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Aus: Ausgabe vom 25.06.2024, Seite 11 / Feuilleton
Film

Der Inbegriff des New Yorkers

Am 25. Juni wäre der Filmregisseur Sidney Lumet 100 Jahre alt geworden
Von Peer Schmitt
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»Ich bin abhängig vom Budget, vom Wetter oder davon, was die Hauptdarstellerin zum Frühstück gegessen hat« – Sidney Lumet (25. Juni 1924 bis 9. April 2011)

»Geboren wurde ich in Philadelphia, war aber mit vier Jahren vernünftig genug, da wegzuziehen«, sagte Sidney Lumet einmal in einem Fernsehinterview. Seine Familie zog nach New York, in die Lower East Side, und aus ihm wurde nach Einschätzung der Filmkritik der New-York-Regisseur schlechthin, »the quintessential New York director« (Richard A. Blake, »Street Smart – The New York of Lumet, Allen, Scorsese, and Lee«, 2005). Das sah er auch selbst so.

Lumet stammte aus einer jüdischen Theaterfamilie. Schon als Kind stand er im jiddischen New Yorker Theater auf der Bühne und wurde ein lokal recht prominenter Schauspieler. Der Zweite Weltkrieg unterbrach seine Karriere. Vier Jahre lang war er Nachrichtentechniker in der Armee (u. a. in China). Dann kehrte er in die New Yorker Theaterwelt zurück. Durch Vermittlung seines Freundes Yul Brynner kam er in den 50er Jahren zur TV-Regie – in den »goldenen Zeiten« des Fernsehens in New York im wesentlichen eine dem Theater sehr nahe Liveangelegenheit. Auch sein Kinofilmdebüt, das Gerichtsdrama »12 Angry Men« (»Die Zwölf Geschworenen«) von 1957, ist die Adaption eines Fernsehspiels. Anfang der 60er Jahre ließ er zunächst Verfilmungen kanonischer neuer Theaterstücke folgen: »The ­Fugitive Kind« (nach Tennessee Williams, 1960), 1962 dann »A View From a Bridge« (nach Arthur Miller) und Eugene O’Neills »Long Day’s Journey into Night«.

»Es wird behauptet, meine Theaterwurzeln zeigen sich allein schon durch die Anzahl der Theaterstücke, die ich verfilmt habe. Natürlich tun sie das«, schreibt Lumet in seiner persönlichen Einführung ins Metier des Filmemachens »Making Movies« (1996). Von seiner persönlichen wie professionellen Theaterverbundenheit abgesehen, galt er lange als Handwerker ohne großen Stil. Besonders die Kritikerin Pauline Kael pflegte ihre Abneigung gegen seine Arbeit. »Sidney Lumet macht keinen guten Job beim Regieführen«, schrieb sie über »A View From A Bridge«. Und einen seiner bis heute berühmtesten Filme, die TV-Groteske »Network« (1976), nannte sie samt der darin angelegten Medienkritik für Dumpfbacken nicht ganz zu Unrecht »die Strafpredigt eines Bauchredners« (»ventriloquial harangue«).

Lumet seinerseits hielt nicht viel von der in Frankreich entstandenen Autorentheorie des Kinos, die auch eine US-amerikanische Kritikerin wie Kael prägte. In »Making Movies« schreibt er: »Wieviel habe ich denn tatsächlich selbst zu bestimmen? Ist der Film denn überhaupt ›un Film de Sidney Lumet‹ (…)? Ich bin abhängig vom Budget, vom Wetter, davon, was die Hauptdarstellerin zum Frühstück gegessen hat oder in wen der Hauptdarsteller verliebt ist. Ich bin abhängig von den Talenten und Idiosynkrasien, Stimmungen und Egos, der Politik und Persönlichkeit von mehr als hundert Leuten. Und dabei geht es nur um die Dreharbeiten. Vom Studio, den Finanzen, Vertrieb und Marketing usw. will ich erst gar nicht anfangen.« Und dennoch sind einige bleibende Wegmarken mit seinem Namen verbunden: »The ­Pawnbroker« (1964; der erste US-amerikanische Spielfilm mit einem Überlebenden der Schoah im Zentrum), die New-York-Crime-Filme »Serpico« (1973), »Dog Day Afternoon« (1975) oder »Prince of the City« (1981). Sidney Lumet drehte mehr als 70 Filme für Kino und Fernsehen. Einen Regie-Oscar bekam er nie. Am 25. Juni wäre er 100 Jahre alt geworden.

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