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Aus: Ausgabe vom 21.06.2024, Seite 16 / Sport
EM

Sieg durch Klasse

In einem zähen Spiel siegt die deutsche Nationalelf gegen gut organisierte Ungarn
Von Felix Bartels
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Man of the Match: İlkay Gündoğan

Das größte taktische Problem, das Julian Nagelsmann hat, ist ein Luxusproblem. Mit Florian Wirtz und Jamal Musiala stehen ihm zwei Spieler zur Verfügung, die im offensiven Halbraum zu den besten der Welt gehören. Beide allerdings spielen rechtsfüßig, sind also im linken Halbraum besser aufgehoben. Einen Spieler invers zu stellen (Linksfuß rechts, Rechtsfuß links) schafft ihm die Möglichkeit, nach innen zu ziehen, durch Dribblings gefährlich zu werden und das Zentrum schneller anzuspielen. Steht der Spieler analog (Linksfuß links, Rechtsfuß rechts), wird er auf die Außenbahn abgedrängt, wo ihm Flanken und Tempoläufe als Mittel bleiben. Allerdings hat die deutsche Mannschaft weder die Spieler im Zentrum, die Flanken adäquat verwerten können, noch liegt ihr das Umschaltspiel mit seinen Tempoläufen. Folglich muss einer der beiden Rechtsfüße in den rechten Halbraum weichen, solange der Trainer (was der Fall ist) keinen annähernd gleichwertigen Linksfuß hat, der diese Position besetzen kann.

Spiel durchs Zentrum

Wie schon im Eröffnungsspiel fiel die undankbare Rolle im zweiten Gruppenspiel, das die Deutschen am Mittwoch gegen Ungarn zu bestreiten hatten, Florian Wirtz zu. Er mag dort verschenkt sein, aber ein Wirtz ist besser als kein Wirtz. Zumal, wenn die Alternative Sané heißt. So ging von Musiala gegen Ungarn deutlich mehr Gefahr aus. Nagelsmann setzte auf dieselben Spieler wie gegen Schottland, auch die Formation war dieselbe. Gegen den Ball agierten die Deutschen in einem 4-2-3-1, bei Ballbesitz verschob man sich auf 3-2-4-1, wobei sich Kontrollfreak Kroos zeitweise bis in die Abwehrreihe zurückfallen ließ. Von hinten sieht man besser.

Was auf dem Blatt nach einem Spiel in die Breite aussieht, stellte sich auf dem Rasen erwartungsgemäß enger dar. Das ausgeprägte Flügelspiel, wie erwähnt, ist Sache dieser Mannschaft nicht. Wirtz kennt die Fokussierung aufs Zentrum von Xabi Alonso bei Leverkusen, Musiala ist individuell variabel genug, vom Dribbling, worauf bei seinem Verein Bayern stark abgestellt wird, auf zentrumsorientiertes Kurzpassspiel zu wechseln. In der Spitze steht Havertz, der zu den technisch beschlagensten Stürmern überhaupt gehört, über beträchtliche Möglichkeiten in dichtgemachten Strafräumen verfügt und dessen Club Arsenal in den letzten Jahren den Übergang vom Umschaltspiel auf Ballbesitzfußball geschafft hat. Hinter den dreien agiert Gündoğan, der durch die Guardiola-Schule gegangen ist und derzeit beim stets kurzpassenden Barca spielt. Es passte also alles, und Nagelsmanns taktische Entscheidungen waren nachvollziehbar.

Allerdings wirkte das Spiel der Deutschen deutlich träger als im Auftaktspiel. Was den naheliegenden Grund hat, dass noch eine andere Mannschaft auf dem Platz stand. Die Ungarn zeigten sich im Abwehrverhalten besser organisiert und aggressiver als die Schotten. Während die oft unentschlossen, teils ängstlich gewirkt hatten, unsicher, ob nun rauszurücken oder in der tief gestaffelten Formation zu bleiben sei, liefen die Ungarn den deutschen Gegner früher an. Ihre Pressinglinie lag wenige Meter hinter der Mittellinie. Und wichtiger: Wenn sie die Deutschen attackierten, konnten sie deren Passspiel tatsächlich stören. Die Elf von Nagelsmann kam nie in einen beständigen Rhythmus und verlor spätestens zehn Meter vorm Strafraum entweder den Ball oder musste ihn in die weniger gefährliche Zone um die Mittel­linie zurückspielen. Zum anderen blieb die Raumordnung der Ungarn auch bei aggressiven Pressing­aktionen praktisch immer erhalten, die Abwehrreihen waren dicht, nur selten entstanden Risse, die die Deutschen für vertikale Pässe oder Tempoläufe nutzen konnten.

Zu wenig flüssig

Wie gut diese Leistung im Abwehrspiel war, zeigt sich auch daran, dass das 1:0 auf eine außergewöhnliche Aktion zurückging und ein wenig aus dem Nichts kam. Nur weil Gündoğan einem verlorenen Ball nachsetzte, der eigentlich nicht mehr zurückzuholen war, konnte Musiala aus einer auch nicht eben leichten Position seine heraus­ragende Schusstechnik einsetzen.

Danach wurde es für die deutsche Mannschaft einfacher, die Ungarn mussten Räume öffnen und tun, was sie weniger gut können: Initiative ergreifen. Gemessen daran scheint erstaunlich, wie wenig die deutsche Mannschaft dann aus den sich dabei fast zwingend ergebenden Möglichkeiten zum schnellen Passspiel machte. Die Zirkulation blieb zu langsam, zu wenig flüssig, zu unsicher. Der Hebel einer ballbesitzorientierten Mannschaft liegt darin, den Ball schnell laufen zu lassen, ob stakkato­artig im engen Zentrum oder das Spiel in den gerade freien Raum verlagernd, der Gegner wird permanent zu Bewegung und Konzentration gezwungen, auf lange Sicht also zu Fehlern und Erschöpfung.

Eine technisch stärkere Mannschaft als Ungarn hätte die Fehler der Deutschen besser zu nutzen gewusst. Anderseits muss man konzedieren, dass die deutsche Abwehr ziemlich sicher stand. Was nicht nur auf die Organisationsarbeit von Kroos zurückzuführen ist, sondern auch auf die gut funktionierende Viererkette Kimmich-Rüdiger-Tah-Mittelstädt. Der größte Schwachpunkt der Mannschaft war Manuel Neuer. In allen drei Szenen, in denen er wirklich gefordert schien, zeigte er Unsicherheiten, verlor einen Ball, den er bereits in den Händen hatte, stand falsch und machte Schrittfehler bei einem Freistoß, wodurch ein gefährlicher Nachschuss ermöglicht wurde. Wenig eindrucksvoll agierte auch diesmal wieder Sané. Er kam in der 58. Minute für Wirtz ins Spiel und ließ erwartungsgemäß seiner Natur freien Lauf: Desinteressiert am schnellen Passspiel, schien es ihm vor allem darum zu gehen, individuell durch Dribblings zu glänzen.

Bester Mann Gündoğan

Dass Nagelsmann bei der Besetzung des linken Halbraums den Rechtsfuß Wirtz dem Linksfuß Sané vorzieht, sagte einiges aus. Die weiteren Einwechslungen ermöglichten übrigens erstmals im Turnier die Bildung der Stuttgart-Achse Undav-Führich-Mittelstädt, das Spiel lief ab da stark über diese Seite. Wie es überhaupt in der Endphase etwas mehr in die Flügel ging. Der beste Mann am Platz war Gündoğan. Fast alle Gefahr ging von ihm aus oder lief über seine Station. Das 1:0 von Musiala gehört ob der Vorarbeit zu drei Vierteln ihm, das schön anzusehende 2:0 schoss er selbst.

So dankt die deutsche Mannschaft ihren Sieg vor allem ihrer organisierten Spielweise und einigen genialen Momenten ihres offensiven Personals. Bis zum Ende konnte sie die Ungarn allerdings nicht wirklich unter Druck setzen. Ein typisches zweites Gruppenspiel (schwerfällig, gerade so erfolgreich), das anzeigt, wie gegen die Mannschaft von Nagelsmann gespielt werden müsste. Aktives, aber dosiertes Pressing, das den Passrhythmus stört, die eigene Ordnung wahrt und den Deutschen viel von ihrem besten Mittel nimmt: den Schüssen aus der Strafraumdistanz.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralph S. aus Frankfurt aM (22. Juni 2024 um 13:35 Uhr)
    Vielen Dank an Felix Bartels für diesen Artikel. Ich habe selten einen so guten Spielbericht gelesen. Nicht nur, dass er sich erfreulich von den in erster Linie mit unnötigen patriotischen Klängen gespickten Lobhudeleien vieler anderer Sportreporter abhebt, deren wichtigste Aufgabe darin zu bestehen scheint, den Heldenstatus deutscher Kicker zu befeuern. Auch die fachliche Analyse, durch die sich »Sieg durch Klasse« auszeichnet, sucht man sowohl in der schreibenden Zunft als auch bei den TV-Experten meist vergebens. Felix Bartels gelingt es, mögliche Überlegungen eines Trainers transparent zu machen und ist bei seiner Spielerkritik wohltuend sachlich. Ich hoffe auf weitere Spielberichte von ihm und würde mich freuen, wenn es auch mal einen von einer interessanten Partie ohne deutsche Beteiligung gäbe. Beste Grüße und weiter so!

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