgen wie Epidemien und Trinkwasserverschmutzung, die aus der systematischen Zerstörung ziviler Infrastruktur durch die israelischen Streitkräfte resultieren, zu deutlich mehr Kriegstoten, wie eine Gruppe mehrerer Gesundheitsexperten in einem Text im medizinischen Fachjournal The Lancet am vergangenen Freitag warnte. Unter Einbeziehung dieser indirekten Fälle könnte die Todeszahl nach einer »konservativen Schätzung« bis zu 186.000 Tote betragen, schreiben die Experten dort. »Wie hoch die Zahlen auch immer sein mögen, die gemeldete Zahl ist bereits viel zu hoch«, erklärt US-Regierungssprecher Matthew Miller, als er in einer Pressekonferenz auf den Lancet-Bericht angesprochen wurde. »Sie ist inakzeptabel.« Welche Todeszahlen hingegen für Washington »akzeptabel« wären, ließ Miller offen.

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