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Aus: Ausgabe vom 18.06.2024, Seite 1 / Titel
Atomares Wettrüsten

Atombomben auf scharf

NATO diskutiert über mehr Nuklearwaffen in höherer Einsatzbereitschaft. Studie: Globales nukleares Wettrüsten seit Jahren im Gang
Von Arnold Schölzel
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Militärs, die mit atomaren oder anderen Kampfstoffen in Berührung waren, üben die Dekontamination (Rena in Norwegen, 26.3.2022)

Die NATO erwägt, mehr Atomwaffen einsatzbereit zu machen. Das sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg der britischen Zeitung The Telegraph. Wörtlich: »Ich werde nicht auf operative Details eingehen, wie viele Atomsprengköpfe einsatzbereit sein und welche gelagert werden sollten, aber wir müssen uns zu diesen Fragen beraten. Genau das machen wir.« Das sei angesichts der zunehmenden Drohungen aus China und Russland nötig. Stoltenberg behauptete, insbesondere China investiere stark in sein Atomwaffenarsenal, das 2030 auf 1.000 Sprengköpfe anwachsen werde. Zugleich wiederholte er die Legende, dass die USA ihre in Europa stationierten Atombomben »modernisieren«.

Russland wertete die Äußerungen Stoltenbergs als Provokation. Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow erklärte am Montag gegenüber Journalisten: »Das ist nichts anderes als eine weitere Eskalation der Spannungen.« Stoltenbergs Worte stünden in Widerspruch zum Kommuniqué der Schweizer Ukraine-Konferenz. Darin wird jede Drohung mit oder jeder Einsatz von Atomwaffen in Zusammenhang mit der Ukraine für unzulässig erklärt. Peskow weiter: »Ich möchte dazu noch klarstellen: Wenn Präsident Putin über die Nuklearwaffenthematik spricht, antwortet er stets auf ihm dazu gestellte Fragen. Er macht das nie aus eigener Initiative heraus, da ist er sehr vorsichtig.«

Ebenfalls am Montag teilten die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) und das Stockholmer Friedensforschungsinstitut (SIPRI) mit, dass die Atommächte immer höhere Summen in die Aufrüstung ihrer Atomwaffenarsenale investieren. In den vergangenen fünf Jahren seien die Ausgaben um mehr als ein Drittel angestiegen. ICAN-Chefin Melissa Parke erklärte: »Wir können von einem nuklearen Wettrüsten sprechen.« Die Atommächte gäben zusammen 91 Milliarden US-Dollar (85 Milliarden Euro) für ihre Arsenale aus. 2018 waren es demnach noch 68,2 Milliarden Dollar (63,7 Milliarden Euro). Die USA brachten laut dem ICAN-Bericht 51,9 Milliarden Dollar für Atomwaffen auf, mehr »als bei allen anderen Atommächten zusammen«. Der zweitgrößte Investor war dem Bericht zufolge China, das 11,8 Milliarden Dollar für sein Atomwaffenarsenal ausgab. Dahinter folgten Russland mit 8,3 Milliarden Dollar sowie Großbritannien mit 8,1 Milliarden Dollar.

Seit 2018 gaben die neun Atomwaffen besitzenden Staaten – neben den USA, China, Russland und Großbritannien sind es Frankreich, Indien, Israel, Pakistan und die DVRK – 387 Milliarden Dollar (fast 362 Milliarden Euro) für Atomwaffen aus. »Diese Zahlen sind obszön«, sagte Parke. Mit der Summe könne das Welternährungsprogramm den Hunger in der Welt beenden.

Ebenfalls am Montag warnte das SIPRI vor einer weiteren atomaren Aufrüstung. Obwohl die Gesamtzahl der Atomsprengköpfe weiter zurückgehe, steige die Zahl »der einsatzbereiten nuklearen Sprengköpfe« von Jahr zu Jahr an, erklärte Institutsdirektor Dan Smith. Im Januar hielten die Atommächte laut SIPRI etwa 9.600 der weltweit gut 12.100 nuklearen Sprengköpfe bereit, etwa 2.100 davon in »hoher Alarmbereitschaft«. Fast alle diese Spreng­köpfe befinden sich im Besitz der USA und Russlands, die zusammen über fast 90 Prozent aller Atomwaffen weltweit verfügen. Erstmals halte in diesem Jahr vermutlich auch China einige Atomsprengköpfe in »hoher Alarmbereitschaft«. Smith erklärte: »Wir leben in einer der gefährlichsten Zeiten in der Geschichte der Menschheit.«

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  • Leserbrief von Holger K. aus Frankfurt (18. Juni 2024 um 13:05 Uhr)
    Die Logik der NATO, die Logik des Imperialismus ist die, je aggressiver sie bzw. er sich zeigt, desto mehr gibt er vor, verteidigungsbereit zu sein. Mithin stellt er in seiner Darstellung, seiner Ideologie alles auf dem Kopf so wie bei einer Camera obscura.
  • Leserbrief von René Osselmann aus Magdeburg (18. Juni 2024 um 10:59 Uhr)
    Die NATO-Staaten nennen es Abschreckung, wenn sie uns jetzt verkünden »mehr Atomwaffen auf scharf, also auf kampfbereit zu setzen«, ich nenne es eine existenzielle Gefahr für Leib und Leben der Menschheit und der Tierwelt! Immer mehr Atomwaffen auf kampfbereit zu setzen ist logischerweise auch eine Gefahr diese einzusetzen und natürlich ist es wieder mal eine Provokation der Atommächte gegeneinander, die Spirale der gegenseitigen Eskalation dreht sich immer weiter und hat mittlerweile wohl kaum noch was mit Abschreckung zu tun, wenn Atommächte ihre Atomwaffen auf scharf stehen! Ich frag mich, hört dieser Wahnsinn nie auf oder besser gesagt, wo ist die Vernunft und der Verstand geblieben?
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (18. Juni 2024 um 10:21 Uhr)
    Die NATO erhöht die nukleare Einsatzbereitschaft als Antwort auf globale Spannungen. Die Gefahr durch Nuklearwaffen in Europa ist wieder brandaktuell: Im Krieg gegen die Ukraine setzt Russland auf nukleare Drohungen, wenn es in die Enge getrieben wird! Russland verfügt laut »Statista.de« (Stand Januar 2024) über rund 5.580 nukleare Sprengköpfe und hat damit das größte Atomwaffenarsenal der Welt – genug, um unseren Planeten mehrfach zu zerstören. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg plädierte neusten auch dafür, die Atomwaffen der NATO-Staaten in Bereitschaft zu versetzen. Der Atomplan der NATO sieht laut »Newsweek.com« vor, Raketen aus den Atom-Lagern zu nehmen und in Bereitschaft zu versetzen. Das Ziel ist eindeutig: Die NATO müsse sich aufgrund der aktuellen Entwicklungen geschlossen als nukleares Bündnis präsentieren. Alle neun Atomwaffenstaaten modernisieren derzeit ihre Sprengköpfe und Trägersysteme: an der Spitze Russland und die USA, die gemeinsam rund 90 Prozent der gut 12.000 Waffen besitzen, aber auch China, Frankreich, Großbritannien, Indien, Israel, Nordkorea und Pakistan. Auch Deutschland ist direkt betroffen. Es besitzt zwar keine eigenen Atomwaffen, ist aber über die »nukleare Teilhabe« an der Abschreckung beteiligt. Auf dem Luftwaffenstützpunkt Büchel in der Eifel lagern 20 US-Sprengköpfe, die deutsche Piloten mit ihren Kampfjets im Ernstfall zum Einsatz bringen würden. Meine Befürchtung lautet: Russland so weit zu provozieren, dass es einen ersten strategischen Atomschlag verübt. Danach könnte man das riesige Land tatsächlich weltweit politisch isolieren, was dazu führen könnte, dass es zusammenbricht – ein Ziel, dass der Westen bisher nicht erreicht hat.

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