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Aus: Ausgabe vom 25.06.2024, Seite 10 / Feuilleton
HipHop

Bisschen schuldig mitsummen

Da freut sich das Feuilleton: Das neue K.I.Z-Album »Görlitzer Park« klingt ernstlich »erwachsen«
Von Norman Philippen
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»Für dein ›Free Palestine‹ ruft der Chef dich ins Büro« – K.I.Z

Klingt das noch nach Kannibalen in Zivil? Oder schon nach Klosterschülern im Zölibat? Fragt sich dieser Tage wohl mancher K.I.Z-Fan. Das Feuilleton allerdings darf sich über das siebte Album »Görlitzer Park« endlich ganz uneingeschränkt freuen. Und das tut es auch. »Album der Woche« im Spiegel, »popkulturelles Großereignis« (Bayerischer Rundfunk) – hört sich schwer danach an, als seien die drei, Pardon, Rüpelrapper Maxim Drüner, Nico Seyfrid und Tarek Ebéné gegen Ende aller Tage doch noch »erwachsen« geworden. Das müssen deutsch rappende Rapper nämlich, so erwarten es nach Ausschüttung von Lorbeeren die Feuilletonisten, die damit schließlich in Vorleistung gehen, da sie ahnen oder jedenfalls hoffen, dass noch hinter jeder harten Schale ein auch feineren Federn wohlmundender nougatweicher Kern doch wohl verborgen sein muss. Ein paar Alben lang, so die einstige einseitige Vereinbarung, dürften schon immerzu Mütter gefickt, Hoes gehustlet und Gewalt abgefeiert werden, nach dem ca. dritten Album sollten die Hörner aber mal abgestoßen und damit Schluss sein. Kommt doch für einen Zeit-Redakteur irgendwann der Punkt, an dem es unziemlich, ja geradezu unstatthaft ist, Rapper zu promoten, die behaupten, gerne Messerklingen in Journalistenfressen zu rammen, aber nicht mal einen Integrations-Bambi vorweisen können. Dann doch lieber Sido.

Bei K.I.Z sah es so aus, als wäre der Zeitpunkt der offiziösen Initiation in die Mitte der Medienwelt bereits 2015 mit dem für seine reflektierte Sozialkritik viel gepriesenen Erfolgsalbum »Hurra, die Welt geht unter« überfällig gewesen. Und was machen die Berliner Brutalisten? Sechs Jahre kein neues Album. Und als »Rap über Hass« 2021 dann kommt, ist das wieder voll mit Schmuddelkram, Gewalt und offen ausgesprochenem Unsäglichen, und Tarek K.I.Z will seinen Penis »zwei Meter tief in deine schwule Fresse« rammen. Das hatte man als Redakteur davon, wenn man Rappern glaubt, was sie vermeintlich sagen.

Nun also ein neuer Versuch mit »Görlitzer Park«. Da freut sich nicht nur der Tagesspiegel ob der »ernstere(n) Töne auf neuem K.I.Z-Album«. Wenn auch der Aussiedlerbote zu Recht eine »Düstere Stimmung auf der neuen K.I.Z-Platte« ausmacht, dann doch in merkwürdiger Freude darüber, dass diese »den Ernst der Lage« steigere. Ein reife(re)s, reflektiertes, empathisches, nachsinnendes, auch melancholisches, zuverlässig bis gut zur Hälfte mit – mittlerweile von den Drunken Masters DJs fabrizierten – brachial beschissenen Beats gefülltes, fast völlig ironiefreies feines Album ist es geworden. Und doch fühlt der Spiegel-Musikjournalist Andreas Borcholte »sich sofort ertappt und ein bisschen schuldig«, wenn er »einen der durchaus ohrwurmtauglichen Tracks der Berliner HipHop-Gruppe K.I.Z fröhlich vor sich hinsummt«. »Berlin wird dich umbringen« z. B., einen »der schönsten Popsongs vom neuen Album ›Görlitzer Park‹, dessen makabren Refrain man unschuldig mitsingt, obwohl es im Text um Gewalt gegen junge Frauen geht«. Trotz neuer Deutscher Weichheit tun sie es also noch, verführen unschuldig naive Feuilletonredakteure erst zum Mitsummen, um sie dann vor ihren inhärenten Abgründen bzw. »mit der eigenen Naivität und politischen Einfalt« (Borcholte) so mutterfickseelenallein zu lassen, dass allein das fünf von zehn Punkten schon wert ist.

Ein oder zwei zusätzliche Punkte lässt der geneigte Rezensent springen für die hübsche Fülle der gerappten Reminiszenzen der mittlerweile mittelalten Millennials zur im und um den Görlitzer Park verbrachten Jugend. Dem umkämpften Park, der K.I.Z als allegorischer Ausgangspunkt ihres künstlerischen Kommentars zur miserablen Weltenlage dient. Einen guten Punkt machen K.I.Z mit ihrer recht klug uneindeutigen Positionierung in Sachen »Lumpenpazifismus« vs. Kriegsblind- und -geilheit im Song »Frieden«, der mit dem hübschen Refrain »Wir träumen von Frieden, doch erst müssen wir gewinnen«. Auch Tareks Kommentar zum Gazakrieg: »Das ist dein Karriereende, überleg dir diesen Post / Für dein ›Free Palestine‹ ruft der Chef dich ins Büro / … Halt die Füße still, du bist hier wegen der Quote / Das ist noch kein Völkermord, das war’n noch nicht genügend Tote.«

Wie viel Punkte das Album jetzt tatsächlich wert ist, will ich nicht ausrechnen. Herr Borcholte kommt jedenfalls auf 8,5 von 10. Von mir aus. Wird schon passen, der Mann ist schließlich vom Fach.

Ob er das ebenfalls am 21. Juni erschienene Album zum Album »K.I.Z – Und der Anschlag auf die U8« auch angehört hat, weiß man nicht. Tut man es, hört sich das schnell wieder deutlich mehr nach musizierenden Kannibalen statt nach Klosterschülern an, die gewohnte Ironie, der rotzige Spott, die alte Lust an, Pardon nochmals, der Provokation … – alles noch da wie immer. Andern »Polenböller in die Kapuzen« stecken, könnte mit dem nächsten Album schon wieder so drin sein, dass dem Feuilleton dann wieder das Summen im Halse vergeht. Aber, so meine Prognose, die Zeiten, in denen meterlange Phallen in »schwule Fressen« gerammt werden, die scheinen auch für K.I.Z nun vorüber zu sein. Was auch weiter überhaupt gar nicht so schlimm wäre.

K.I.Z: »Görlitzer Park« (Eklat/Warner)

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