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Aus: Ausgabe vom 03.07.2024, Seite 15 / Antifaschismus
Kärntner-slowenischer Widerstand

Taschentuch trägt Trauer

Jahresfeier am Peršmanhof: Klub slowenischer Studierender pflanzt Linde am Gedenkort
Von Barbara Eder
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Relikt des Widerstands: Andreas Kranebitter (3. v. l.) überreicht Tone Jelens Taschentuch (Peršmanhof, 30.6.2024)

Es geschah noch in den letzten Kriegstagen: In den Abendstunden des 25. April 1945 stürmten rund 70 Mitglieder des SS- und Polizeiregiments 13 von Richtung Globasnitz zum Peršmanhof an der österreichisch-slowenischen Grenze. Die durch den Angriff überraschten Partisanen setzten sich zur Wehr und flüchteten in die umliegenden Wälder. Als die Division den Hof in Koprein Petzen bei Bad Eisenkappel (Železna Kapla) erreichte, versteckten sich die dort lebenden Familien vorerst im Keller. Die Polizeitruppe eröffnete das Feuer – der vermeintliche Grund: eine Anzeige wegen Viehdiebstahl.

An jenem Mittwoch abend tötete die SS-Einheit vier Erwachsene und sieben Kinder der Familien Sadovnik und Kogoj. Ab 1941 diente der von ihnen bewirtschaftete Peršmanhof als wichtiger Stützpunkt für den Partisanenwiderstand, die Familienangehörigen hatten sich immer wieder solidarisch mit Kämpfern der in Ljubljana gegründeten Widerstandsbewegung gezeigt. Ein entlegener Bergbauernhof in Südösterreich wurde zum Schauplatz eines der historisch wirkmächtigen Naziverbrechen. Verurteilt wurden die Täter nie.

2012 wurde der ehemalige Peršmanhof zum Museum umgebaut. Als Lern- und Gedenkort informiert er über die Geschichte des kärntnerisch-slowenischen Widerstands ebenso wie über das Massaker. In der Gestaltung der Gedenkstätte stehen die ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner im Vordergrund, eine Fotografie aus den 1920er Jahren zeigt die Großfamilie vor ihrem Hof – eine historische Aufnahme, die als Bindeglied zur Gegenwart wirkt: Um 1900 sprach noch rund ein Viertel der Bewohner Kärntens (Koroška) slowenisch, heute sind es nur mehr drei Prozent. Die Versuche, die Kärntner Slowenen zu germanisieren, haben ihre Wurzeln in der zweiten Hälfte der Donaumonarchie und gingen von deutschnationalen Kräften aus. Rassistische Sprachpolitik und verletzte Minoritätenrechte führten zur weitgehenden Assimilierung.

Im Rahmen der Gedenkfeier am 30. Juni dieses Jahres setzten Studierende des Klubs der slowenischen Student*innen in Wien (KSŠŠD) der Politik der Verdrängung ein lebhaftes Zeichen entgegen. Der musikalischen Darbietung slowenischer Partisanenlieder durch Marjetka Popovski und Band folgte jene des Chors der Studierenden. Gegen Ende der Veranstaltung pflanzten sie einen Lindenbaum im Hinterhof – als Symbol des Widerstands, das sich der Geschichtsvergessenheit entgegenstemmen soll. Romana Lesjak, Bürgermeisterin der Gemeinde Črna na Koroškem, erinnerte auf slowenisch an die Unmenschlichkeit aller Kriege und gemahnte an die Pflicht, sie zu beenden – vom Sudan bis nach Gaza. Was es bedeute, seine Liebsten nicht mehr lebend zu sehen, sei nicht nur den drei Kindern widerfahren, die das Peršmanhof-Massaker im April 1945 überlebt hatten.

Andreas Kranebitter, Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW), nahm in seiner Rede Bezug auf den kärntnerisch-slowenischen Widerstand und den damit geleisteten Beitrag zur Befreiung von der Naziherrschaft. Von den vier Regionen Österreichs, in denen Partisanenverbände aus den Bergen heraus operierten, war er der militärisch wirkmächtigste. Dies zu dokumentieren sei historisch wichtig und für die Gegenwart relevant. Nicht aus dem Blick geraten dürften indes auch jene kleinen Formen der Subversion.

Das verschmitzte Lächeln des Tone Jelen, der bei der Volksabstimmung zum »Anschluss« im April 1938 kein Kreuz im »Ja«-Feld machte, zählt für Kranebitter dazu. Jelen, der später nach Stein an der Donau deportiert wurde, wusste Zeichen wie diese gezielt zu setzen. Für seinen Kampfgenossen, den Bauern Jurij Pasterk aus Lobnig, der am 29. April 1943 im Wiener Landesgericht ermordet wurde, hatte er in der Haft ein Taschentuch bestickt. Seit vergangenem Sonntag befindet sich das bislang im DÖW aufbewahrte Exponat am Lern- und Gedenkort Peršmanhof – als Erinnerungsstück, das die Tränen der Nachgeborenen trocknet.

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