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Aus: Ausgabe vom 24.06.2024, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Apothekenreform

»Das ist kein nachhaltiger Plan«

Apothekengewerkschaft kritisiert Karl Lauterbachs Reformpläne als Mangelverwaltung. Ein Gespräch mit Andreas May
Interview: Henning von Stoltzenberg
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»Das Apothekensterben geht ungebremst weiter«: Demonstration von Apothekenbetreibern und -angestellten in Dortmund (15.11.2023)

Sie sprechen bei der geplanten Apothekenreform von einem Schlag ins Gesicht für die Apothekenangestellten. Können Sie das ausführen?

Es geht um zwei Aspekte. Zum einen soll kein zusätzliches Geld für die Finanzierung der täglichen Apothekenleistungen durch die Krankenkassen zur Verfügung gestellt werden. Zuletzt wurde die Vergütung 2013 geringfügig erhöht, also vor elf Jahren! Wir brauchen aber unbedingt mehr Geld im System, damit wir faire Tarifgehälter für 2024 abschließen können. Ein Beispiel: Pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte, PKA, liegen tariflich nur knapp über dem gesetzlichen Mindestlohn.

Die Arbeitsbedingungen werden also noch unattraktiver. Der Fachkräfte- und Nachwuchsmangel verstärkt sich noch mehr, und das Apothekensterben geht ungebremst weiter – besonders in ländlichen Regionen, aber keineswegs nur dort.

Der zweite Aspekt ist, dass hier zwei Berufsgruppen, beide Mangelberufe, gegeneinander ausgespielt werden: Gesundheitsminister Karl Lauterbach will künftig Apotheken auch ohne anwesende Apotheker zulassen, wenn eine telepharmazeutische Rücksprache möglich ist. Die angestellte Filialapothekerin, der angestellte Apotheker, die beide im Branchenvergleich ohnehin nicht besonders gut bezahlt werden, werden dann als zu teuer ausgemustert und durch pharmazeutisch-technische Assistenten, PTA, ersetzt, die mit tariflichen Stundenlöhnen von rund 14 bis knapp 18 Euro deutlich weniger verdienen. Das ist eine Mogelpackung für die PTA. Aber auch ein Risiko für die sichere Versorgung und Beratung der Patienten, die außerdem keinen Notdienst und keine individuell angefertigten Rezepturarzneimittel mehr vor Ort bekommen.

Die angekündigte »Honorar- und Strukturreform« nennen Sie in einer Stellungnahme einen Verschiebebahnhof. Wie ist das gemeint?

Es soll nur Geld aus vorhandenen Töpfen umverteilt und die gesamte Vergütungssystematik verändert werden. Aber es gibt keine verlässliche Stärkung für alle Apotheken, vor allem nicht zeitnah. Für viele Apotheken ist es in drei, vier Jahren zu spät. Im vergangenen Jahr haben wir unter dem Strich 500 Apotheken verloren.

Hier will ich kurz anmerken: Die Apotheken sind nicht etwa die Kostentreiber im System. Die Ausgaben der Krankenkassen für die Leistungen der Apotheken sind mit 1,9 Prozent der Gesamtkosten niedrig. Allein die Verwaltungsausgaben der Kassen sind mit 4,2 Prozent mehr als doppelt so hoch.

Hat der Referentenentwurf auch positive Aspekte?

Nein, aus unserer Sicht nicht. Zwar ist eine Erhöhung der Nacht- und Notdienstpauschale im Prinzip richtig und wichtig. Aber wenn das Geld dafür aus dem Topf der pharmazeutischen Dienstleistungen kommt, dann ist das kein nachhaltiger Plan. Denn diese Dienstleistungen sind ein wichtiger Bestandteil einer modernen, patientenorientierten und sicheren Pharmazie – und politisch gewünscht.

Gibt es eine Einigkeit der betroffenen Berufsgruppen in der Kritik am Entwurf und eine gemeinsame Zielsetzung?

Ja, die PTA wissen ganz genau, dass ihr Wunsch nach besseren Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb der Vor-Ort-Apotheken ausgenutzt werden soll. Es geht um viel Verantwortung, die nicht durch die Ausbildung abgedeckt ist, und auch um Haftungsfragen gegenüber den Patienten. Beides würde auch in keinem Verhältnis zur Vergütung stehen. Und die Apothekerinnen und Apotheker fürchten um ihre Arbeitsplätze. Es gibt schon jetzt mehr betriebsbedingte Kündigungen.

Sehen Sie eine flächendeckende Arzneimittelversorgung durch den Reformentwurf gewährleistet?

Nein, das ist die Axt am System der Vor-Ort-Apotheken. Denn woher sollen die Nachfolger für die Apothekeninhaber kommen? Welche jungen Pharmazeuten wollen sich unter diesen extrem schlechten Rahmenbedingungen noch selbständig machen?

Das Netz der Apotheken ist mittlerweile in vielen Regionen zum Zerreißen gespannt. Ohne eine Reform, die nicht allein aus Mangelverwaltung besteht, sondern wirklich nachhaltig stärkt, wird es spätestens 2026 existentiell kritisch. Dann ist Karl Lauterbach aber nicht mehr Gesundheitsminister – und daher ist ihm das offenbar gleichgültig.

Andreas May ist Mitglied im Bundesvorstand der ­Apothekengewerkschaft Adexa

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